Hallo zusammen,
erst mal zu meinem aktuellen Buch: "Mord unter Freunden" von Maria Ernestam. Binchen schrieb ja schon, dass sie gespannt ist auf meine Eindrücke. Zumal Du, Binchen, es ja schon kennst. Na, dann lege ich mal los. Ich bin jetzt zu ca. 1/3 druch (am - für mich verlängerten - Wochenende bin ich nicht zum lesen gekommen, sonst wäre ich wohl schon weiter).
So langsam habe ich Mari, Anna und Fredrik und ihre Probleme (aus der Vergangenheit resultierend) näher kennen gelernt. Hierin liegt für mich auch - wie schon in "Die Röte der Jungfrau" - die eigentliche Faszination, die Maria Ernestam auf mich ausübt. Z. B. Mari - bevor sie ihren Lebensgefährten David kennenlernte war sie anscheinend in ihrem Leben sehr unglücklich. Mir scheint, als habe sie sich selbst nicht genügt. In Irland, als sie David kennenlernte, blieb sie ja auch länger als sie geplant hatte. Wie sie sagt, weil ihr dagegen ihr vorheriges Leben wie ein dunkles schwarzes Loch vorkommt, in dem nichts Bedeutung hat und in dem sie versinken würde, wenn sie jetzt dorthin zurückkehren würde. So war bleiben ihr Rettungsanker. So kommt es herüber. Und das spiegelt sich auch in einem - für mich erschreckendem aber bezeichnenden - Satz. Als David sie fragt: "In welcher Wirklichkeit lebst Du?" Und sie sagt: "In Deiner Wirklichkeit lebe ich." Das hat mir zu denken gegeben. Man sollte sich nicht zu weit von sich selbst entfernen. Das Heil lieber in sich selbst suchen als bei jemand anderem. Man kann vielleicht für eine Weile entfliehen, aber irgendwann muss man sich der Leere in sich doch stellen. Und überhaupt: Es kann nicht gut sein in der Wirklichkeit eines anderen Menschen zu leben. Und dass sie das wirklich tut, schwingt zwischen den Zeilen schon deutlich mit. Ich bin gespannt was mir noch alles aus Maris Vergangenheit offenbart wird und wie sich ihr Leben künftig gestaltet. Sie scheint sich inzwischen ja wenigstens bewusst zu sein, dass sie nicht (mehr) glücklich ist in dem Zustand. Interessanter Erzählfaden.
Auch die Passagen um Anna sind sehr interessant. Ihr Verhältnis zu ihrer Tochter Fanditha. Und die Beziehung mit Greg, die sie ihrer Tochter geopfert hat. Und der sie innerlich immer noch sehr nachhängt. Was sich auch darin äußert, dass sie keine neue ernsthafte Beziehung eingeht, sondern viele kleine, unbedeutende. Die Wunde Greg ist nicht verheilt.
Auch interessant ist wie Fanditha ihre Mutter sieht. Was sie an ihr abstößt. Eigentlich würde ich Fanditha recht geben, wenn die Geschichte aus ihrer Sicht erzählt würde. Dadurch, dass Anna es ist, die in diesen Passagen zu Wort kommt, entwickel ich ein großes Verständnis für sie. Ein größeres, als ich aus anderer Sicht für ihre Verrücktheiten hätte. Objektiv betrachtet würde ich wohl alllzu schnell dazu neigen, sie als unreif und verantwortungslos zu sehen. Dabei ist das ja nicht richtig. Wie Anna sich selbst Fanditha gegenüber verteidigt. Und ich muss ihr recht geben. Und so bekomme ich auf dieses Mutter-Tochter-Verhältnis einen interessanten Blickwinkel, der mir Fanditha als intoleranten Menschen aufzeigt. Ich verstehe zwar auch ihre Gründe. Aber daran sieht man mal, wie fatal es sein kann, wenn man auf Biegen und Brechen alles anders machen will als die Eltern (oder zumindest ein Elternteil). Oft flüchtet man sich dann ins krasse Gegenteil, was auch nicht gut ist!
Interessant somit auch dieser Erzählfaden. Auch über Fredrik habe ich schon etwas über seine Verletzungen erfahren. Und dann der Mord... das Erfüllen des Auftrags von Elsa Karlsten. Und die Ungewissheit untereinander (und für den Leser) wer es von den Dreien nun gewesen ist.
