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Leo N. Tolstoi / Kindheit und Jugend

Beitragvon Momo111 » Fr 24. Aug 2012, 19:42

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Klappentext

Tolstois Frühwerk – meisterhaft! Tolstois schwermütig-heitere Erzählungen »Kindheit« (1852), »Knabenjahre« (1854) und »Jünglingszeit« (1857), die seinen Ruhm begründeten, gehören zu den eindrucksvollsten Erinnerungsbüchern der Literatur. Meisterhaft die reflektierend-ironische Distanz des erwachsenen Ich-Erzählers zu seinen kindlichen Gefühlen und jugendlichen Verirrungen und die subtile Analyse psychischer Regungen und charakterlicher Neigungen: Nach unbeschwerten Kindheitstagen auf dem Familiengut zieht Nikolenka nach Moskau ins Palais seiner strengen, Achtung gebietenden Großmutter um. Weit weg von Wäldern, Seen und Feldern sieht er sich in eine Welt der gesellschaftlichen Verpflichtungen versetzt. Aus dem Russischen übersetzt von Karl Bannwitz. Mit einem Nachwort von C. Lusin, Glossar und Zeittafel. Format 11,5 x 19 cm. Gebunden mit Schutzumschlag.


Autorenportrait im Klappentext

L. N. Tolstoi wurde am 9. September 1828 auf Gut Jasnaja Poljana geboren. Nach seinem Studium verwaltete er den heimatlichen Hof, 1851-56 Militärdienst im Kaukasus, an der Donaufront und in Sewastópol. Danach widmete er sich ganz seiner schriftstellerischen Tätigkeit sowie praktisch-humanitären Aufgaben. In seinem letzten Lebensjahr verließ er seine Familie, um in asketischer Einsamkeit zu leben. Er starb am 20. November 1910 in Astapovo. Mit seinen Hauptwerken "Krieg und Frieden" (1864-69) und "Anna Karenina" (1873-76) gilt er als einer der bedeutendsten russischen Autoren des 19. Jahrhunderts.


Von Tolstoi habe ich Anna Karerina gelesen und habe noch Krieg und Frieden im Regal stehen. Von Anna Kererina war ich sehr angetan, aber ich hatte bis heute noch nicht die Gelegenheit, weiteres von ihm zu lesen... . Das möchte ich jetzt nachholen mit einer Autobigrafie.

Das Buch habe ich entdeckt bei Jokers und muss es eine Restauflage gewesen sein, da es diese Ausgabe im Großhandel nicht mehr zu erwerben gibt, aber es gibt eine neue Ausgabe, mit dem selben Titel und dem selben Inhalt.

So, dann fange ich jetzt gleich mal an.
Momo111
 
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Leo N. Tolstoi / Kindheit und Jugend (1)

Beitragvon Momo111 » Sa 25. Aug 2012, 23:14

Erste Buchbesprechung zur o. g. Lektüre
(bis Seite 100)

Wenn man das Buch in den Händen hält, dann wirkt es so winzig. Man hat nicht den Eindruck, dass man mehr als fünfhundert Seiten in den Händen hat, nein, es wirkt wie ein Buch von hundertfünfzig Seiten. Ein sehr zart besaiteter Band. Die Seiten sind dermaßen dünn, dass man das Gefühle bekommt, man berühre beim Umblättern die Haut. Ja, das ist meine Assoziation zu dem Buch. Ein zierliches Buch, als wäre an ihm nicht viel Stoff behaftet, nur ein stattliches Gerippe, dafür viel Geist, will ich mal hoffen... .

In der Autorbiografie sind die Namen eher fiktiv, und auch inhaltlich finde ich manches nicht konform mit der Zeittafel des Lebens von Tolstoi verglichen. Seine Mutter ist gestorben als er zwei Jahre alt war, und im Buch lebt sie noch. Das Buch beginnt, als Leo zehn Jahre alt ist. Entweder hat der Vater die Tante von Leo nach dem Tod seiner Frau geheiratet, und Leo somit die Tante als seine Mutter verinnerlicht hat. Ich muss mich wohl noch etwas gedulden, bis sich hoffentlich alle Daten in dem Buch zusammengefügt haben, dass sie auch mit der Chronologie im Anhang Übereinstimmung finden... .

