Hallo Ihr Lieben,
ich komme derzeit nur langsam mit dem Lesen voran. Viel Arbeit und der Kopf deshalb nicht so frei. Aber ich habe mit
“Postkarten“ trotzdem den richtigen Roman erwischt.
Annie Proulx packt mich mit ihrer Sprache auch in diesem Roman, wie schon auf so unvergessliche Weise in „Schiffsmeldungen“. Keine Seite von Loyals Odyssee ist langweilig. Annie Proulx malt mit Worten Bilder. Sie zeichnet Gefühle, Natur und Menschen damit so unglaublich intensiv nach, dass ich nur staunen kann. Alles kommt einem so nahe. Herbststürme, die Sträucher über das Land fegen, Feuer, dass sich ausbreitet, Samen, die sich durch den Wind über die Erde verteilen. Alles wird so plastisch, und mich wundert das insbesondere, da Annie Proulx Sprache eigentlich knapp ist. Nie wird sie ausschweifend. Und doch bleibt nichts oberflächlich. Sie zeichnet in „Postkarten“ wirklich ein Panorama der USA, jenseits des amerikanischen Traums. Ganz toll gemacht! Um dieses Panorama zeichnen zu können, hat sie Loyal auf eine unendliche Reise (Flucht) geschickt, die ihn in die verschiedensten Teile Amerikas führen, zu den verschiedensten Menschen, zu den verschiedensten Tätigkeiten. Aber sie zeichnet das Bild auch anhand des Rests der Familie Blood, die ohne Loyal klar kommen muss, und einen aussichtslosen Kampf ums Überleben der Farm führen. Ich finde auch dieses Bild des langsamen Verfalls imposant. Und wie sich irgendwann die Natur alles zurückholen wird, wenn wir Menschen unser Fleckchen Erde verlassen haben oder verlassen müssen, und andere, die übernommen haben, auch irgendwann nicht mehr sind. Für uns ist alles so wirklich, und unumstößlich, was uns umgibt. Und doch ist alles im ständigen Wandel, in ständiger Erneuerung. Das Buch löst viele gewaltige Gedanken beim Lesen aus – ich liebe das!
Nächste Woche werde ich noch brauchen, mal gucken, was ich mir dann als nächstes aussuche.
@Steffi: Bedauert habe ich, dass ich Deinen Bericht über „Gegen die Welt“ nur lesend begleiten konnte, was ich aber mit großem Interesse getan habe. Denn dieses Buch reizt mich auch sehr, und ich hatte sogar (manchmal ist es komisch) kurz bevor Du es begonnen hattest, in Erwägung gezogen, es zu lesen. Ich hatte mich dann aber doch für „Postkarten“ entschieden. Ich glaube das es vielleicht kein Zufall ist, dass der Roman von Jan Brandt uns zur ungefähr gleichen Zeit eingefallen ist. Für mich ist es ein Roman, den ich mir am besten vorstellen kann, in den Sommertage zu lesen. Irgendwie verbinde ich mit dem Inhalt (die zeitliche Ansiedlung) meine Kindheit, von der ich die lebhaftesten Erinnerungen in den Sommertagen habe. Vielleicht liegt es daran? Und vielleicht geht es Dir ähnlich, dass er für Dich auch eher zum Sommer passt. Würde mich interessieren, was Dich gerade jetzt hat zu dem Roman greifen lassen.
Mit Deinem Bericht machst Du mir jedenfalls große Lust darauf, ihn endlich selbst zu lesen. Leider komme ich die letzte Zeit nur sehr langsam mit dem Lesen voran, da das (Arbeits-)Leben mich sehr beansprucht, und ich wenig Zeit finde, und der Kopf auch oft nicht so klar ist, dass sich die nötige Ruhe einstellt. Und der Sommer dauert ja nicht mehr ewig, und es locken mich noch einige Bücher, die ich gern unbedingt im Sommer lesen möchte. Oder ich muss Kompromisse eingehen, und lesend den Sommer strecken.

