Siri Hustvedt - Ihre Bücher

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Siri Hustvedt - Ihre Bücher

Beitragvon Binchen » Fr 6. Mai 2011, 12:13

Hallo in die Runde,
nachdem einige hier sicher noch 'Der Sommer ohne Männer' lesen wollen und auch 'Was ich liebte' noch auf diversens Subs subt, hatten wir drüben im Radish-Thread festgestellt, das uns ein Thread zu Siri Hustvedt fehlt.

Maria war dort auch so nett mir Mut zu machen, dass ich auch was zum Buch zu sagen hätte - Und da es schon die Rezi von Doris im Forum Rezensionen gibt, :arrow: Link zur Rezi) hab ich mal hier meine Eindrücke dazu aufgeschrieben:

Siri Hustvedt, für mich eine neue Autorin, ich war vom Klappentext von 'Der Sommer ohne Männer' fasziniert und dachte, das könne ein Einstieg sein, diese Autorin kennen zu lernen, da der Inhalt mehr Bezug zu mir hat, als bei 'Was ich liebte'.

Die Geschichte – Mann wünscht sich Auszeit, weil er eine Jüngere kennengelernt hat, war nun nicht wirklich neu – aber schon der Anfang, die Formulierungen, die Frau als 'Pause' zu bezeichnen, ihre eigene Therapie in der Psychiatrie klein zu reden, hatten mich für das Buch gewinnen können.

Die Auszeit ihres Mannes nutzt Mia indem sie einen Sommer verbringt, der sich zufällig als ein Sommer ohne Männer herauskristallisiert. Sie besucht ihre Heimat, trifft auf die alte Mutter und deren Freundinnen, sie gibt einen Literaturkurs für Jugendliche und sie hat eine Nachbarin, deren Mann häufig unterwegs ist, und sie freut sich, dass ihre Tochter sie bald besuchen wird. Allerdings kommt sie natürlich nicht so einfach darüber hinweg, dass die 'Pause' Auslöser dieser Auszeit war.

Mal abgelenkt durch die neuen Personen im Umfeld fällt sie manches Mal in dumpfes Brüten zurück und mal freut sie sich am Leben teilzunehmen. Ihr Verhalten fühlt sich nachvollziehbar an. Ihr Umgang mit den alten Damen, die auf witzige Art immer mal wieder nicht gar so brav waren, wie man es von ihnen erwartete, ist erfrischend und zeigt auch für die Hoffnung, die denken, dass es im Alter nur noch darum geht, den nicht mehr so gehorchenden Körper zu überlisten. Leben findet auch im Kopf statt.

Die Probleme der jugendlichen Mädchen fordern ihre Mitarbeit, genauso wie die Nachbarin, die mit ihren kleinen Kindern überfordert ist, die Therapeutin hört zu … Ihre eigene Familie ist im Hintergrund tätig

Immer wieder formuliert Hustvedt mit einer gesunden Portion Humor und Intelligenz, was zur Situation gehört. Ihre Überlegungen zu ihren neuen Rollen sind geschickt formuliert, selbstironisch, analytisch. Es sind einige dabei, die mir gefallen haben.

Eine recht ausführliche Besprechung zu Jane Austens Überredung hat mich ebenfalls begeistern können.

Was für mich persönlich verzichtbar war?

Die Lyrik-Einspielungen, die jedoch, da Mia Literaturdozentin ist, zum Thema passen. Die Autorin hat damit trotzdem treffende Bilder geschaffen und auch die Themen der Stücke gut herausgesucht. Mich hat das gesamte Buch sehr gut unterhalten und ein paar Gedanken formuliert zu sehen, die man auch im Kopf herumschweben hatte, hat mir gut getan.

Wer stolpert noch in den Thread und erzählt, was an Siri Hustvedt faszinierend ist, was nicht so toll? Was an einem speziellen Buch gefällt? Hier ist Platz für diese Ideen.
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Re: Siri Hustvedt - Ihre Bücher

Beitragvon JMaria » Sa 7. Mai 2011, 10:22

Hallo zusammen,

abgebrochen habe ich die "zitternde Frau". Ich kam in keinen Rhythmus, ich glaube, das Buch besitzt auch gar keinen, sondern die Montagetechnik (Anreihung von Fakten, zuviele Schnitte), die sie verwendet, fand ich ehrlich gesagt furchtbar.

es ist kaum das richtige Buch um Siri Hustvedt und ihre Themen kennenzulernen, denke ich mal. Deswegen werde ich sicherlich noch etwas anderes von ihr ausprobieren. Ich neige nach langem überlegen zu "Was ich liebte" , scheint ihr bisher bester Roman gewesen zu sein.

