von Momo111 » Sa 25. Aug 2012, 23:14
Erste Buchbesprechung zur o. g. Lektüre
(bis Seite 100)
Wenn man das Buch in den Händen hält, dann wirkt es so winzig. Man hat nicht den Eindruck, dass man mehr als fünfhundert Seiten in den Händen hat, nein, es wirkt wie ein Buch von hundertfünfzig Seiten. Ein sehr zart besaiteter Band. Die Seiten sind dermaßen dünn, dass man das Gefühle bekommt, man berühre beim Umblättern die Haut. Ja, das ist meine Assoziation zu dem Buch. Ein zierliches Buch, als wäre an ihm nicht viel Stoff behaftet, nur ein stattliches Gerippe, dafür viel Geist, will ich mal hoffen... .
In der Autorbiografie sind die Namen eher fiktiv, und auch inhaltlich finde ich manches nicht konform mit der Zeittafel des Lebens von Tolstoi verglichen. Seine Mutter ist gestorben als er zwei Jahre alt war, und im Buch lebt sie noch. Das Buch beginnt, als Leo zehn Jahre alt ist. Entweder hat der Vater die Tante von Leo nach dem Tod seiner Frau geheiratet, und Leo somit die Tante als seine Mutter verinnerlicht hat. Ich muss mich wohl noch etwas gedulden, bis sich hoffentlich alle Daten in dem Buch zusammengefügt haben, dass sie auch mit der Chronologie im Anhang Übereinstimmung finden... .
Nun versuche ich mich mal an meiner Buchbesprechung. Ersteinmal vorweg gesagt; ich habe Probleme mit russischen Namen. Manche Vornamen gehen ja irgendwie noch, ähneln sich ein wenig mit den deutschen Namen, aber die Familiennamen, die sind nicht nur sehr lang, sondern auch vom Klang her für mich sehr fremd, mit Ausnahme dieser Endsilbe vic oder witsch am Namensende. Und es treten so viele Nebenrollen auf, alle mit langen Namen. Ich rede demnach hier alle mit dem Vornamen an... .
Die männlichen Wesen in dem Buch scheinen wohl ausnahmslos alle nah am Wasser gebaut zu sein. Erinnert mich stark an die Literaturfiguren von Dickens, die auch viele Tränen vergießen, das mir manchmal ein wenig sentimental erscheint, egal ob die Tränen von Frauen oder von Männern geweint werden... . Es klingt manchmal recht künstlich... .
Der Erzähler ist Nikolenka, der in der Ich - Perpektive spricht... .
Nikolenka hat einen älteren Bruder namens Wolodja und noch zwei Schwestern, die von einer Gouvernante erzogen werden, während die Jungens von einem deutschen Lehrer unterrichtet und erzogen werden. Der Hauslehrer trägt den deutschen Vornamen Karl aber einen russischen Familiennamen Iwanowitsch. Wie er zu dem russischen Namen kommt, bleibt noch ungesagt. Karl Iwanowitsch spricht sehr schlecht russisch, aber in dem Haus werden mehrere Sprachen gesprochen, hauptsächlich französisch. Die beiden Jungen haben im Haus ein eigenes Klassenzimmer, und die Kinder werden vom Hauspersonal gesiezt. Also scheint es sich hier um eine Adelsfamilie zu handeln. Auch die Kinder anderer Adelsfamilien siezen sich untereinander.
Nikolenka ist gerademal zehn Jahre alt und erfindet eines morgens einen Traum, dass seine Mutter gestorben sei, und erzählt dem Hauslehrer Karl Iwanowitsch davon. (Deshalb denke ich, dass das eine unbewusste im Wachzustand fiktive Vision ist, und frage mich, ob es nicht doch mit dem Tod seiner wirklichen Mutter zu tun hat?), denn auf der Seite sechzig sitzt der Knabe auf dem Schoß seiner angeblichen Mutter und er liebkost sie ausgiebig, und die Mutter diese Liebkosungen aufnimmet wie die Pflanze das Wasser:
"Du hast mich also sehr lieb?" Sie schwieg ein Weilchen, dann sagte sie: "Hörst du, du musst mich aber immer lieb haben. Vergiss mich nie! Du wirst doch deine Mama nicht vergessen, auch wenn sie nicht mehr auf Erden ist? Du wirst mich nie vergessen, Nikolenka?" Sie küsste mich noch zärtlicher.
(An diesem Zitat, so denke ich, könnte man meinen, dass die Tante die Mutter ersetzt hat, und den Jungen wie ihr eigenes Kind zu lieben gelernt hat, und aber nicht möchte, dass sie nach ihrem Ableben in Vergessenheit geraten könnte, wie es mit der leiblichen Mutter geschah. Das ist jetzt nur eine Spekulation, die aber nicht unberechtigt ist)
Und nun die etwas altkluge Antwort Nikolenkas, der ja schon als Zehnjähriger wie ein verliebter Jüngling zu seiner Mutter spricht. Die Gefühle scheinen mir eher zu dick aufgetragen zu sein:
"Hör auf, du musst nicht so sprechen, mein Täubchen, mein Seelchen", rief ich, während ich ihre Knie küsste und meinen Augen Tränen entströmten, Tränen der Liebe und des Entzückens.