Zu Ian McEwan möchte ich auch noch was sagen. Ich war begeistert von seinem Roman „Liebeswahn“. „Unschuldige“ kenne ich noch nicht, klingt aber gut. „Der Zementgarten“ kenne ich auch noch nicht, aber ich habe darüber auch viele nicht so positive Meinungen gelesen, so dass mein Interesse daran etwas verhalten ist. „Saturday“ habe ich von ihm noch gelesen. Es war sehr gut, aber langwierig. Somit kann ich von ihm am ehesten „Liebeswahn“ empfehlen. Falls Du noch mal Lust auf etwas von ihm haben solltest.
@Maria: Mit "Englische Passagiere" von Matthew Kneale erinnerst Du mich gleich an ein weiteres Buch, das ich unbedingt (und schon allzu lange) lesen möchte. Damals hatte wirn mir davon mal vorgeschwärmt. Oder war es Martine? Oder alle beide? Wie auch immer, ich verspreche mir davon ein besonderes Lesevergnügen, und Du bestätigst mir das mit Deinem Bericht, Maria.
Dass es zudem so gut zu Deinem Leseprojekt "Imperialismus/Kolonialismus" passt, ist ebenfalls schön. Toll fand ich hier auch die Beobachtung von Steffi, mit den 3 Vertretern der europäischen Kolonialpolitik, die ausgerechnet auf dem Schiff „Aufrichtigkeit“ zusammenfinden.

Auch das Wortspiel, das Du erwähnst, Maria, ließ mich lächeln.
Den familiären Zusammenhang zwischen Matthew Kneale und der Schriftstellerin Judith Kerr poste ich bei Gelegenheit noch in dem Thread über Schriftsteller, die miteinander in familiärer oder ehelicher Verbindung stehen, damit uns das nicht verloren geht, ja? Schön entdeckt!

Vielen Dank auch noch verspätet für Deine Worte zu „Postkarten“. Ich bin auch sehr froh, dass sie mich mit diesem Buch im Vergleich zum (ja, unübertroffenen) „Schiffsmeldungen“ nicht enttäuscht, sondern ein weiteres Mal überzeugt und überwältigt.
@Didonia @Trixie: Das mit den Krimis, die im Zug spielen, wusste ich auch nicht, Trixie. Didonia, die verlinkte Auflistung finde auch ich sehr interessant. Und gut zu wissen, dass ein Monk-Krimi von Anne Perry auch im Zug spielt. Ich liebe es, solche Details über Bücher zu wissen.
@Bonny @NatiFine: Auf „Schiffbruch“ mit Tiger bin ich nun doch neugieriger geworden. Ich überlege ob Hörbuch (das wäre für mich eine schöne Alternative zum Buch, Danke für den Hinweis, NatiFine). Aber es wäre für mich auch interessant, ob die Gedanken über
Gott und die Welt in dem Film gut wiedergespiegelt werden. Denn dann würde für mich der Film vielleicht auch reichen. Deshalb freut mich ungemein zu lesen, dass Du nun doch auch den Film schauen möchtest, Bonny. Bitte, bitte berichte, auch in Bezug darauf, wie gut das Buch in dem Punkt (und in anderen Aspekten) wiedergespiegelt wird.
@Sandra: Agatha Christies „Der Vorhang“ habe ich auch als Buch gekauft – vor ein oder zwei Jahren. Einer der Poirots, die mich besonders interessieren. Klar, da es der letzte ist. Viel Freude damit, und berichte, wenn Du ihn gelesen hast. Schön, dass Du Deinen Nicht-Kauf-Vorsatz für Agatha Christie dann doch gebrochen hast.

Und mit William Somerset Maugham hast Du ja mal wieder zu Deinem Lieblings-Schriftsteller gegriffen. Ich kenne bisher nur ein Buch von ihm. Ich las es in einer Zeit, als Du nicht so oft im Forum warst, deshalb noch mal an der Stelle: Ich las „Der bunte Schleier“ und war überaus begeistert von diesem Buch! Es hat mich innerlich sehr berührt. Und ich habe beim lesen ganz oft an Dich gedacht!
