Georges Simenon: Maigret und der Gehängte von Saint-Pholien

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Re: Georges Simenon: Maigret und der Gehängte von Saint-Phol

Beitragvon Sonja » Fr 1. Apr 2022, 12:13

Hallo Petra,

Petra hat geschrieben:
ich danke dir für deinen Bericht! Und ich hatte es auch gleich wieder warm am Ofen. Ist auch nötig, draußen regnet es schon den ganzen Tag. :schirm:


danke gleichfalls, für Deinen Bericht und den Ofen :kaffee_trink: . Hier hat es gestern Morgen sogar geschneit, blieb aber nicht liegen.

Petra hat geschrieben:Ja, die Liebe von Jeunets Frau für ihren Mann war auch für mich deutlich spürbar und berührend. Zumal sie seit schon zwei Jahren getrennt waren. Auch seine Liebe zu ihr, weil er doch mal durch die Scheibe des Ladens geschaut hat, um sie zu sehen.

Jeunet tut mir sehr leid. Auch wie Maigret sein Leben noch mal kurz in Gedanken umreißt. Was für ein kümmerliches Dasein, und welch schlimmes tragisches Ende sein Leben genommen hat.


Mir auch,

Petra hat geschrieben:Ja, die Spritztour! Bei meiner morgendlichen Schicht gestern blieb mir die Luft weg! Was sagt man dazu? Da nutzt Van Damme die Autopanne ganz unverhofft. Was für ein Schreck! Für Maigret und mich. Du warst bestimmt genauso erschrocken. Aber wie unangenehm jetzt für Van Damme.


Und wie! Ich habe es jetzt noch vor Augen. Ja! Jetzt hat Maigret ihn!

Petra hat geschrieben:Da bewundere ich ja wieder Simenon. Wie er die Befindlichkeit von Van Damme beschreibt. So eindringlich, und so nachvollziehbar. Diese Selbstsicherheit, die sich durch sein Über-Engagement als Unsicherheit entlarvt und in Nervosität umschlägt. Und wie er dann sein wahres Gesicht zeigt: gereizt und alles andere als der freundliche Mann, als der er sich gezeigt hat. Und das verdichtet Simenon in wenigen Sätzen. Er beeindruckt mich immer wieder mit seiner Gabe die Menschen psychologisch aufzuschlüsseln. So echt und lebensnah.


So geht es mir auch. Und es sind ja so viele verschiedene Charaktere, die er einem auf diese Weise nahe bringt. Und somit kommt man einem Van Damme dann näher, als man es gedacht oder gar gewollt hätte. Wobei - ganz wie Maigret es auch macht - um die Informationen über die Menschen und den Fall zu sammeln, muss man dann auch einen Van Damme aushalten.

Petra hat geschrieben:Ich war froh, als Maigret in seinem Büro am Quai des Orfèvres mit dem Rücken vor dem bullernden Ofen stand.

Das Gespräch mit Van Damme im Büro hat mir Vergnügen bereitet. Wie Maigret ihn verunsichert. Klasse, nicht wahr?!


Das war so genial und lässig Maigret Van Damme dann in seinem Büro schmoren lässt. Diese Ruhe - phantastisch.

Petra hat geschrieben:Und jetzt ist der Bruder von Louis Jeunet aufgetaucht. Maigret kommt damit seiner wahren Identität näher. Das wird ihm bei seinen weiteren Ermittlungen helfen.


Die Begenung mit dem Bruder empfand ich ähnlich, wie mit Jeunets Frau. Obwohl er ihn so lange nicht gesehen hatte, war da diese tiefe Zuneigung und dann die Fassungslosigkeit, dass er selbst die Hand gegen sich gerichtet hatte.

Petra hat geschrieben:Ja, wem mag der Anzug gehören? Und wie kamen das Blut darauf? Das frage ich mich auch.


Nun bin ich mit Maigret in Lüttich (nach dem sehr netten Zwischenstop Zuhause bei Madame Maigret) bei dem Schneider gewesen, wo sich herausstellt, er kann ihn gar nicht geschneidert haben. Und dann die Begegnungen mit Belloir, Lombard und Van Damme. Klasse! Das Anschauen von Lombards Bildern fand ich schon etwas gruselig...

Und die große Frage - was geschah am 15. Februar 10 Jahre zuvor?

Nach dem Verlassen der Bar, bin ich nun mit Maigret im Hotelzimmer. Es gilt eine Nachricht nach Paris zu senden.

Petra hat geschrieben:Ich lege im Ofen wieder nach. Die Nacht wird es bestimmt wieder kühl. :nicken_freudig:

Danke, es tat gut den warmen Ofen vorzufinden. Ich hab schön weitergeheizt :nicken_freudig:
Liebe Grüße, Sonja

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Re: Georges Simenon: Maigret und der Gehängte von Saint-Phol

Beitragvon Petra » Fr 1. Apr 2022, 20:00

Hallo Sonja,

Sonja hat geschrieben:danke gleichfalls, für Deinen Bericht und den Ofen :kaffee_trink: . Hier hat es gestern Morgen sogar geschneit, blieb aber nicht liegen.


Ja, Schnee, hier jetzt auch. :zusammenzuck:
Umso wichtiger, dass wir füreinander an den Ofen denken. :nicken_freudig:
Und ich danke dir auch wieder für deinen Bericht. Sehr aufschlussreich.

Sonja hat geschrieben:Und wie! Ich habe es jetzt noch vor Augen. Ja! Jetzt hat Maigret ihn!


Dachte ich's mir doch, dass auch dir der Schrecken in die Glieder fährt!

Ja, jetzt hat Maigret ihn. Jetzt braucht sich Van Damme nicht mehr verstellen.

Sonja hat geschrieben:So geht es mir auch. Und es sind ja so viele verschiedene Charaktere, die er einem auf diese Weise nahe bringt. Und somit kommt man einem Van Damme dann näher, als man es gedacht oder gar gewollt hätte. Wobei - ganz wie Maigret es auch macht - um die Informationen über die Menschen und den Fall zu sammeln, muss man dann auch einen Van Damme aushalten.