Interessant ist, dass die Kritiker oder zumindest einer, den ich mir im Deutschlandfunk anhörte, weder die "zitternde Frau" noch "Sommer ohne Männer" als Roman durchgehen lassen, obwohl beides als solches bezeichnet werden.

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/1414864/

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Re: Siri Hustvedt - Ihre Bücher

Beitragvon JMaria » Sa 7. Mai 2011, 10:49

Siri Hustvedt ist auf Lesetour 2011:

http://www.rowohlt.de/sixcms/detail.php ... presse_akt
(nach unten scrollen)

leider kein Termin in meiner Gegend.

Grüße von
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Re: Siri Hustvedt - Ihre Bücher

Beitragvon JMaria » Mi 11. Mai 2011, 11:40

Hallo zusammen

ich habe mir "Sommer ohne Männer" aus der Bücherei ausgeliehen. Nach den ersten 50 Seiten habe ich den Eindruck, dass Siri Hustvedt eine Art offene Handlung versucht. Längere Kapitel wechseln sich mit kurzen Kapiteln ab, sind in sich abgeschlossen, das Hauptthema wird nicht aus den Augen gelassen, könnte aber auch alleine dastehen; diverse Wortumschreibungen und Einstreusel von Gedichten, geben dem ganzen einen lyrischen Rhythmus.

Beispiel:
ich erzählte Georg (Georgina) nicht, dass meine Tassen weg gewesen und wieder da waren....

oder

Früher war sie groß gewesen, doch ihre Wirbelsäule hatte sich der Osteoporose gebeugt....


Auf der einen Seite habe ich das Gefühl, dass hier Hustvedt etwas spezielles versucht, denn mit den Gedichten, kann mehr in Kürze tiefer blicken als mit 1000 Worten und mehreren Seiten.

Auf der anderen Seite besteht die Gefahr zu oberflächlich zu bleiben, denn eine Wortgewalt wie Herta Müller (die einen ähnlichen Stil verwendet) hat Hustvedt nicht, vielleicht auch bewußt nicht gewollt.

Ein weiterer Gedanke von mir war, dass diese offene Erzählform eine symbolische Offenheit für einen Neuanfang darstellt.

Jetzt mag mancher sich fragen, warum liest sie nicht einfach, warum diese Überlegungen! Also, kurz gesagt, das lässt die Erzählform für mich nicht zu. Ich frage mich, warum sie diese gewählt hat, was ich ehrlich gesagt, etwas riskant finde.


Mal sehen, wie es sich beim Weiterlesen entwickelt, die Story und auch mein Interesse daran.

@Binchen,
von meiner Sicht aus, durften die lyrischen Einsprengsel nicht fehlen, sonst kippt der ganze Erzählstil auseinander.


Viele Grüße
Maria
Schöne Grüße
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Re: Siri Hustvedt - Ihre Bücher

Beitragvon Binchen » Mi 11. Mai 2011, 13:00

Hallo Maria,

ich bin mir darüber im Klaren, dass für andere Leser genau die Lyrik-Elemente dazugehören.

Ich habe sie nur hingenommen.

Deine Analyse zum Schreibstil finde ich faszinierend - auf die Ideen wäre ich beim Lesen nicht gekommen ... - kann sie aber sehr gut nachvollziehen - Ich hätte sie aber auch nicht gesucht.

Ich bin gespannt, was Du noch aus dem Stil herausliest.
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Re: Siri Hustvedt - Ihre Bücher

Beitragvon Doris » Mi 11. Mai 2011, 13:10

Hallo alle zusammen,

ganz ehrlich, ich verstehe euer Anliegen ein Buch dermaßen auseinander zu pflücken einfach nicht.
Einerseits werft ihr Siri Hustvedt vor zu analytisch zu sein, aber andererseits verfolgt ihr genau diesen Weg. Ihr unterzieht das Buch einer geradezu wissenschaftlichen Analyse :(

Warum ein Buch nicht einfach genießen als das was es ist, warum aus jedem Satz eine Bedeutung herauslesen?
So kann lesen nicht wirklich ein Genuss sein und das finde ich sehr bedauerlich.

