ich muss hole jetzt erst mal ein wenig zu meinem momentanen Buch ("Mord unter Freunden" von Maria Ernstam) aus und spoilere gleich auch. Zunächst einmal für alle zugänglich: Gefällt mir nach wie vor gut. Fühle mich gut unterhalten und werde zum nachdenken über dies und das angeregt. Manchmal legt die Autorin kleine aber feine psychologische Begründungen rein für das Verhalten ihrer Figuren, die schon sehr treffend erscheinen. So z. B. hier warum Mari mit jemanden wie David zusammen gekommen ist. Weil ihre Eltern sie nie so wirklich beachtet/gesehen haben. Und da kam David, der sie wenigstens manchmal (in seinen guten Momenten) gesehen hat. Und das hat Mari veranlasst sich ihm voll und ganz hinzugeben - wegen dieser Momente, in denen sie von ihm gesehen wird. Und im Rest der Zeit darauf hin fiebern wieder gesehen zu werden. Interessant. Oft sind es glaube ich wirklich diese kleinen Dinge, die wir Menschen sehnlichst brauchen und uns auf merkwürdigen Wegen holen, wenn wir sie nicht selbverständlich bekommen.
Und nun zu einigen Spoileren in Spoilerschrift. Bitte wirklich nur lesen, wer das Buch nicht lesen möchte oder schon kennt, denn hier verrate ich meine Eindrücke, von deren Wahrheitsgehalt ich (zumindest in den grundlegenden Punkten) überzeugt bin. Das würde Lesespaß nehmen, wenn man es vorab erfahren würde:
Zum einen: Dass David nicht mehr lebt, war wieder (nachdem ich in "Capirinha mit dem Tod" reingelesen hatte und Binchen ausführlich darüber hier berichtet hatte) typisch Maria Ernestam. Ob ich diese Elemente so gern mag, weiß ich nicht so recht. Denn ein bisschen möchte sie ja auch Effekthascherei damit betreiben. Sie gibt vor, David sei real. Dabei unterhält sich Mari nur mit ihm, weil er in ihrer Erinnerung existiert. Das kann ich soweit nachvollziehen. Verliert man einen Menschen, der einem sehr nahe stand, so ist die Erinnerung oft sehr intensiv. Zwar keinesfalls mit Realität zu vergleichen, aber vielleicht hilft es wenn man sich selbst gegenüber einfach so tut, als seien diese Gespräche, die man mit den Verstorbenen führt, nicht in Wirklichkeit Selbstgespräche. Aber den Leser darüber so im Unklaren lassen, will natürlich auch einen gewissen Effekt erzeugen. Ist auch legitim. Aber ich hoffe, die Autorin strapaziert dieses Element in ihren noch kommenden Romanen nicht über. Denn dann nutzt es sich auch ab. Und wird durchschaubar.
Apropos durchschaubar. Ich bin immer noch überzeugt davon, dass Fredrik Elsas Mann getötet hat. Doch auch wenn er es nicht gewesen sein sollte, so bin ich von etwas anderem länger schon überzeugt und das verdichtet sich auch immer mehr:
Nicht nur Mari hat sich ihren David "erhalten", sondern auch Fredriks Miranda ist nicht real. War es wahrscheinlich auch nie. Ganz viel spricht dafür. Und leider habe ich den Eindruck, dass die Autorin es nicht mit Absicht so offensichtlich macht, sondern dass sie schon noch denkt, dass der Leser nicht wirklich drauf aufmerksam wird. Wie hast Du das empfunden, Binchen? Will die Autorin absichtlich dem Leser langsam die Wahrheit vor Augen führen oder will sie den Leser an der Nase herumführen und es gelingt ihr nicht so gut?
Was mich Fredriks erfundener Miranda auf die Spur gebracht hat? Na, zuerst hatte ich ja schon als der Mord geschah ganz deutlich die Vermutung, dass es Fredrik war. Weil so offensichtlich von SIE die Rede war, dann aber doch kein Name genannt wurde. Das verleitete mich dazu über Fredrik nachzudenken. Dann die auffälligen Haare, die auch auf eine Frau hindeuteten. Besonders aber auf Miranda.
Und jetzt wird Miranda auch noch so habgierig. Sie verleitet Fredrik zu der Tat (weil sie das Geld will für diesen Nachtclub) und heißt es gut, dass Elsas Mann getötet wird. Ebenso stachelt sie Fredrik für den zweiten Auftrag (die im Koma liegende Frau) an. Und nun weiß auch noch Michael (der Besitzer des Fata Morgana) von dem Unternehmen Kleopatras Kamm und Fredrik wundert sich, woher er es weiß. Fragt aber nicht, weil ihm einfällt, dass bestimmt Miranda ihn verraten hat. Und spätestens hier drängt sich mir der Verdacht doch sehr auf, dass Fredrik = Miranda ist. Und somit auch nicht Miranda Elsas Mann getötet hat, sondern natürlich Fredrik selbst. Aber die Verantwortung dafür kann er wohl seinem Alter Ego Miranda abgeben. Denn vermutlich ist sie genau das: Sein Alter Ego.
Und dann fallen mir auch Szenen aus den letzten Seiten ein, die da schon stark drauf hindeuteten: So sinniert Fredrik z. B. darüber, dass Miranda ihn immer findet/aufspürt, wenn er nicht gerade im Fata Morgana ist. Klar, wenn sie übernimmt oder wieder präsent wird, dann begegnet er ihr. Setzt sich mit ihr auseinander. Wie mit einem Gewissen. So z. B. als sie ihm jetzt wieder einzureden versucht, dass er den zweiten Auftrag ausführen soll. Er wehrt lauthals ab. Und die Leute weichen erschreckt vor ihm zurück. Wahrscheinlich weil die Passanten sehen, dass er Selbstgespräche führt. Sich selbst anbrüllt. Und nicht etwa eine Frau, mit der er redet.
