von Barbara » Mi 2. Mär 2011, 16:51
Liebe Silke,
da das Buch, wie ich herauszulesen meine, psychologisch angelegt ist und aufzeigen soll, wie Trauerarbeit geleistet werden kann, endet das Buch für mich ganz klar so:
SPOILER:
Davis ist tot und war es auch von Anfang an!!!
Erzählt wird, wie Sarah nach und nach verarbeitet, dass ihr Mann gestorben ist. Denn es ist ganz eindeutig, er ist tot. Zunächst, da es so abrupt ist, kann sie es nicht glauben und sieht logischer Weise David immer mal irgendwo. Das sind Trugbilder des Inneren, der Wunsch, den man tief in sich trägt.
Aufgrund der Tatsache, dass Davids Leiche nicht gefunden wurde, verstärken sich der Wunsch nach seinem Leben und der Glaube an sein noch vorhandenes Dasein. Auch dies ist verständlich. Es kommt wohl ganz häufig vor, dass Menschen einfach nicht glauben können und nicht loslassen können, bis sie den Toten leibhaftig sehen bzw. anfassen können. Wir Menschen glauben nur das, was wir sehen. Auch Sarah glaubt erst an den wirklichen Tod von David, als sie am Ende (S. 327) von seiner bereits stark verwesten Leiche berichtet bekommt.
Warum wir als Leser glauben, dass Davids noch lebt, ist nichts anderes als die Zwiesprache der Hinterlassen mit den Toten: Sarah unterhält sich sehr intensiv mit Davids und begibt sich bewusst an die Orte, an denen sie ihm besonders nahe sein kann: die Hütte, in der er seine letzten Stunden verbrachte. Und gerade in diesen sehr real zu seien scheinenden Szenen wird deutlich wie schwer es zu fallen scheint, loszulassen, einen Menschen ins Reich der Toten zu entlassen und sich mit dessen Tod abzufinden. Sarah kann sich noch nicht damit abfinden. Sie versucht es. Aber letztendlich kann sie es noch nicht.
Das Ende des Buches zeigt, die Bereitschaft Sarahs Davids Tod nun anzunehmen; verstärkt wird dies noch durch den Fund der Leiche. Nun nachdem sich Sarah nach und nach innerlich von David gelöst hat (Nate verkörpert übrigens für mich, die sporadischen Formen des Loslassens, gepaart mit der Wut auf den Toten, weil man alleingelassen wurde – daher auch seine extreme Ähnlichkeit. Zudem verkörpert Nate die Verherrlichung des toten im Nachhinein)), kann sie auch akzeptieren, dass er tot ist. Und als sie bereits ist, zu akzeptieren, wird auch die Leiche gefunden.
Wenn man das Buch so deutet, dann ist es klar, dass die Geschichte so enden muss und nur so enden kann! Dann ist das Ende aber auch vorab schon genauso vorhersehbar. Von der Dichte der Darstellung und der Bewusstmachung dieser Problematik, in der solche Menschen wie Sarah stecken, empfinde ich das Buch sehr gelungen. Es kann fast schon als Buch zur Lebenshilfe gesehen werden.
Ich hoffe, meine Deutung des Endes hilft Dir ein wenig weiter.
Liebe Grüße
Barbara