Nun versuche ich mich mal an meiner Buchbesprechung. Ersteinmal vorweg gesagt; ich habe Probleme mit russischen Namen. Manche Vornamen gehen ja irgendwie noch, ähneln sich ein wenig mit den deutschen Namen, aber die Familiennamen, die sind nicht nur sehr lang, sondern auch vom Klang her für mich sehr fremd, mit Ausnahme dieser Endsilbe vic oder witsch am Namensende. Und es treten so viele Nebenrollen auf, alle mit langen Namen. Ich rede demnach hier alle mit dem Vornamen an... .

Die männlichen Wesen in dem Buch scheinen wohl ausnahmslos alle nah am Wasser gebaut zu sein. Erinnert mich stark an die Literaturfiguren von Dickens, die auch viele Tränen vergießen, das mir manchmal ein wenig sentimental erscheint, egal ob die Tränen von Frauen oder von Männern geweint werden... . Es klingt manchmal recht künstlich... .
Der Erzähler ist Nikolenka, der in der Ich - Perpektive spricht... .

Nikolenka hat einen älteren Bruder namens Wolodja und noch zwei Schwestern, die von einer Gouvernante erzogen werden, während die Jungens von einem deutschen Lehrer unterrichtet und erzogen werden. Der Hauslehrer trägt den deutschen Vornamen Karl aber einen russischen Familiennamen Iwanowitsch. Wie er zu dem russischen Namen kommt, bleibt noch ungesagt. Karl Iwanowitsch spricht sehr schlecht russisch, aber in dem Haus werden mehrere Sprachen gesprochen, hauptsächlich französisch. Die beiden Jungen haben im Haus ein eigenes Klassenzimmer, und die Kinder werden vom Hauspersonal gesiezt. Also scheint es sich hier um eine Adelsfamilie zu handeln. Auch die Kinder anderer Adelsfamilien siezen sich untereinander.

Nikolenka ist gerademal zehn Jahre alt und erfindet eines morgens einen Traum, dass seine Mutter gestorben sei, und erzählt dem Hauslehrer Karl Iwanowitsch davon. (Deshalb denke ich, dass das eine unbewusste im Wachzustand fiktive Vision ist, und frage mich, ob es nicht doch mit dem Tod seiner wirklichen Mutter zu tun hat?), denn auf der Seite sechzig sitzt der Knabe auf dem Schoß seiner angeblichen Mutter und er liebkost sie ausgiebig, und die Mutter diese Liebkosungen aufnimmet wie die Pflanze das Wasser:

"Du hast mich also sehr lieb?" Sie schwieg ein Weilchen, dann sagte sie: "Hörst du, du musst mich aber immer lieb haben. Vergiss mich nie! Du wirst doch deine Mama nicht vergessen, auch wenn sie nicht mehr auf Erden ist? Du wirst mich nie vergessen, Nikolenka?" Sie küsste mich noch zärtlicher.

(An diesem Zitat, so denke ich, könnte man meinen, dass die Tante die Mutter ersetzt hat, und den Jungen wie ihr eigenes Kind zu lieben gelernt hat, und aber nicht möchte, dass sie nach ihrem Ableben in Vergessenheit geraten könnte, wie es mit der leiblichen Mutter geschah. Das ist jetzt nur eine Spekulation, die aber nicht unberechtigt ist)


Und nun die etwas altkluge Antwort Nikolenkas, der ja schon als Zehnjähriger wie ein verliebter Jüngling zu seiner Mutter spricht. Die Gefühle scheinen mir eher zu dick aufgetragen zu sein:

"Hör auf, du musst nicht so sprechen, mein Täubchen, mein Seelchen", rief ich, während ich ihre Knie küsste und meinen Augen Tränen entströmten, Tränen der Liebe und des Entzückens.