Ja, sie alle sind einem ganz präsent durch Simenons so prägnante Beschreibungen. Und du hast recht, selbst jemand wie Van Damme kommt einem nahe. So nahe, dass es einem fast unangenehm ist. Ganz so wie er auch Maigret unangenehm ist. Jetzt wo ich dir das schreibe, wird mir noch mal bewusster, was Simenon da mit mir macht.

Sonja hat geschrieben:Das war so genial und lässig Maigret Van Damme dann in seinem Büro schmoren lässt. Diese Ruhe - phantastisch.


Jaaa, so gut wie er das macht! Seine Ruhe ist wirklich klasse. Und er macht damit sein Gegenüber so nervös. Später in einer anderen Szene ja auch noch mal, als sie alle beisammen sitzen, und Maigret schweigt und schweigt, und damit den Druck erhöht.

Sonja hat geschrieben:Die Begenung mit dem Bruder empfand ich ähnlich, wie mit Jeunets Frau. Obwohl er ihn so lange nicht gesehen hatte, war da diese tiefe Zuneigung und dann die Fassungslosigkeit, dass er selbst die Hand gegen sich gerichtet hatte.


Ja, die Fassungslosigkeit darüber, dass sein Bruder so ein Ende gefunden hat. Und das Ende selbst gesetzt hat. Auch hier die Beschreibung des Bruders so eindringlich. Es wird so spürbar, was er denkt und fühlt.

Sonja hat geschrieben:Nun bin ich mit Maigret in Lüttich (nach dem sehr netten Zwischenstop Zuhause bei Madame Maigret) bei dem Schneider gewesen, wo sich herausstellt, er kann ihn gar nicht geschneidert haben. Und dann die Begegnungen mit Belloir, Lombard und Van Damme. Klasse! Das Anschauen von Lombards Bildern fand ich schon etwas gruselig...


Ja, der Zwischenstop zu Hause bei Madame Maigret war schön. Die Beschattung Van Dammes ist ja dann nun gescheitert, wie Maigret zu Hause erfahren hat. Da musste Madame Maigret gleich für ihren Mann packen, damit er persönlich Van Damme nach Lüttich folgen kann. Du bist dabei. Ich auch. Wir können ihn ja nicht allein dorthin lassen.
Die Erkenntnis beim Schneider fand ich auch bemerkenswert.
Dass das Betrachten der Bilder bei Jef Lombard fand ich auch schaurig. Nun kommen wir auch der Frage näher, was es mit dem Titel des Falls auf sich hat. Maigret stößt auf die Gehängten von Saint-Pholien. Ich hatte die Bilder vor Augen, so gut vermag Simenon sie zu beschreiben. Wirklich schaurig.

Sonja hat geschrieben:Und die große Frage - was geschah am 15. Februar 10 Jahre zuvor?


Ja, das ist die große Frage! Ich weiß darüber nun schon mehr, du vermutlich auch bald. Ich berichte gleich.

Sonja hat geschrieben:Nach dem Verlassen der Bar, bin ich nun mit Maigret im Hotelzimmer. Es gilt eine Nachricht nach Paris zu senden.


Beklemmend, da er damit auch zum Ausdruck bringt, dass er in Gefahr ist, nicht wahr?!

Sonja hat geschrieben:Danke, es tat gut den warmen Ofen vorzufinden. Ich hab schön weitergeheizt :nicken_freudig:


Das ist gut! Mir ist auch wohl und behaglich. Das tut gut, da es heute Abend so richtig usselig ist.

Ich bin Maigret ins Rathaus gefolgt. Und anders als bei den Zeitungsarchiven und bei der Durchsicht der Protokolle ist er nun Van Damme zuvor gekommen. Und weiß nun, was am 15. Februar vor 10 Jahren passiert ist. Nun ist er auf der Spur von Émile Klein. Und da beginnt sich der Kreis zu schließen.

Edit: Ich bin noch mal zurückgekommen. Ich muss doch noch den Ofen neu anheizen. Das habe ich jetzt gemacht, damit du es gleich mit Maigret angenehm hier hast. :umarmung:
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Re: Georges Simenon: Maigret und der Gehängte von Saint-Phol

Beitragvon Sonja » Sa 2. Apr 2022, 14:34

Hallo Petra,

ich hatte es wunderbar behaglich, vielen Dank :umarmung:

Petra hat geschrieben:
Ja, Schnee, hier jetzt auch. :zusammenzuck:
Umso wichtiger, dass wir füreinander an den Ofen denken. :nicken_freudig:
Und ich danke dir auch wieder für deinen Bericht. Sehr aufschlussreich.


Danke sehr für Deinen Bericht. Wir kommen gut weiter. Ja, schön warm soll unser Ofen bleiben :nicken_freudig: . Hier hat es gestern nicht mehr geschneit, war aber den ganzen Tag und Abend usselig und der Wind ließ die Rolläden während meiner Ermittlungen ganz schön klappern.

Petra hat geschrieben:
Ja, sie alle sind einem ganz präsent durch Simenons so prägnante Beschreibungen. Und du hast recht, selbst jemand wie Van Damme kommt einem nahe. So nahe, dass es einem fast unangenehm ist. Ganz so wie er auch Maigret unangenehm ist. Jetzt wo ich dir das schreibe, wird mir noch mal bewusster, was Simenon da mit mir macht.


Mir ist aufgefallen, dass mir Simenons Figuren anders nah sind, als jene bei in anderen Autoren. Ich versetze mich anders in sie hinein, dadurch, dass sie mich mit ihre Gedanken nehmen, mich durch diese an sich teilhaben lassen und mir so letztlich noch näher sind. Auch Handlungen, die ich erst nicht nachvollziehen kann oder nicht könnte, würden sie mir nicht durch die Gedanken erzählt, kann ich so zumindest nachvolllziehen und verstehen. Und mitunter versteht man, warum die Figur in einer Weise aus ihrer Sicht heraus so handeln musste. Figuren anderer Autoren nehmen einen zum einen nicht durch so intensive und konkrete Gedanken mit und sie agieren für den Leser mehr durchs Außen. Bei Simenon erlebt man das Außen der Figuren durch ihr Inneres. Manchmal in der direkten Situation, manchmal im Nachhinein, wenn sie ihre Gedanken dann doch offenbaren.