Dann auch: Sie weiß sehr viel über ihn. Klar, das könnte er dieser Frau seines Vertrauens erzählt haben. Aber auch in den Szenen wird mir allzu deutlich, dass Miranda Fredrik selbst ist. Der Teil, der genau weiß, dass er z. B. damals seinen Vater getötet hat (Miranda macht Anspielungen auf den Jagdunfall).
Oder auch dass Fredrik seinen Freunden noch nicht von Miranda erzählt hat. Noch nicht. Wie das wohl ausfallen würde?
Noch eine Szene im Fata Morgana ist gerade denkwürdig. Fredrik beobachtet wie ein Künstler im Kleid auf der Bühne steht. Und als Mari kommt, sieht sie die Person im Kleid als KünstlerIN (!). Ich glaube auch hier wollte Maria Ernestam einen Hinweis - gut versteckt - einstreuen, den man bei einem späteren Nachlesen mit anderen Augen sehen würde: Nämlich dem, dass dieser Nachtclub ein Nachtclub für Transvestiten ist. Ich denke, dass Fredrik auch einer ist. Sagte ich ja bereits am Anfang des Buches, als ich Fredrik verdächtigte den Mord begangen zu haben. Denn das würde erklären, warum bei der Person, die offensichtlich die Tat begangen hat, von SIE die Rede ist.
Sollte ich recht haben mit alle dem, würde mich schon sehr interessieren ob andere das auch so schnell durchschaut haben (Binchen, Du hast es ja schon gelesen) und somit die Autorin ungeschickt vorgegangen ist. Oder ob sie es wohl gewollt hat, dass man das nach und nach erkennt? Oder aber ob ich einfach nur einen guten Riecher hatte. Am wenigsten gefallen würde mir die Erklärung, dass sie es als Effekt zum Schluss einsetzen wollte, aber ungeschickt vorgegangen ist.
Darüber hinaus schmälert das meinen Lesespaß nicht. Zumal für mich eh feststeht, dass die Effekte für die Autorin nicht im Mittelpunkt stehen. Es sind die Themen, die sie aufgreift, wegen derer sie (mir) gefällt. Es ist zwar bislang für mich zwei Punkte (von 10) unter "Die Röte der Jungfrau", das hätte von mir jedoch auch volle Punktzahl bekommen. Somit liegt "Mord unter Freunden" in meiner derzeitigen Wertung immer noch recht weit oben.
So, und nun zu Euren Leseerlebnissen.
@Martina: Was Du über "Allwissend" von Jeffrey Deaver schreibst, macht mir nun noch größere Lust auf das Hörbuch. Die aufgegriffenen Themen interessieren mich nämlcih sehr: bloggen, Internet - und dass man über sich nicht zu viel preisgeben sollte im Internet. Sicher sehr interessant!
Und im Buch kommt Kathryns Privatleben anscheinend nicht gar so zu kurz wie im Hörbuch. Auch davon können wir uns somit ein Bild machen. Danke für Deine Eindrücke. Die nehme ich mir mit, denn ich werde es ja auch hören, anstatt lesen.
@Lucy: Wirklich beeindruckend, Deine Leseliste März! Wozu eine Stimmbandentzündung alles gut ist!
Besonderes Interesse hast Du bei mir für Polina Daschkowas "Club Kalaschnikow" geweckt. Um die Autorin bin ich bislang gut drum herum gekommen. Was Du über sie schreibst, macht mir aber definitiv Lust darauf!
Und "Kühlfach 4" habe ich ja noch vor mir (als Hörbuch in meinem Fall). Scheine ich mich drauf freuen zu können!
Auch Deine Eindrücke zu Linus Reichlin haben mich interessiert. Bis auf die Physik scheint es ja doch ganz interessant gewesen zu sein, da Du Band 2 auch noch eine Chance geben willst. Und da mich Physik (wenn es denn interessant verpackt ist) durchaus interessieren könnte, halte ich es im Hinterkopf!
Deine Hörerlebnisse fand ich auch interessant. Schade, dass bei "Der Afrikaner" die Betonung des Sprechers manchmal etwas daneben war. Aber ich denke ich werde es dennoch - mangels Lesezeit - hören.
Und von Ross Macdonald habe ich mal "Ein Grinsen aus Elfenbein" als Hörbuch gehört. Ebenfalls von Christoph Lindert ganz toll gelesen. Hier geht es zu meiner
Den Minette Walters nach einem wahren Fall habe ich auch noch vor mir. Aber als Hörbuch. Scheint ja auch zu reichen.
@Doris: Oh, da freue ich mich jetzt noch mehr auf "Die Büchersammlerin". Das reinlesen hat mir schon so gefallen. Sehr netter (aber auf den ersten Blick nicht platter) Ton, geschwätzig und doch interessant und vorantreibend. Schön zu wissen, dass ich mich uneingeschränkt darauf freuen kann!
"Such mich" von Carol O´Connell interessierte mich vom Thema her - zum Glück - eh nicht so. Ich wäre zwar an der Heldin interessiert gewesen (Maria hatte so nett davon berichtet), aber diese Route 66-Geschichte hier, wirkte auf mich so überzogen. Gut, dass ich das erst gar nicht näher in Erwägung gezogen habe, da Du genau dieses Szenario so nervig fandest, wie ich es befürchtet habe. So kann ich ganz getrost die Finger davon lassen.
Aber auf Richard Yates machst Du mich wieder mal sehr neugierig! Wird doch Zeit, dass ich von ihm was lese! Liegt ja auf meinem SUB - sollte ich dort nicht mehr allzu lange liegen lassen. Danke für die Begeisterung - sie steckt an!