Die Familie sitzt in geselliger Runde. Während die Mutter Klavier spielt und die Söhne malen, versucht der Nicolenka ein besonders Bild auf dem Papier zu kreieren. Er möchte blaue Hasen malen, zweifelt aber daran, ob es blaue Hasen denn auch wirklich gibt. Er geht zu seinem Vater ins Arbeitszimmer und fragt ihn, ob es blaue Hasen gäbe, so kam für mich die überraschende Antwort:
"Ja, mein Freund, die gibt es". Nicht, dass ich die Antwort verurteile, aber ich habe sie nicht erwartet von einem Mann jenes Zeitalters, wo es den Vätern oft um Sachlichkeit ging... .
Nikolenka wird von einer Hausbediensteten aufgefordert, das Tischtuch nicht zu beschmutzen, und duzt dabei den Jungen und schlägt ihm ein nasses Tischtuch ins Gesicht. Er zeigt sich nicht nur entsetzt darüber, dass er das Tischtuch um die Ohren bekommt, sondern auch darüber, dass er von ihr geduzt wird. Doch als sich die Bedienstete mit einem Geschenkt bei ihm reumütig zeigt, wird auch das Kind weich:

Sie holte unter ihrem Brusttuch ein aus rotem Papier angefertigte Tüte hervor, in der sich zwei Mandeln und eine kandidierte Weinberge befanden, und reichte sie mir mit zitternder Hand. Ich hatte nicht die Kraft, der guten Alten ins Gesicht zu sehen; ich wandte mich ab, nahm die Geschenke an, meine Tränen flossen noch reichlicher, aber nicht mehr aufzuhalten, sondern aus Liebe und Beschämung.


Ich glaube, dass dem Autor tiefe Gefühle sehr wichtig sind. Um zu beweisen, dass er sie hat, sind für ihn eben auch Tränen ganz wichtig. Als die Familie sich auf dem Weg begab, nach Moskau zu reisen, waren auch hier die Tränen, natürlich waren das Abschiedstränen, gegenüber dem Hauspersonal, von hoher Wichtigkeit:

Als wir auf die Landstraße gelangt waren, erblickten wir ein weißes Tuch, mit dem jemand vom Balkon aus winkte. Ich begann mit dem meinigen zu winken, und diese Bewegung beruhigte mich ein wenig. Ich weinte weiter, und der Gedanke, dass meine Tränen von meinem Gefühl Zeugnis ablegt, bereitete mir Vergnügen und Genugtuung.


Nikolenka ist kein hübscher Junger, so beschreibt er sich zumindest aus dem Urteil seiner Mutter, die ihn darin bestärkt, andere Fähigkeiten zu entfalten, die ihn trotzdem zu einem besonderen Menschen auszeichnen könnten. Der Vater kannte seine Söhne schon recht gut. Die Zukunft des ersten Sohnes sah er darin, sich zu einem Weltmenschen zu entwickeln, und die des zweiten zu einem Dichter.
Die Großmutter hat Geburtstag und die Kinder denken sich, jeder für sich, besondere Geschenke aus. Nikolenka dichtete ein Geburtstagsvers für seine Großmutter, das er selbst als schlecht und unpassend bezeichnet, aber die Großmutter besonders stolz auf das Gedicht war. Sein Gedicht war angelehnt an das deutsche Gedicht von Karl Mauer:

Denk mein ferne,
Denk mein nah,
Denk mein gerne
Immerdar!
Denk mein, wenn ich lieg im Grab,
Wie so treu ich lieb dich hab!


(Von Karl Mauer)

umgeändert in:

Will lieb und gut stets zu dir sein
Grad wie zum lieben Mütterlein


Es findet ein Ball statt, an dem selbst Kinder sich beteiligen. Die Kinder werden schon früh in der Kunst des Tanzens eingeweiht. Das Tanzen geht bei Nikolenka gänzlich schief und wird vom Vater aus dem Ball in recht diplomatischer Form herausgeholt. Bei Nikolenka zeigt sich schon der erste Weltschmerz:

Oh Gott! Wofür suchst du mich so schrecklich heim?
Alle verachten mich und werden mich immer verachten…
Mir ist der Zutritt zu allem versperrt: zu Freundschaft, Liebe, Ehre… Alles ist verloren!! Warum hat Wolodja mir Zeichen gemacht, die jeder Mensch sehen müsste und die mir doch nichts halfen? Warum hat diese abscheuliche Prinzessin so nach meinen Beinen gesehen?… Warum hat Sonitschka… sie ist wirklich allerliebst, aber warum hat sie in diesem Augenblick gelächelt? Warum ist Papa rot geworden? Und warum hat er mich bei der Hand gefasst? Sollte auch er sich meiner geschämt haben? Ach, das ist schrecklich! Ja, wenn Mama hier wäre, die würde nicht über ihre Nicolenka errötet sein!…



So, hier mache ich schluss für heute.

Noch ein letzter Abschlussgedanke für heute, als Nebenbemerkung:
Mich lässt die Familie ein wenig an Marcel Proust erinnern, von der gesellschaftlichen Stellung her, und auch was diese übermäßige Hinziehung zur Mutter betrifft. Marcel Proust konnte sich erst sehr, sehr später von der Mutter abnabeln, eigentlich erst nach ihrem Tod, da war Marcel dreißig Jahre alt.
Mal schauen, wie es bei Nikolenka sich noch weiter entwickeln wird.
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Re: Momos Lesetagebuch

Beitragvon JMaria » So 26. Aug 2012, 08:24

Hallo Momo,

Wenn man das Buch in den Händen hält, dann wirkt es so winzig. Man hat nicht den Eindruck, dass man mehr als fünfhundert Seiten in den Händen hat, nein, es wirkt wie ein Buch von hundertfünfzig Seiten. Ein sehr zart besaiteter Band. Die Seiten sind dermaßen dünn, dass man das Gefühle bekommt, man berühre beim Umblättern die Haut. Ja, das ist meine Assoziation zu dem Buch. Ein zierliches Buch, als wäre an ihm nicht viel Stoff behaftet, nur ein stattliches Gerippe, dafür viel Geist, will ich mal hoffen...



eine starke Assoziation und Einleitung für eine Buchbesprechung !
Von Tolstoi habe ich auch schon einiges gelesen und werde deinen Bericht sicher verfolgen :-)


Blaue Hasen gibt es tatsächlich. Die Rasse heißt "Blaue Wiener" wegen ihres blauschimmernden Fells.
Schöne Grüße, Maria
Aktuell:

250. Geburtstag E.T.A. Hoffmann (24. Jan.)
100. Geburtstag Siegfried Lenz (17. März)
100. Geburtstag Ingeborg Bachmann (25. Juni)
100. Todestag von Rainer Maria Rilke (29.Dez.)


Sie schaffen eine Wüste und nennen das Frieden ( Tacitus )
Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen (Johann Wolfgang v. Goethe)
Das Leben und dazu eine Katze, das ergibt eine unglaubliche Summe (Rainer Maria Rilke)
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Re: Momos Lesetagebuch

Beitragvon Momo111 » So 26. Aug 2012, 10:59

Blaue Hasen gibt es tatsächlich. Die Rasse heißt "Blaue Wiener" wegen ihres blauschimmernden Fells.

Oh, danke Maria, für die Info. Dann hätte zumindest der Vater dem Sohn das erklären müssen. Werde ich dann bei mir noch nachträglich einbauen... .
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Re: Momos Lesetagebuch

Beitragvon JMaria » So 26. Aug 2012, 11:11

Momo111 hat geschrieben:
Blaue Hasen gibt es tatsächlich. Die Rasse heißt "Blaue Wiener" wegen ihres blauschimmernden Fells.

Oh, danke Maria, für die Info. Dann hätte zumindest der Vater dem Sohn das erklären müssen. Werde ich dann bei mir noch nachträglich einbauen... .



nicht unbedingt. Wie wird der Vater dargestellt? Als mächtiger Familienpatriarch vielleicht? Dann könnte ich mir vorstellen, dass er Erklärungen dem Hauslehrer überlässt.
Schöne Grüße, Maria
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Re: Momos Lesetagebuch

Beitragvon Momo111 » So 26. Aug 2012, 11:41

JMaria hat geschrieben:
Momo111 hat geschrieben:
Blaue Hasen gibt es tatsächlich. Die Rasse heißt "Blaue Wiener" wegen ihres blauschimmernden Fells.