Petra hat geschrieben:
Jaaa, so gut wie er das macht! Seine Ruhe ist wirklich klasse. Und er macht damit sein Gegenüber so nervös. Später in einer anderen Szene ja auch noch mal, als sie alle beisammen sitzen, und Maigret schweigt und schweigt, und damit den Druck erhöht.


Ja, phantastisch!

Petra hat geschrieben:
Ja, der Zwischenstop zu Hause bei Madame Maigret war schön. Die Beschattung Van Dammes ist ja dann nun gescheitert, wie Maigret zu Hause erfahren hat. Da musste Madame Maigret gleich für ihren Mann packen, damit er persönlich Van Damme nach Lüttich folgen kann. Du bist dabei. Ich auch. Wir können ihn ja nicht allein dorthin lassen.


Nein, wir konnten ihn unmöglich alleine nach Lüttich reisen lassen.

Petra hat geschrieben:Ja, die Fassungslosigkeit darüber, dass sein Bruder so ein Ende gefunden hat. Und das Ende selbst gesetzt hat. Auch hier die Beschreibung des Bruders so eindringlich. Es wird so spürbar, was er denkt und fühlt.


Ja, eindringlich, aber nie aufdringlich.

Petra hat geschrieben:
Beklemmend, da er damit auch zum Ausdruck bringt, dass er in Gefahr ist, nicht wahr?!


Absolut, die Nachricht Maigrets an Lucas ging unter die Haut. Ganz in seiner ruhigen Art geschrieben, aber seine Sorge blitzt durch die Zeilen. Ich musste da wirklich schlucken.

Petra hat geschrieben:Ich bin Maigret ins Rathaus gefolgt. Und anders als bei den Zeitungsarchiven und bei der Durchsicht der Protokolle ist er nun Van Damme zuvor gekommen. Und weiß nun, was am 15. Februar vor 10 Jahren passiert ist. Nun ist er auf der Spur von Émile Klein. Und da beginnt sich der Kreis zu schließen.


Und Maigret macht sich auf zu Kleins Atelier und trifft erst auf Van Damme. Kurze Zeit später tauchen auch Belloir und Lombard auf. Danach war nicht mehr daran zu denken, das Buch weglegen. Welch eine Spannung, auch wieder ein Grusel und dann die Auflösung des Falls. So logisch. Und auch Maigrets Reaktion auf das Geständnis. Typisch Maigret.

Nun lege ich Holz für Dich nach und freue mich auf Deinen nächsten Bericht :umarmung:
Liebe Grüße, Sonja

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Re: Georges Simenon: Maigret und der Gehängte von Saint-Phol

Beitragvon Petra » Sa 2. Apr 2022, 20:27

Hallo Sonja,

Sonja hat geschrieben:ich hatte es wunderbar behaglich, vielen Dank :umarmung:

Danke sehr für Deinen Bericht. Wir kommen gut weiter. Ja, schön warm soll unser Ofen bleiben :nicken_freudig: . Hier hat es gestern nicht mehr geschneit, war aber den ganzen Tag und Abend usselig und der Wind ließ die Rolläden während meiner Ermittlungen ganz schön klappern.


Dann bin ich ja froh, dass mir einfiel, dass ich den Ofen vergessen hatte noch mal richtig anzuheizen, und zurück gekommen bin. :nicken_freudig: Wenn es bei dir so windig war, dass sogar die Rolläden während der Ermittlungen gehörig geklappert haben.

Ich hatte es auch wieder schön warm. Ich danke dir fürs nachlegen! :umarmung:

Sonja hat geschrieben:Mir ist aufgefallen, dass mir Simenons Figuren anders nah sind, als jene bei in anderen Autoren. Ich versetze mich anders in sie hinein, dadurch, dass sie mich mit ihre Gedanken nehmen, mich durch diese an sich teilhaben lassen und mir so letztlich noch näher sind. Auch Handlungen, die ich erst nicht nachvollziehen kann oder nicht könnte, würden sie mir nicht durch die Gedanken erzählt, kann ich so zumindest nachvolllziehen und verstehen. Und mitunter versteht man, warum die Figur in einer Weise aus ihrer Sicht heraus so handeln musste. Figuren anderer Autoren nehmen einen zum einen nicht durch so intensive und konkrete Gedanken mit und sie agieren für den Leser mehr durchs Außen. Bei Simenon erlebt man das Außen der Figuren durch ihr Inneres. Manchmal in der direkten Situation, manchmal im Nachhinein, wenn sie ihre Gedanken dann doch offenbaren.


Schön, dass du das ansprichst. Ich frage mich schon seit ein paar Tagen, was es ist, dass die Figuren Simenons immer so nahe kommen. Und was anders ist an dieser Nähe als bei den Figuren anderer Autoren. Denn irgendwas ist anders daran. Man kann sich mit ihnen nicht identifizieren, und doch sind so so nachvollziehbar. Du hast recht, sie werden von ihrem Innersten heraus erzählt. Jetzt z. B. in diesem Fall bringt Maigret sie zum Reden. Fast wirkt es zum Ende hin so, als seien sie beinahe erleichtert, dass sie endlich alles erzählen, alles rauslassen können. Fast wie eine Beichte. Und man versteht das Unverständliche.

Und bei Maigret selbst ist es fast so, als würde man in ihm sitzen und als seien es die eigenen Handlungen. Man geht hier hin und dort hin, denkt dies oder das, setzt jemandem nach. Man ist in Mitten seiner Figur.

Ich werde noch weiter darüber nachdenken, und noch mehr versuchen es genau zu verstehen, wie Simenon es anstellt, dass einem die Figuren so nahe sind, als könnte man ihre Gesichter gleich neben sich sehen, ihren Atem sprüen, ihre Angst. Das ist schon einzigartig intensiv.