Die Familie sitzt in geselliger Runde. Während die Mutter Klavier spielt und die Söhne malen, versucht der Nicolenka ein besonders Bild auf dem Papier zu kreieren. Er möchte blaue Hasen malen, zweifelt aber daran, ob es blaue Hasen denn auch wirklich gibt. Er geht zu seinem Vater ins Arbeitszimmer und fragt ihn, ob es blaue Hasen gäbe, so kam für mich die überraschende Antwort:
"Ja, mein Freund, die gibt es". Nicht, dass ich die Antwort verurteile, aber ich habe sie nicht erwartet von einem Mann jenes Zeitalters, wo es den Vätern oft um Sachlichkeit ging... .
Nikolenka wird von einer Hausbediensteten aufgefordert, das Tischtuch nicht zu beschmutzen, und duzt dabei den Jungen und schlägt ihm ein nasses Tischtuch ins Gesicht. Er zeigt sich nicht nur entsetzt darüber, dass er das Tischtuch um die Ohren bekommt, sondern auch darüber, dass er von ihr geduzt wird. Doch als sich die Bedienstete mit einem Geschenkt bei ihm reumütig zeigt, wird auch das Kind weich:
Sie holte unter ihrem Brusttuch ein aus rotem Papier angefertigte Tüte hervor, in der sich zwei Mandeln und eine kandidierte Weinberge befanden, und reichte sie mir mit zitternder Hand. Ich hatte nicht die Kraft, der guten Alten ins Gesicht zu sehen; ich wandte mich ab, nahm die Geschenke an, meine Tränen flossen noch reichlicher, aber nicht mehr aufzuhalten, sondern aus Liebe und Beschämung.
Ich glaube, dass dem Autor tiefe Gefühle sehr wichtig sind. Um zu beweisen, dass er sie hat, sind für ihn eben auch Tränen ganz wichtig. Als die Familie sich auf dem Weg begab, nach Moskau zu reisen, waren auch hier die Tränen, natürlich waren das Abschiedstränen, gegenüber dem Hauspersonal, von hoher Wichtigkeit:
Als wir auf die Landstraße gelangt waren, erblickten wir ein weißes Tuch, mit dem jemand vom Balkon aus winkte. Ich begann mit dem meinigen zu winken, und diese Bewegung beruhigte mich ein wenig. Ich weinte weiter, und der Gedanke, dass meine Tränen von meinem Gefühl Zeugnis ablegt, bereitete mir Vergnügen und Genugtuung.
Nikolenka ist kein hübscher Junger, so beschreibt er sich zumindest aus dem Urteil seiner Mutter, die ihn darin bestärkt, andere Fähigkeiten zu entfalten, die ihn trotzdem zu einem besonderen Menschen auszeichnen könnten. Der Vater kannte seine Söhne schon recht gut. Die Zukunft des ersten Sohnes sah er darin, sich zu einem Weltmenschen zu entwickeln, und die des zweiten zu einem Dichter.
Die Großmutter hat Geburtstag und die Kinder denken sich, jeder für sich, besondere Geschenke aus. Nikolenka dichtete ein Geburtstagsvers für seine Großmutter, das er selbst als schlecht und unpassend bezeichnet, aber die Großmutter besonders stolz auf das Gedicht war. Sein Gedicht war angelehnt an das deutsche Gedicht von Karl Mauer:
Denk mein ferne,
Denk mein nah,
Denk mein gerne
Immerdar!
Denk mein, wenn ich lieg im Grab,
Wie so treu ich lieb dich hab!
(Von Karl Mauer)
umgeändert in:
Will lieb und gut stets zu dir sein
Grad wie zum lieben Mütterlein
Es findet ein Ball statt, an dem selbst Kinder sich beteiligen. Die Kinder werden schon früh in der Kunst des Tanzens eingeweiht. Das Tanzen geht bei Nikolenka gänzlich schief und wird vom Vater aus dem Ball in recht diplomatischer Form herausgeholt. Bei Nikolenka zeigt sich schon der erste Weltschmerz:
Oh Gott! Wofür suchst du mich so schrecklich heim?
Alle verachten mich und werden mich immer verachten…
Mir ist der Zutritt zu allem versperrt: zu Freundschaft, Liebe, Ehre… Alles ist verloren!! Warum hat Wolodja mir Zeichen gemacht, die jeder Mensch sehen müsste und die mir doch nichts halfen? Warum hat diese abscheuliche Prinzessin so nach meinen Beinen gesehen?… Warum hat Sonitschka… sie ist wirklich allerliebst, aber warum hat sie in diesem Augenblick gelächelt? Warum ist Papa rot geworden? Und warum hat er mich bei der Hand gefasst? Sollte auch er sich meiner geschämt haben? Ach, das ist schrecklich! Ja, wenn Mama hier wäre, die würde nicht über ihre Nicolenka errötet sein!…
So, hier mache ich schluss für heute.
Noch ein letzter Abschlussgedanke für heute, als Nebenbemerkung:
Mich lässt die Familie ein wenig an Marcel Proust erinnern, von der gesellschaftlichen Stellung her, und auch was diese übermäßige Hinziehung zur Mutter betrifft. Marcel Proust konnte sich erst sehr, sehr später von der Mutter abnabeln, eigentlich erst nach ihrem Tod, da war Marcel dreißig Jahre alt.
Mal schauen, wie es bei Nikolenka sich noch weiter entwickeln wird.