Oh, danke Maria, für die Info. Dann hätte zumindest der Vater dem Sohn das erklären müssen. Werde ich dann bei mir noch nachträglich einbauen... .



nicht unbedingt. Wie wird der Vater dargestellt? Als mächtiger Familienpatriarch vielleicht? Dann könnte ich mir vorstellen, dass er Erklärungen dem Hauslehrer überlässt.


Nee, der Vater ist ein ganz weicher, wie schon gesagt, die Männer sind dort nah am Wasser gebaut... . Na ja, egal, ich kann ja nur aus meiner Sicht die Dinge darstellen, wie ich es für richtig halte, aus dem Kontext heraus. Ein "Ja" wäre mir definitiv zu wenig, nicht sachlich genug, egal ob Patriarch oder Nichtpatriarch, denn auch da gibt es Unterschiede. Charaktere sind niemals festgelegt, wie gesagt, ich urteile aus dem Kontext heraus.
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Leo N. Tolstoi / Kindheit und Jugen (2)

Beitragvon Momo111 » So 26. Aug 2012, 21:15

Dritte Buchbesprechung der o. g. Lektüte
(von Seite 101 - 200)

Leider konnte ich dem Rätsel noch nicht auf die Schliche kommen, weshalb der Todeszeitpunkt Tolstois Mutter von der Chronik im Anhang abweicht. Sollten die Daten nicht übereinstimmen, dann ist das Buch für mich keine reine Autobiografie... . Aber das hat man ja oft, dass in den Autobiografien Abweichungen zu finden sind.
Aber ein anderes Rätsel konnte mittlerweile gelöst werden, und zwar wie der deutsche Hauslehrer Karl Iwanowitsch zu dem russischen Familiennamen kam... . Doch dazu später.

Heute Nacht, gegen zwei Uhr, wurde ich Zeugin eines Totenfalls und habe an der Trauerfeier auch interessiert teilgenommen.


Pjotr Alexandrowitsch, der Vater Nikolankas, befindet sich mit seinen Söhnen in Moskau im Hause seiner Mutter, wo die Kinder für einen längeren Zeitraum dort verweilen und der Unterricht auch dorthin verlegt wurde.
In der Zwischenzeit war die Mutter der Jungen auf dem Lande zurückgeblieben, zusammen mit den Töchtern. Irgendwie scheint es Schwierigkeiten mit den finanziellen Verhältnisse gegeben zu haben und das Vermögen immer mehr schrumpft und Pjotr Alexandrowitsch es der Geschäfte wegen nach Moskau trieb. Um Kosten zu sparen, wollte Alexandrowitsch die Knaben einer öffentlichen Lehranstalt übergeben, doch die Mutter der Kinder setzte sich dafür ein, dass dies nicht geschah, da die Ausbildung an öffentlichen Schulen nicht gleichwertig so gut seien wie die durch einen Privatlehrer.

Alexandrowitsch erhält einen Brief von seiner Frau, eine recht besorgniserregende Nachricht. Seine Frau liegt im Sterben und in dem Brief sind alles Dinge geregelt, die sich seine Frau nach ihrem Ableben wünscht, mitunter war auch der Wunsch nochmals laut formuliert worden, die Jungen nicht auf eine öffentliche Schule zu übergeben.
Der Brief ist recht sachlich, aber auch traurig zugleich. Ein sterbender Mensch im Zwiespalt seiner Gefühle und seiner Vernunft. Eine Frau, eine Mutter und Ehefrau zugleich, die all ihre letzte Kraft zusammenrafft, um ihre Liebe ein letztes Mal zum Ausdruck zu bringen und um letzte Angelegenheiten als geregelt zu wissen:

Ich werde nicht mehr bei euch sein; aber ich bin fest überzeugt, dass meine Liebe euch nie verlassen wird, und dieser Gedanke ist für mein Herz so tröstlich, dass ich den herannahenden Tod ruhig und ohne Furcht erwarte.