Sonja hat geschrieben:
Petra hat geschrieben:Ja, die Fassungslosigkeit darüber, dass sein Bruder so ein Ende gefunden hat. Und das Ende selbst gesetzt hat. Auch hier die Beschreibung des Bruders so eindringlich. Es wird so spürbar, was er denkt und fühlt.


Ja, eindringlich, aber nie aufdringlich.


Ich stimme dir zu: nie aufdringlich! Und das ist bei der Eindringlichkeit auch wieder eine Kunst. Er überschreitet da nie eine Grenze.

Sonja hat geschrieben:Absolut, die Nachricht Maigrets an Lucas ging unter die Haut. Ganz in seiner ruhigen Art geschrieben, aber seine Sorge blitzt durch die Zeilen. Ich musste da wirklich schlucken.


Ja, es war beklemmend, wie er da so in aller Sachlichkeit das ungeheuerliche Mögliche in den Raum stellt.

Sonja hat geschrieben:Und Maigret macht sich auf zu Kleins Atelier und trifft erst auf Van Damme. Kurze Zeit später tauchen auch Belloir und Lombard auf. Danach war nicht mehr daran zu denken, das Buch weglegen. Welch eine Spannung, auch wieder ein Grusel und dann die Auflösung des Falls. So logisch. Und auch Maigrets Reaktion auf das Geständnis. Typisch Maigret.


An der Stelle bin ich jetzt auch. Wie erst Lombard und dann Belloir erzählen, wie es damals war. Ihre Gemeinschaft damals, und was sie miteinander verband. Auch hier wieder: diese Menschen und ihre Aktionen erscheinen so fremd, und doch so verblüffend nachvollziehbar, ja beinahe zwangsläufig. Und man fragt sich, wie macht Simenon das nur? Wie eben schon geschrieben, vertrauen sie sich Maigret an, als seien sie erleichtert, dass sie es endlich loswerden. Und genau das ist auch so nachvollziehbar. Die Schuld all die Jahre, der Druck, den Maigret während der Ermittlungen aufgebaut hat durch sein wissendes (obwohl unwissend) Schweigen. Dieser Druck entweicht nun in dem Gespräch, das etwas von einer Beichte hat.

Ich kann gut verstehen, dass dir ein weglegen des Buches nicht möglich war. Es entsteht ein starker Sog, ich konnte mich dem auch schwer entziehen. Musste aber, da noch ca. 30 Minuten zu hören waren, ich aber dringend losmachen musste. So werde ich morgen die letzten Tracks zu Ende hören, und dann auch wissen, welche Straftat bald, wenn sie sich zum 10 Mal jährt, verjährt ist. Es zeichnet sich schon langsam ab, denn als ich ausschalten musste, stand die (noch) rhetorische Frage im Raum, wer in fähig wäre, ein Leben zu nehmen... ich ahne wer, und ich ahne wessen Leben. So spannend!
Liebe Grüße,
Petra


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Re: Georges Simenon: Maigret und der Gehängte von Saint-Phol

Beitragvon Petra » So 3. Apr 2022, 11:39

Hallo Sonja,

so, nun mein Nachtrag. Ich habe heute morgen meine Ermittlungen auch beendet. Das war alles schlüssig, ganz wie du sagst. :nicken_freudig:
Und Maigret hat mich am Ende wieder mal beeindruckt. Sein Umgang mit dem, was er in Erfahrung gebracht hat. Der Gedanke an die Kinder... ja, so ist Maigret. Bei aller Härte in den Ermittlungen, ist er doch zutiefst menschlich.
Sein Resümee, dass wenn er 10 solche Fälle hätte... , fand ich auch schön. Denn ja, manchmal fügt sich im Leben alles, so dass man das Gefühl hat, es hat letztlich doch alles im Leben seine Ordnung.

In diesem Fall beleuchtet Simenon mal wieder so deutlich die Natur des Menschen in all seinen Facetten. Diese Männer, wie sie früher waren. Und was das damalige Ereignis mit ihnen gemacht hat. Und wie die, die sich berappelt haben, nun versuchen ihre Existenz zu schützen. Alles sehr nachvollziehbar.
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Re: Georges Simenon: Maigret und der Gehängte von Saint-Phol

Beitragvon Sonja » So 3. Apr 2022, 21:00

Hallo Petra,

Danke für Deine beiden Berichte :umarmung: , auch wenn ich leider erst jetzt antworten kann.

Petra hat geschrieben:
Dann bin ich ja froh, dass mir einfiel, dass ich den Ofen vergessen hatte noch mal richtig anzuheizen, und zurück gekommen bin. :nicken_freudig: Wenn es bei dir so windig war, dass sogar die Rolläden während der Ermittlungen gehörig geklappert haben.

Ich hatte es auch wieder schön warm. Ich danke dir fürs nachlegen! :umarmung:


Ja, das hat wirklich gut getan :nicken_freudig: . Danke Dir dafür :umarmung: ich lege auch direkt mal wieder nach.

Petra hat geschrieben:Schön, dass du das ansprichst. Ich frage mich schon seit ein paar Tagen, was es ist, dass die Figuren Simenons immer so nahe kommen. Und was anders ist an dieser Nähe als bei den Figuren anderer Autoren. Denn irgendwas ist anders daran. Man kann sich mit ihnen nicht identifizieren, und doch sind so so nachvollziehbar. Du hast recht, sie werden von ihrem Innersten heraus erzählt. Jetzt z. B. in diesem Fall bringt Maigret sie zum Reden. Fast wirkt es zum Ende hin so, als seien sie beinahe erleichtert, dass sie endlich alles erzählen, alles rauslassen können. Fast wie eine Beichte. Und man versteht das Unverständliche.


Ja, genau den Eindruck habe ich auch. Die Erleichterung ist so spürbar, auch wenn sie von Lombard und Belloir unterschiedlich vorgetragen wird. Eben wie es jeweils zu ihnen passt. Lombard hat mir so leid getan. Frisch Vater geworden und statt Freude diese Angst auf einmal in seinem Leben.

Petra hat geschrieben:Und bei Maigret selbst ist es fast so, als würde man in ihm sitzen und als seien es die eigenen Handlungen. Man geht hier hin und dort hin, denkt dies oder das, setzt jemandem nach. Man ist in Mitten seiner Figur.