Liebe Grüße
Doris
"Das richtige ist das intensive Buch. Das Buch, dessen Autor dem Leser sofort ein Lasso um den Hals wirft, ihn zerrt und nicht mehr los läßt - bis zum Ende nicht, lies oder stirb! Dann liest man lieber." Kurt Tucholsky
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Re: Siri Hustvedt - Ihre Bücher

Beitragvon JMaria » Mi 11. Mai 2011, 13:36

Hallo Doris,

vielleicht hast du recht.
Ich weiß ja noch nicht mal (nach 53 Seiten) ob es sich lohnt solche Gedanken zu haben (wenn sie mich nur nicht so anfliegen würden). Doch ich glaube, wenn ich mir diese Gedanken nicht gemacht hätte, hätte mich das Buch bzw. das Thema nicht weiter interessiert. Ich kann auch über die Intention eines Autors in die Geschichte kommen und Genuß empfinden. Im Grunde erhoffe ich das vermutlich.

ich wollte keinesfalls das Buch madig machen.

Edit:
und ich kann nur bei Liebesromanen aufhören zu analysieren, echt schlimm mit mir :oops:

Liebe Grüße
Maria
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Re: Siri Hustvedt - Ihre Bücher

Beitragvon steffi » Do 12. Mai 2011, 09:10

Doris hat geschrieben:
Warum ein Buch nicht einfach genießen als das was es ist, warum aus jedem Satz eine Bedeutung herauslesen?
So kann lesen nicht wirklich ein Genuss sein und das finde ich sehr bedauerlich.


Also ich bilde mir schon ganz gerne eine Meinung und hinterfrage die Absicht des Autors. Denn ich hoffe immer, dass in jedem Buch mehr dahintersteckt als nur Geldverdienen. Für mich ist das erst der wirkliche Genuss beim Lesen, nämlich dann, wenn meine grauen Zellen etwas angeregt werden. Wenn sich da bei einem Buch nichts ergibt, ist es für mich langweilig. Für reine Unterhaltung schaue ich lieber einen Film oder eine Serie an.

Dass jeder anders liest und auch mit anderen Intentionen ist doch klar. Ich finde z.B. sehr bedauerlich, wenn man nichts aus einem Buch herauslesen mag.

@Binchen und Maria: Ich finde es sehr interessant, wie ihr das Buch empfindet. So unterschiedlich und doch kommt es auf einen gemeinsamen Nenner. Auch finde ich die Überlegungen über den Stil mit der Lyrik spannend, sicher ein Grund, warum das Buch polarisiert.
Gruss von Steffi

:lesen:
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Re: Siri Hustvedt - Ihre Bücher

Beitragvon Doris » Do 12. Mai 2011, 09:36

JMaria hat geschrieben:Hallo Doris,

ich wollte keinesfalls das Buch madig machen.



Liebe Maria,

das hätte auch garnicht zu dir gepasst.
Ich verstehe aber deine Absicht dahinter ;)

Liebe Steffi,

das tue ich auch, mir eine eigene Meinung bilden. Worauf ich hinauswollte war einfach die Tatsache dass man nicht alles so in Kleinteile zerlegen muss. Zumal gerade Maria vorher die Autorin als zu analytisch empfunden hat.

Liebe Grüße
Doris
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Re: Siri Hustvedt - Ihre Bücher

Beitragvon Rachel » Do 12. Mai 2011, 10:00

Hallo Ihr Lieben,

kennt hier noch jemand "Was ich liebte"? Bei mir ist die Lektüre ja schon einige Jahre her, von daher kann ich nicht mehr wirklich mit Einzelheiten zum Schreibstil dienen, aber das Buch hat mich damals absolut begeistert und ich würde es definitiv zu meinen Lieblingsbüchern zählen.

Als zu analytisch habe ich den Schreibstil damals keineswegs empfunden. Ich habe das Buch damals regelrecht verschlungen, während eines Umzugs, als ich eigentlich überhaupt keine Zeit dazu gehabt hätte. Mein Freund musste dann alleine unser Schlafzimmer streichen, während ich gelesen habe. :mrgreen:

Leider hat Siri Hustvedt kein weiteres Buch mehr geschrieben, das mich thematisch wirklich reizen könnte, auch "Der Sommer ohne Männer" spricht mich nicht 100% an. Ich denke, da greife ich lieber zum Hörbuch. Eure Diskussion verfolge ich aber mit großen Interesse.
Liebe Grüße,
Rachel

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