Ich bin ruhig, und es ist Gott bekannt, dass ich den Tod immer als einen Übergang zu einem besseren Leben angesehen habe und noch ansehe; aber warum ersticken mich die Tränen? Warum werden die Kinder der geliebten Mutter geraubt? Warum wird dir ein so unerwarteter, schwerer Schlag zugefügt? Warum muss ich sterben, da doch eure Liebe mein Leben so grenzenlos glücklich gemacht hat?



Frau Alexandrowitsch erkrankte an einem grippalen Infekt, aus dem sie sich nicht mehr erholen konnte. Bei schlechtem Wetter war sie unpassend gekleidet... Wie schnell man damals das Leben verlieren konnte.

Nun denke ich doch an diese Vision zurück, die Nikoleka vor der Abreise hatte und er sich dafür schämte, weil er glaubte, einen Traum erfunden und erlogen zu haben.

Während der Trauerzeremonien mussten sich damals schon Trauernde mit leeren Floskeln abfinden, worüber sogar schon Nikoleka im Stillen für sich frustriert darüber äußerte:

Die tröstenden Redensarten, die sie zum Vater sagten (dass ihr dort wohler sein werde! dass sie nicht für diese Welt bestimmt gewesen sei), riefen bei mir eine Art Ärger hervor.


Interessant fand ich auch das Totenmahl, das aus anderthalb Pfund Rosinen, vier Pfund Zucker und drei Pfund Reis bestand.

Die Verstorbene war nicht nur als Mutter recht beliebt, nein auch in der Gesellschaft genoss sie einen überaus gutes Ansehen.

Selbst ihre Schwiegermutter, der man erst den Tod verheimlichte, geriet in einen schockähnlichen Zustand als sie dann schließlich doch davon erfuhr. Sie haderte mit sich, sie hadert mit ihrer verstorbenen Schwiegertochter, die noch vor ihrer Zeit gestorben sei. Dazu die Theorie des Erzählers:

Nur Menschen, die einer starken Liebe fähig sind, können auch starken Gram empfinden; aber eben dieses Liebesbedürfnis dient ihnen als Gegengewicht gegen den Gram und hielt ihn so. Infolgedessen ist die geistige Natur des Menschen noch lebenskräftiger als die körperliche. Gram tötet niemals.


Eine große Veränderung fand nun im Leben Nikolekas statt. Er kam mit vielem nicht mehr zurecht. Die Zeit seiner Kindheit ließ er mit dem Tod seiner Mutter hinter sich und betrat das Knabenalter (heute sagt man Pubertät, Jugendlichkeit).

Auf die Veranlassung seiner Großmutter wird der Hauslehrer Karl Iwanowitsch entlassen, weil er seine Aufsichtspflicht verletzt hatte. Die Kinder wurden dabei erwischt, als sie mit Schießpulver spielten und die Großmutter der Meinung war, dass sie mit dem Schießpulver beinahe das Haus in die Luft gesprengt hätten. Auch aus der Sicht Alexandrowitsch war das ein wenig übertrieben, da das Schießpulver recht harmlos war und trotzdem sollte der Hauslehrer entlassen werden und durch einen jungen und besser qualifizierten französischen Lehrer ersetzt werden. Sie bezeichnet den deutschen Hauslehrer als eine niedrigere und gewöhnliche Person:

Aber ich glaube, es wäre an der Zeit, für die Kinder einen Erzieher zu nehmen anstelle dieses Kinderwärters, dieses deutschen Bauern! Ja, dieses dummen Bauern, der ihnen nichts beibringen kann als schlechte Manieren und Tiroler Lieder! Es ist auch unbedingt nötig, dass Kinder Tiroler Lieder singen lernen.


Im Hause Alexandrowitsch wird die meiste Zeit französisch gesprochen, auch in der Abendgesellschaft, daher denke ich, dass der französische Pädagoge willkommen und als Lehrpersonal präferiert wird.