Da habe ich drüber nachgedacht, nachdem ich Deine Zeilen las und auch nochmal ein paar Szenen mit ihm gelesen. Ich sitze immer noch neben ihm, ganz nah, darf auch seine Gedanken mitkriegen und verstehe ihn dadurch direkt. Aber gleichzeitig sehe ich ihn auch bei seinen Handlungen.

Petra hat geschrieben:Ich werde noch weiter darüber nachdenken, und noch mehr versuchen es genau zu verstehen, wie Simenon es anstellt, dass einem die Figuren so nahe sind, als könnte man ihre Gesichter gleich neben sich sehen, ihren Atem sprüen, ihre Angst. Das ist schon einzigartig intensiv.


Ich bin auch noch nicht durch damit. Man spürte die Figuren genauso, wie Du es gerade beschreibst. Man kriegt es nicht zu fassen, wie Simenon das macht.

Petra hat geschrieben:Ich stimme dir zu: nie aufdringlich! Und das ist bei der Eindringlichkeit auch wieder eine Kunst. Er überschreitet da nie eine Grenze.


Ja, genau. Das macht er nicht.

Petra hat geschrieben:An der Stelle bin ich jetzt auch. Wie erst Lombard und dann Belloir erzählen, wie es damals war. Ihre Gemeinschaft damals, und was sie miteinander verband. Auch hier wieder: diese Menschen und ihre Aktionen erscheinen so fremd, und doch so verblüffend nachvollziehbar, ja beinahe zwangsläufig. Und man fragt sich, wie macht Simenon das nur? Wie eben schon geschrieben, vertrauen sie sich Maigret an, als seien sie erleichtert, dass sie es endlich loswerden. Und genau das ist auch so nachvollziehbar. Die Schuld all die Jahre, der Druck, den Maigret während der Ermittlungen aufgebaut hat durch sein wissendes (obwohl unwissend) Schweigen. Dieser Druck entweicht nun in dem Gespräch, das etwas von einer Beichte hat.


Ich weiß es auch nicht, wie Simenon das schafft. Es ist ja nun wirklich keine schöne Situation, wie sie da alle sitzen und Maigret sie zum reden bringt. Aber trotzdem so toll zu lesen, so spannend, so interessant die Charaktere. Obwohl es um so etwas Düsteres geht. Und in der Mitte, dieser unglaubliche Kommissar mit seiner Ruhe, seinem Druck, seiner Härte und seiner Menschlichkeit.

Ich finde Deine Bezeichnung "sein wissendes (obwohl unwissend) Schweigen" so auf den Punkt passend. Oft wird Ruhe gerne mit Schwäche verwechselt. Maigret zeigt einem immer und immer wieder, dass es eine Stärke ist. Gut, Simenon unterstreicht es noch durch die körperliche Präsenz Maigrets. Es würde auch anders funktionieren, aber so wirkt es noch mehr.

Petra hat geschrieben:so, nun mein Nachtrag. Ich habe heute morgen meine Ermittlungen auch beendet. Das war alles schlüssig, ganz wie du sagst. :nicken_freudig:
Und Maigret hat mich am Ende wieder mal beeindruckt. Sein Umgang mit dem, was er in Erfahrung gebracht hat. Der Gedanke an die Kinder... ja, so ist Maigret. Bei aller Härte in den Ermittlungen, ist er doch zutiefst menschlich.


Zunächst einmal, hat mich Maigret auch total beeindruckt. Und, Du sprichst genau an, was mir auch danach durch den Kopf ging. Wie Maigret an die Kinder denkt. In dem Moment war alles klar. Hart und gerecht in den Ermittlungen und zutiefst menschlich. Ganz genau. Was ich bei allem wahrsten Sinne des Wortes beruhigend finde, ist Maigrets Ruhe. Selbst in Momenten, wo er selber in Sorge über sich ist, schreibt er in Ruhe den Brief an Lucas, obwohl es innerlich sicher in ihm bebt. Aber er weiß auch, dass seine Ruhe einer seiner Stärken ist, vielleicht sogar seine Größte.

Petra hat geschrieben:Sein Resümee, dass wenn er 10 solche Fälle hätte... , fand ich auch schön. Denn ja, manchmal fügt sich im Leben alles, so dass man das Gefühl hat, es hat letztlich doch alles im Leben seine Ordnung.


Ja, das Resümee fand ich auch gut. Und so ist es ja auch oft. Wie heißt es so schön, “für etwas wird es gut sein”.

Petra hat geschrieben:In diesem Fall beleuchtet Simenon mal wieder so deutlich die Natur des Menschen in all seinen Facetten. Diese Männer, wie sie früher waren. Und was das damalige Ereignis mit ihnen gemacht hat. Und wie die, die sich berappelt haben, nun versuchen ihre Existenz zu schützen. Alles sehr nachvollziehbar.


Das fand ich auch. Daran, wie die verschiedenen Menschen damit umgegangen sind, lernt man auch wieder viel über sie, inklusive der Konsequenzen aus ihren Entscheidungen.
Liebe Grüße, Sonja

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Re: Georges Simenon: Maigret und der Gehängte von Saint-Phol

Beitragvon Petra » Mo 4. Apr 2022, 10:04

Hallo Sonja,

dass es etwas mit deinem Bericht gedauert hat, iist überhaupt nicht schlimm. Bedenke: auch Maigret geht alles mit Ruhe an. :umarmung:

Da es immer noch so kühl draußen ist, tut es sehr gut, dass du an den Ofen gedacht hast. :schwaermt:

Ich habe Probleme mit der Zitier-Funktion (warum auch immer, ich komme nicht dahinter, mehr als zwei Zitate lässt er mich nicht machen; und das zweite setzt er auch nicht richtig um, so habe ich das wieder entfernt), deshalb schreibe ich frei.

