Izner, Claude: Madame ist leider verschieden

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Izner, Claude: Madame ist leider verschieden

Beitragvon Petra » Fr 26. Nov 2010, 15:14

Izner, Claude
Madame ist leider verschieden

Bild

Genre: Historischer Krimi
Seitenzahl: 336
Verlag: Pendo
Format: Hardcover
Preis: 17,95 €
ISBN: 978-3866122499
Bewertung: 8,5 Punkte
(von 10 möglichen Punkten)

Inhalt:

Es ist kein gewöhnlicher Tag, als der Buchhändler Victor Legris seinen Laden in der Rue des Saints-Pères verlässt und den Weg in Richtung Eiffelturm einschlägt. In Paris findet im Jahr 1889 gerade die Weltausstellung statt, und das neu errichtete Bauwerk ist die umstrittene Sensation. Durch die Menschenmasse bahnt sich Victor einen Weg in die luftige Höhe, wo er mit seinem Kompagnon, dem Japaner Kenji Mori, verabredet ist. Denn nur wenige Auserwählte dürfen sich dort in das Goldene Buch eintragen. Darunter auch Madame Eugénie Patinot, die kurz darauf inmitten des Trubels zu Boden sinkt und ihr Leben aushaucht. Doch ist sie nur eines der Opfer in einer rätselhaften Reihe von Todesfällen, die sich immer infolge eines Bienenstichs ereignen – und immer, wenn Victor Legris gerade in der Nähe ist.

Meine Meinung:

Die Weltausstellung, der hierfür frisch erbaute Eiffelturm, das Paris im Jahr 1889 – all das bietet eine aufregende Kulisse. Doch es bleibt nicht bloße Kulisse. Sondern der Leser wird mitgenommen auf die Reise in den Trubel dieser Tage in der französischen Hauptstadt. Er kann spazieren gehen und sich umschauen auf der Weltausstellung, in der wahrhaftig die Welt ausgestellt ist. Das Leben der unterschiedlichen Völker wird dort dem Besucher veranschaulicht. Auch wird zurückgeblickt auf die technischen Errungenschaften des 19. Jahrhunderts. Die schönen Künste sind hier – im Paris dieser Zeit – ebenfalls versammelt. Die Malerei vs. Fotografie, die auf eine völlig neue Weise die Wirklichkeit abbildet. Die Literatur, die Musik…

Sehr nett sind die Prognosen der Akteure in diesem Buch, über beispielsweise van Gogh, der zu dieser Zeit um Anerkennung kämpft, aber keine bekommt. Oder über die Bekleidung der Frau von Morgen. Die Hose, so hofft eine kecke junge Dame - doch hoffentlich wohl nicht, so hofft Victor Legris. Mit dem wissen des Lesers, dass die Hose sehr wohl gewinnt und van Gogh seinen Ruhm – wenn auch zu spät – doch noch erlangt, machen diese Gedanken ums Morgen besonders vergnüglich.

Vergnüglich, das ist überhaupt ein sehr passendes Wort für diesen Roman. Die Krimihandlung muss man nicht allzu ernst nehmen. Sie findet aber durchaus eine plausible und zufriedenstellende Auflösung. Ebenfalls im Nachhinein amüsant, das Ganze. Vergnüglich aber besonders im Hinblick auf die Charaktere. Manch einer erinnert in seiner liebenswerten Schrulligkeit an die Charaktere Dickens. Dass Claude Izner (ein Autoren-Duo) seine Figuren liebt, liest sich aus jeder einzelnen Zeile heraus. Und das ist ansteckend. Victor Legris mit seinen Nöten, besonders im Hinblick auf die Damenwelt. Aber auch in seiner Eigenschaft als unfreiwilliger Detektiv. Oder Tasha, die Dame, die für die Rebellion der Frauen steht. Oder Kenji, der japanische Kompagnon von Victor Legris, der so geheimnisvoll ist. Sie alle sind so liebevoll gezeichnet, dass man sie förmlich im Paris des ausklingenden 19. Jahrhunderts durch die Straßen schreiten sieht. Auch die kleinsten Nebenfiguren haben sich die beiden Autorinnen mit Herz und Seele gewidmet. Joseph, der quasi die Buchhandlung alleine schmeißen muss, weil sein Chef und dessen Kompagnon ständig auf Abwegen sind. Oder Tashas Nachbar, der serbische verhinderte Opernsänger. Und der Senegalese Samba, dem Victor auf der Weltausstellung begegnet. Einfach drollig.

Anfangs hatte ich Sorge, dass die amüsante schrullige Art der Erzählung den Wahrheitsgehalt der hier geschilderten Szenerie (Paris um 1889, die Weltausstellung, der Eiffelturm) in Zweifel zieht. Das Nachwort ermöglicht aber noch mal eine sehr aufschlussreiche und sachliche Betrachtung des beschriebenen Treibens dort. So erfährt man, dass es mit den Autorinnen nicht vor lauter Liebe zu ihren Figuren mit ihnen durchgegangen ist, sondern die Szenen den tatsächlichen Verhältnissen damals durchaus entsprechen. Das Nachwort über die Weltausstellung, die gesellschaftlichen Verhältnisse und beginnenden Veränderungen dieser Zeit, sowie über die technischen Entwicklungen, hat für mich das Buch vollends abgerundet.

Als Bonbon gibt es noch ein kleines Interview mit den Autorinnen, das weiteren Aufschluss gibt und aufzeigt, das nichts dem Zufall überlassen wurde, sondern der Entwurf der Figuren und Szenen mit Sinn und Verstand erfolgt ist.

Und ganz zum Schluss gibt es noch eine kleine Überraschung in Form eines weiteren Kapitels – hierzu jedoch kein verräterisches Wort von mir.

Fazit: Ein Buch, das durch seine liebenswerten Figuren und seine liebevollen Details so lesenswert wird und eine sehr aufregende Zeit beleuchtet. Eine Zeit, mit der sich die Autorinnen eingehend beschäftigt haben, wie man dem Buch anmerkt. Ich hoffe, dass der Verlag bald die nächsten Teile dieser Krimi-Serie übersetzt. Einen Leser haben sie sicher: mich! (Petra)

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Liebe Grüße,
Petra


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