Karl Iwanowitsch trauert sehr, die Kinder, die er wie seine eigenen behandelt hatte, zu verlassen und fühlt sich vom Schicksal stark benachteiligt. Immerhin war er zwanzig Jahre in dem Haus angestellt, und erst plötzlich wird der Familie seine Untauglichkeit bewusst. Er erzählte Nikoleka aus seinem Leben und darüber, dass er schon immer ein verstoßendes Kind gewesen sei. Seine Mutter war durch ihn unehelich schwanger, und der Ehemann der Mutter nicht der richtige Vater und dadurch Karl das schwarze Schaf in der Familie gewesen ist, obwohl die Mutter ihn abgöttisch zwar liebte, sie sich aber gegen ihren Mann nicht durchsetzen konnte. Karl hatte noch zwei jüngere Halbgeschwister. Und hier erfährt man, dass der russische Familiennamen dadurch zustande kam, er hieß ursprünglich Karl Mauer, weil er aus Frankreich desertiert ist. Damals herrschte der deutsch-französische Krieg, und ein General, der für ihn Sympathien hegte, hatte ihm falsche Papiere ausgestellt, um ihm die Reise nach Russland zu befähigen, wo er als Lehrer sich betätigen könnte.
Auch über seine Kriegserlebnisse ließ er sich aus, und Nikoleka fragte ganz erstaunt, ob er denn wirklich Menschen getötet habe. (Ich musste dabei an den Band Krieg und Frieden denken).

Der neue Lehrer ist vor allem für Nikoleka der reinste Horror. Er setzte den mittlerweile Vierzehnjährigen unter eiem enormen psychischen Druck, dass seine schulischen Leistungen, vor allem in Gesichtete, stark nachließen. Er wurde von dem Lehrer zur Strafe über Nacht in die Dunkelkammer gesperrt, vor allem auch, weil Nikoleka sich gegen den Lehrer aufgelehnt hatte. Am nächsten Tag gerät Nikoleka auch mit seinem Vater in einen Konflikt, als schließlich sein Weltschmerz zum Ausbruch kam, dass es mich auch fast zu Tränen gerührt hat:

Die Tränen wollten mich ersticken; ich setzte mich auf auf ein Sofa, und war außerstande weiter zu reden, lehnte ich meinen Kopf auf die Knie meines Vaters und schluchzte dermaßen, dass ich glaubte, ich müsste gleich diesen Augenblick sterben.
"Wovon redest du, mein Kerlchen?" sagte Papa teilnahmsvoll und beugte sich über mich.
" Er ist mein Tyrann... Mein Quellgeist… ich werde sterben... Niemand hat mich lieb", konnte ich nur mühsam hervorbringen und bekam Krämpfe. (...)
Der Lehrer war keineswegs ein Dummkopf, besaß nicht geringe Kenntnisse und erfüllte uns gegenüber gewissenhaft seine Pflicht, aber ihm waren gewisse Charakterzüge eigen, die er mit allen seinen Landsleuten gemeinsam hatte und die der russischen Art so entgegengesetzt sind: leichtfertige Selbstsucht, Eitelkeit, Keckheit und verstiegenes Selbstbewusstsein. Alles das missfiel mir auf das äußerste. Natürlich hatte Großmutter ihm von vornherein ihren Standpunkt Betreff zu körperlicher Züchtigung klargemacht, und er wagte nicht, uns zu schlagen. Aber trotzdem drohte er häufig (...).


Seit dem Tod seiner Mutter ist Nikoleka nicht mehr so glücklich, wie er es einst war. Er haderte oft mit sich und entwickelte des öfteren philosophische Gedanken. Auch identifizierte er sich mit dem Schicksal seines ehemaligen Hauslehrers Karl Mauer:

So kam mir einmal der Gedanke, dass Glück hänge nicht von äußeren Umständen ab, sondern von der Art, wie wir uns ihnen gegenüber verhielten. Ein Mensch, der sich gewöhnt habe, Leiden zu ertragen, können nicht unglücklich sein; und um mich an Pein und Beschwerden zu gewöhnen, hielt ich, ungeachtet des entsetzlichen Schmerzens, die Wörterbücher von Tatischtschew (russ. Staatsmann, Historiker, Anm. d. Verf.) jedesmal fünf Minuten lang mit ausgestreckten Arm, oder ich ging in eine Bodenkammer und geißelte mir den nackten Rücken mit einem Strick so schmerzhaft, dass mir unwillkürlich die Tränen in die Augen traten.