Ja, das ist mir auch aufgefallen: beide (Lombard und Belloir) erleichtern sich durch ihren Vortrag, doch auf unterschiedliche Weise, ganz wie es ihrer Art entspricht. Mir tat Lombard auch leid. Auch mir ging es nah, als er bemerkte, dass er nicht mal einen Blick auf sein neugeborenes Kind geworfen hat, so in Sorge war er durch Maigret.

Sonja hat geschrieben:Da habe ich drüber nachgedacht, nachdem ich Deine Zeilen las und auch nochmal ein paar Szenen mit ihm gelesen. Ich sitze immer noch neben ihm, ganz nah, darf auch seine Gedanken mitkriegen und verstehe ihn dadurch direkt. Aber gleichzeitig sehe ich ihn auch bei seinen Handlungen.


Und ich habe aufgrund deiner Zeilen auch noch mal genau drüber nachgedacht. Du hast recht, man sitzt neben Maigret. Nicht in ihm selbst. Aber direkt neben ihm. Ganz nah dran! :nicken_freudig:
Und durch seine Gedanken, an denen er uns teilhaben lässt, versetzen wir uns ganz in ihn hinein. So ist es.

Auch dazu, warum man bei Simenon die Figuren so intensiv spürt, halten wir beide noch weiter die Augen und Ohren offen, um das näher zu ergründen. Denn es ist wirklich ein bisschen unfassbar, wie Simenon das macht. Zumal ja auch in der Kürze. Seine Krimis sind ja alle auf den Punkt, und nicht ausschweifend. Umso erstaunlicher, wie nahe einem die Figuren kommen. So dicht!

Und ja, Simenon ist einfach absolut fesselnd! Auch (oder gerade) in den unangenehmen Situationen. Man verspürt selbst diese innere Spannung, die die Beteiligten spüren und auch ausstrahlen. Das überträgt sich richtig auf den Leser.

Ebenfalls meine volle Zustimmung: Genau, bei Maigret ist es kein Zeichen der Schwäche, wenn er ruhig ist. Sondern im Gegenteil ein Zeichen der Stärke. Das muss man erst mal aushalten, dieses Schweigen. Er beherrscht das perfekt! Stimmt, seine körperlich massive Präsenz verstärkt die Wirkung noch. Das muss bedrohlich auf sein Gegenüber wirken, das eh schuldbewusst dem Kommissar gegenüber steht.

Du schriebst, dass du auch total beeindruckt von Maigret warst, wie er sich zum Ende hin verhalten hat. Dass er an die Kinder gedacht hat. Und dass du bei allem Maigrets Ruhe im wahrsten Sinne des Wortes beruhigend findest. Ich stimme dir zu. Ja, Maigrets Ruhe beruhigt auch seine Vertrauten, wie uns z. B.. Schon sehr einzigartig, in welcher Unaufgeregtheit der den Brief an Luca verfasste. Aber diese Ruhe hilft ihm gewiss einen absolut kühlen Kopf zu bewahren. Und das hilft ihm bei der Aufklärung seiner Fälle.

Und noch eine Stärke Maigrets zeigt sich in seinem Verhalten zum Ende hin: Er will nicht Recht aus Prinzip erzwingen. Er kann sich selbst und sein Ego zurücknehmen, das sicher gerne gewollt hätte, den Fall öffentlich aufzuklären. Ihm reicht die Aufklärung im engen Kreis, wenn es besser so ist. Und er tut das Richtige. Denkt an die Kinder, die verwickelt sind. Gute Entscheidung. Zumal die Männer ja alle ja keine direkte, sondern eine indirekte, moralische Schuld trifft. Ich finde Maigrets Entscheidung sehr vertretbar.

Es hat mir sehr viel Freude bereitet, mit dir gemeinsam den Kommissar zu begleiten! Und ich wenn wir das demnächst mal wiederholen, wenn es sich wieder trifft, dann würde ich mich freuen. Vielen Dank für die schöne gemeinsame Ermittlung. :umarmung:
Liebe Grüße,
Petra


Ich lese gerade: :lesen:
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Re: Georges Simenon: Maigret und der Gehängte von Saint-Phol

Beitragvon Sonja » Mo 4. Apr 2022, 19:26

Hallo Petra,

Petra hat geschrieben:dass es etwas mit deinem Bericht gedauert hat, iist überhaupt nicht schlimm. Bedenke: auch Maigret geht alles mit Ruhe an. :umarmung:


Stimmt :nicken_freudig:

Petra hat geschrieben:Da es immer noch so kühl draußen ist, tut es sehr gut, dass du an den Ofen gedacht hast. :schwaermt:


Hier regnet es den ganzen Tag vor sich hin. Den haben wir beide gut am laufen gehalten, den Ofen. Ich denke, Maigret ist in der Hinsicht auch mit uns zufrieden.

Petra hat geschrieben:Ich habe Probleme mit der Zitier-Funktion (warum auch immer, ich komme nicht dahinter, mehr als zwei Zitate lässt er mich nicht machen; und das zweite setzt er auch nicht richtig um, so habe ich das wieder entfernt), deshalb schreibe ich frei.


Das hatte ich auch schon immer wieder mal und schreibe jetzt vor. Allerdings bleibt das Problem beim einfügen manchmal trotzdem.

Petra hat geschrieben:Ja, das ist mir auch aufgefallen: beide (Lombard und Belloir) erleichtern sich durch ihren Vortrag, doch auf unterschiedliche Weise, ganz wie es ihrer Art entspricht. Mir tat Lombard auch leid. Auch mir ging es nah, als er bemerkte, dass er nicht mal einen Blick auf sein neugeborenes Kind geworfen hat, so in Sorge war er durch Maigret.


Ja, das war so furchtbar für Lombard und für beide, wie sie ihre Existenz bedroht sahen. Ich glaube, Van Damme, der sich ja sehr ruhig verhält, ist froh, dass die Beiden das Geständnis übernehmen.

Petra hat geschrieben:
Und ich habe aufgrund deiner Zeilen auch noch mal genau drüber nachgedacht. Du hast recht, man sitzt neben Maigret. Nicht in ihm selbst. Aber direkt neben ihm. Ganz nah dran! :nicken_freudig:
Und durch seine Gedanken, an denen er uns teilhaben lässt, versetzen wir uns ganz in ihn hinein. So ist es.