Von seiner Schriftstellerischen Begabung geht aus dem Buch eigentlich nichts weiter hervor. Aber umso mehr hang er seinen philosophischen Gedanken nach:

Ich fragte mich: worüber denke ich eigentlich nach? Und ich antwortete mir: ich denke darüber nach, worüber ich nachdenke. - Worüber denke ich aber nach?- Ich denke, dass ich denke, worüber ich nachdenke, usw.


Ich mache nun hier Schluss, und tauche wieder ein in die Lektüre...
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Re: Momos Lesetagebuch

Beitragvon JMaria » Mo 27. Aug 2012, 08:43

Leider konnte ich dem Rätsel noch nicht auf die Schliche kommen, weshalb der Todeszeitpunkt Tolstois Mutter von der Chronik im Anhang abweicht. Sollten die Daten nicht übereinstimmen, dann ist das Buch für mich keine reine Autobiografie... . Aber das hat man ja oft, dass in den Autobiografien Abweichungen zu finden sind.


Hallo Momo,

Es ist auch keine reine Autobiographie. Tolstoi vermischt autobiographisches mit Fiktion.
Tolstoi war bereits mit 9 Jahren Vollwaise.

http://de.wikipedia.org/wiki/Kindheit,_Knabenjahre,_Jünglingsjahre
Schöne Grüße, Maria
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Leo N. Tolstoi / Kindheit und Jugen

Beitragvon Momo111 » Mo 27. Aug 2012, 11:49

JMaria hat geschrieben:
Leider konnte ich dem Rätsel noch nicht auf die Schliche kommen, weshalb der Todeszeitpunkt Tolstois Mutter von der Chronik im Anhang abweicht. Sollten die Daten nicht übereinstimmen, dann ist das Buch für mich keine reine Autobiografie... . Aber das hat man ja oft, dass in den Autobiografien Abweichungen zu finden sind.


Hallo Momo,

Es ist auch keine reine Autobiographie. Tolstoi vermischt autobiographisches mit Fiktion.
Tolstoi war bereits mit 9 Jahren Vollwaise.


Danke, Maria,das ist mir selbst auch klar geworden. Ist bei Fallada ähnlich gewesen, nur bei ihm wurde das im Klappentext auch dementsprechend deklariert und man war darauf vorbereitet. Ich lese das Buch seit vorgestern auch wie einen Roman und nicht mehr wie eine Autobiografie. Die echten Daten sind ja im Anhang aufgelistet... und trenne diese seit dem.
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Re: Leo N. Tolstoi / Kindheit und Jugen

Beitragvon JMaria » Mo 27. Aug 2012, 12:16

Momo111 hat geschrieben:
JMaria hat geschrieben:
Leider konnte ich dem Rätsel noch nicht auf die Schliche kommen, weshalb der Todeszeitpunkt Tolstois Mutter von der Chronik im Anhang abweicht. Sollten die Daten nicht übereinstimmen, dann ist das Buch für mich keine reine Autobiografie... . Aber das hat man ja oft, dass in den Autobiografien Abweichungen zu finden sind.


Hallo Momo,

Es ist auch keine reine Autobiographie. Tolstoi vermischt autobiographisches mit Fiktion.
Tolstoi war bereits mit 9 Jahren Vollwaise.


Danke, Maria,das ist mir selbst auch klar geworden. Ist bei Fallada ähnlich gewesen, nur bei ihm wurde das im Klappentext auch dementsprechend deklariert und man war darauf vorbereitet. Ich lese das Buch seit vorgestern auch wie einen Roman und nicht mehr wie eine Autobiografie. Die echten Daten sind ja im Anhang aufgelistet... und trenne diese seit dem.


Wahrscheinlich wird dir auch das Nachwort von C. Lusin weiter helfen.
Schöne Grüße, Maria
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