Ja, genau. Das Puzzleteil hat mir noch gefehlt. Durch die Gedanken versetzen wir uns ganz in ihn hinein.

Petra hat geschrieben:
Auch dazu, warum man bei Simenon die Figuren so intensiv spürt, halten wir beide noch weiter die Augen und Ohren offen, um das näher zu ergründen. Denn es ist wirklich ein bisschen unfassbar, wie Simenon das macht. Zumal ja auch in der Kürze. Seine Krimis sind ja alle auf den Punkt, und nicht ausschweifend. Umso erstaunlicher, wie nahe einem die Figuren kommen. So dicht!


Vielleicht kommt das Intensive gerade durch die Kürze. Denn dadurch drückt sich Simenon ganz anders aus, als er es mit mehr Länge täte und die Worte haben mehr Kraft und dadurch mehr Intensität. Der Gedanke kam mir gerade dazu. Ich werde dem aber auch noch weiter auf den Grund gehen.

Petra hat geschrieben:Und ja, Simenon ist einfach absolut fesselnd! Auch (oder gerade) in den unangenehmen Situationen. Man verspürt selbst diese innere Spannung, die die Beteiligten spüren und auch ausstrahlen. Das überträgt sich richtig auf den Leser.


Ja, total! So extrem hatte ich das bei noch keinem Autor. Ich bin noch regelrecht in der Runde, wo Lombard und Belloir gestehen oder ja eher beichten. Diese Dichte. Dadurch brennen sich einzelne Szenen in den Kopf.

Petra hat geschrieben:Ebenfalls meine volle Zustimmung: Genau, bei Maigret ist es kein Zeichen der Schwäche, wenn er ruhig ist. Sondern im Gegenteil ein Zeichen der Stärke. Das muss man erst mal aushalten, dieses Schweigen. Er beherrscht das perfekt! Stimmt, seine körperlich massive Präsenz verstärkt die Wirkung noch. Das muss bedrohlich auf sein Gegenüber wirken, das eh schuldbewusst dem Kommissar gegenüber steht.

Du schriebst, dass du auch total beeindruckt von Maigret warst, wie er sich zum Ende hin verhalten hat. Dass er an die Kinder gedacht hat. Und dass du bei allem Maigrets Ruhe im wahrsten Sinne des Wortes beruhigend findest. Ich stimme dir zu. Ja, Maigrets Ruhe beruhigt auch seine Vertrauten, wie uns z. B.. Schon sehr einzigartig, in welcher Unaufgeregtheit der den Brief an Luca verfasste. Aber diese Ruhe hilft ihm gewiss einen absolut kühlen Kopf zu bewahren. Und das hilft ihm bei der Aufklärung seiner Fälle.


Da stimme ich Dir zu. Seine Ruhe trägt dazu bei, dass er den kühlen Kopf behält und dass er so agiert, wie es für ihn sicher ist. So sicher, wie es für einen Kommissar sein kann. Gleichzeitig beruhigt er damit auch seine Kollegen und sicher auch Madame Maigret. Seine Ruhe gibt ihm und seiner Umgebung Kraft.

Petra hat geschrieben:Und noch eine Stärke Maigrets zeigt sich in seinem Verhalten zum Ende hin: Er will nicht Recht aus Prinzip erzwingen. Er kann sich selbst und sein Ego zurücknehmen, das sicher gerne gewollt hätte, den Fall öffentlich aufzuklären. Ihm reicht die Aufklärung im engen Kreis, wenn es besser so ist. Und er tut das Richtige. Denkt an die Kinder, die verwickelt sind. Gute Entscheidung. Zumal die Männer ja alle ja keine direkte, sondern eine indirekte, moralische Schuld trifft. Ich finde Maigrets Entscheidung sehr vertretbar.


Ja, das finde ich auch. Ich denke, er wollte ihn richtig klären. Das ist ihm wichtig, auch wenn er den Fall dann nicht öffentlich aufklären kann. Und da er immer das ganze Bild betrachtet, war es nur stimmig, dass er nach der Klärung als Erstes an die Kinder denkt. Und dadurch, dass er eine so starke Persönlichkeit ist, muss er das Recht nicht aus Prinzip erzwingen, sondern er wählt die menschliche Lösung, weil es für ihn nur diese eine richtige Lösung gibt. Er kann nicht anders handeln. Und da bin ich ganz bei ihm.

Petra hat geschrieben:Es hat mir sehr viel Freude bereitet, mit dir gemeinsam den Kommissar zu begleiten! Und ich wenn wir das demnächst mal wiederholen, wenn es sich wieder trifft, dann würde ich mich freuen. Vielen Dank für die schöne gemeinsame Ermittlung. :umarmung:


Mir hat es ebenfalls sehr viel Spaß gemacht, mit Dir und Maigret diesen Fall zu lösen und eine Wiederholung wäre ganz in meinem Sinne.

Danke Dir ebenfalls sehr für die schöne Lösung des Falls :umarmung:
Liebe Grüße, Sonja

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Re: Georges Simenon: Maigret und der Gehängte von Saint-Phol

Beitragvon Petra » Di 5. Apr 2022, 10:33

Hallo Sonja,

interessant, dass du auch ab und an Probleme mit den Zitaten hast. Ich halte das mal im Auge. Vielleicht weiß Arno da Rat. Wobei ich gestern echt ewig lange geguckt habe, ob ich irgendwo was falsch gesetzt habe. Aber ich meine wirklich nicht.

Ja, den Ofen haben wir wirklich gut warm gehalten, und ich denke auch, dass auch Maigret mit uns da zufrieden ist.

Sonja hat geschrieben:Ja, das war so furchtbar für Lombard und für beide, wie sie ihre Existenz bedroht sahen. Ich glaube, Van Damme, der sich ja sehr ruhig verhält, ist froh, dass die Beiden das Geständnis übernehmen.


So habe ich Van Damme auch eingeschätzt. Bestimmt froh und erleichtert, dass Lombard und Belloir reden. Van Damme hat so etwas Verschlagenes. Er kann vermutlich dankbar sein, dass Lombard und Belloir in der Art zu Maigret gesprochen haben. Denn Van Damme hätte das nicht vermocht, und wer weiß wie Maigret sich dann entschieden hätte.

Sonja hat geschrieben:Ja, genau. Das Puzzleteil hat mir noch gefehlt. Durch die Gedanken versetzen wir uns ganz in ihn hinein.


Ja. :daumen_hoch:

Sonja hat geschrieben:Vielleicht kommt das Intensive gerade durch die Kürze. Denn dadurch drückt sich Simenon ganz anders aus, als er es mit mehr Länge täte und die Worte haben mehr Kraft und dadurch mehr Intensität. Der Gedanke kam mir gerade dazu. Ich werde dem aber auch noch weiter auf den Grund gehen.


Ich denke auch, dass es vermutlich durch die Kürze kommt. Schön was du schreibst: Ja, ich denke auch, dass die Worte durch die Kürze mehr Kraft und Intensität bekommen. Wir beobachten das auf jeden Fall weiter. :nicken_freudig:

Sonja hat geschrieben:Ja, total! So extrem hatte ich das bei noch keinem Autor. Ich bin noch regelrecht in der Runde, wo Lombard und Belloir gestehen oder ja eher beichten. Diese Dichte. Dadurch brennen sich einzelne Szenen in den Kopf.


Mir ist diese Runde auch jetzt noch, Tage später, richtig präsent. Ich kann mich jederzeit wieder dorthin versetzen. Das ist schon wirklich einzigartig.

Sonja hat geschrieben:Da stimme ich Dir zu. Seine Ruhe trägt dazu bei, dass er den kühlen Kopf behält und dass er so agiert, wie es für ihn sicher ist. So sicher, wie es für einen Kommissar sein kann. Gleichzeitig beruhigt er damit auch seine Kollegen und sicher auch Madame Maigret. Seine Ruhe gibt ihm und seiner Umgebung Kraft.


Stimmt, auch seine Kollegen und Madame Maigret profitieren gewiss von seiner Ruhe. Bei Madame Maigret habe ich auch den Eindruck, dass sie sich keine übergroßen Sorgen um Maigret macht. Weil sie vermutlich weiß, dass er tut was er tun muss, dabei so vorsichtig wie möglich ist, und durch seine Ruhe auch immer den dafür nötigen kühlen Kopf behält. Sie kennt ihn gut, ihren Mann. Das strahlt Simenon aus durch das was er uns über sie wissen lässt.

Sonja hat geschrieben:Ja, das finde ich auch. Ich denke, er wollte ihn richtig klären. Das ist ihm wichtig, auch wenn er den Fall dann nicht öffentlich aufklären kann. Und da er immer das ganze Bild betrachtet, war es nur stimmig, dass er nach der Klärung als Erstes an die Kinder denkt. Und dadurch, dass er eine so starke Persönlichkeit ist, muss er das Recht nicht aus Prinzip erzwingen, sondern er wählt die menschliche Lösung, weil es für ihn nur diese eine richtige Lösung gibt. Er kann nicht anders handeln. Und da bin ich ganz bei ihm.


:nicken_freudig:

Sonja hat geschrieben:Mir hat es ebenfalls sehr viel Spaß gemacht, mit Dir und Maigret diesen Fall zu lösen und eine Wiederholung wäre ganz in meinem Sinne.

Danke Dir ebenfalls sehr für die schöne Lösung des Falls :umarmung:


Das ist sehr schön zu hören, und ich freue mich schon sehr aufs nächste Mal! :umarmung:
Liebe Grüße,
Petra


Ich lese gerade: :lesen:
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Ich höre gerade: :kopfhoerer:
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Re: Georges Simenon: Maigret und der Gehängte von Saint-Phol

Beitragvon Sonja » Di 5. Apr 2022, 23:56

Hallo Petra,

Petra hat geschrieben:interessant, dass du auch ab und an Probleme mit den Zitaten hast. Ich halte das mal im Auge. Vielleicht weiß Arno da Rat. Wobei ich gestern echt ewig lange geguckt habe, ob ich irgendwo was falsch gesetzt habe. Aber ich meine wirklich nicht.


Danke. Jetzt geht es auch wieder und ich hatte auch nichts anderes gemacht, als auf "zitieren" zu klicken. Vielleicht hat sich da einfach was verschluckt.

Petra hat geschrieben:So habe ich Van Damme auch eingeschätzt. Bestimmt froh und erleichtert, dass Lombard und Belloir reden. Van Damme hat so etwas Verschlagenes. Er kann vermutlich dankbar sein, dass Lombard und Belloir in der Art zu Maigret gesprochen haben. Denn Van Damme hätte das nicht vermocht, und wer weiß wie Maigret sich dann entschieden hätte.


Ja, ich glaube, er wäre zu sehr aus seiner Haut gefahren. Ich denke auch, dass Maigret die Art und Weise von Lombard und Belloir zugesagt hat.

Petra hat geschrieben:Wir beobachten das auf jeden Fall weiter. :nicken_freudig:


:nicken_freudig:

Petra hat geschrieben:Stimmt, auch seine Kollegen und Madame Maigret profitieren gewiss von seiner Ruhe. Bei Madame Maigret habe ich auch den Eindruck, dass sie sich keine übergroßen Sorgen um Maigret macht. Weil sie vermutlich weiß, dass er tut was er tun muss, dabei so vorsichtig wie möglich ist, und durch seine Ruhe auch immer den dafür nötigen kühlen Kopf behält. Sie kennt ihn gut, ihren Mann. Das strahlt Simenon aus durch das was er uns über sie wissen lässt.


Ja, das finde ich auch. Bringt Simenon sehr gut rüber. Ich freue mich schon, wenn Madame Maigret auch ihren Raum erhält und man sie besser kennenlernt.

Petra hat geschrieben:Das ist sehr schön zu hören, und ich freue mich schon sehr aufs nächste Mal! :umarmung:


Ich mich auch :umarmung:
Liebe Grüße, Sonja

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