Und hier nun meine erste Vermutung. Da ich hier vielleicht für den ein oder anderen zu viel verrate (bzw. auf Ideen bringe, die jemand der noch selbst lesen will, nicht erfahren möchte), lieber in Spoilerschrift:
Ich vermute es ist Fredrik. So abwegig es auch sein mag. Denn die Szene, in der die Person ins Haus der Karlstens eindringt, wird ja eindeutig als eine SIE bezeichnet. Und Elsa Karlsten selbst berichtet ja später von einem Todesengel mit auffallenden Haaren. Da kommt mir als erster Fredrik in den Sinn - kam er mir aber schon bevor Elsa Karlsten von den Haaren erzählte. Denn Fredrik wurde von seinem Vater ja dazu gezwungen keine Memme zu sein. Unschuldige Tiere erlegen. Da musste er mitkommen. Und zu seiner Mutter hat er ja ein sehr schwieriges Verhältnis. Ich könnte mir vorstellen, dass er deshalb unübliche sexuelle Neigungen entwickelt hat. Auch seine immer kurzen Beziehungen, von denen hier die Rede ist. Und Miranda, die Frau, die er immer suchte und in diesem Tanzlokal gefunden hat. Miranda, mit der roten Langhaar-Perrücke. Ob er sich die wohl ausgeliehen hat? Das ist mein Verdacht. Obwohl ich das dann fast schon wieder zu offensichtlich finde, seit Elsa Karlsten sagte, dass sie die Person nicht erkannt hat und dass es vielleicht ja auch beabsichtigt war, damit sie nie in die Verlegenheit kommen könnte, jemanden exakt als Täter zu benennen. Weil sie es selbst nicht weiß. So könnte Maria Ernestam ja auch absichtlich ihren Lesern Fredrik als Täter schmackhaft gemacht haben. Dennoch... ich halte an ihm als Täter vorerst fest.Wer es war, ist natürlich auch interessant. Aber wie schon bei "Die Röte der Jungfrau" steht die Tat gar nicht im Vordergrund. Sondern die Geschichte der Figuren. Mari, Anna, Fredrik. Und auch Elsa Karlsten. Und die Frage ob man jemanden töten darf, wenn man meint, er habe es verdient. In der Frage stehe ich im Moment an dem Punkt, dass man es vielleicht darf (z. B. um einer Elsa ein paar letzte schöne Jahre zu vergönnen - das ist doch nur gerecht. Und vielleicht dem Vater von Anna einen schönen Lebensabend gestatten zu können durch die nötigen finanziellen Mittel durch solch einen erfüllten Mordauftrag. Denn Annas Vater hat einen schönen Lebensabend mehr verdient als Elsas Mann. Und auch das Argument, dass man hier einem eh alten Menschen nur ein paar Jahre - die in der Größe des Universums nichts zählen - raubt). Aber ebenso komme ich an den Punkt, dass man es eigentlich trotzdem nicht kann! Denn die moralischen Prinzipien stehen uns Menschen im Weg. Zumindest den "guten Menschen", die eben solch einen Mord begehen müssten. Kann solch ein "guter Mensch" damit leben? Und kann eine Elsa ihren Lebensabend unbeschwert genießen? Wo sie weiß, dass sie sich das Recht genommen hat, den Auftrag zu erteilen ein anderes Leben dafür zu beenden? Interessante Fragen. Und ich bin gespannt, welche Antworten ich mir selbst noch darauf geben werde, im weiteren Verlauf des Buches.
Und nun zu Euren interessanten Leseerlebnissen!
@Doris: Vielen Dank für Deine Meinung zu Alek Popov. So weiß ich, dass es Dir gefallen hat. Und auch dass es sicherlich nicht jedermanns Geschmack ist, da stellenweise völlig überzogen und recht unkonventionell. Ich bin sehr gespannt auf das Buch. Ein erstes reinlesen hat mir sehr gefallen. Es hat mich direkt angesprochen und mich sofort ins Geschehen reingezogen. Wenn es so bleibt, dann ist das bestimmt was für mich. Überzogenheit mag ich in Büchern oft nicht so gern. Aber ich habe z. B. bei A. M. Holmes festgestellt, dass mir das schon auch liegen kann, wenn es gut und sinnvoll eingesetzt ist. Das erhoffe ich mir hier von Alek Popov auch. Und das Cover - das ist einfach zum verlieben!

Auf Deine Eindrücke zu "Die Büchersammlerin" bin ich schon sehr gespannt! Es kam gleichzeitig mit dem Popov bei mir an. Ich musste es leider zurück schicken, da es verknickt war. Ich habe es jetzt noch mal neu bestellt - diesmal in der Orts-Buchhandlung. Ich hole es morgen ab, wenn ich da nach dem Einkaufen vorbei komme. Ich freue mich sehr darauf, denn reingelesen hatte ich schon, als ich das beschädigte Exemplar bekam. Gefällt mir sehr gut! Bitte berichte ob es die ersten Eindrücke halten kann!
@NatiFine: Dein Leseerlebnis mit William Goldmanns "Die Brautprinzessin" freut mich sehr! Ich hatte damals ja das Hörbuch gehört und war hin und weg! Und dass Du bei einem Mädchen am Urlaubsort damit Interesse an Büchern wecken konntest, ist wirklich klasse! Zumal wenn man den Bezug zum Buch bedenkt, in dem die Figur auch nichts für Bücher übrig hat(te).

Schöne Geschichte - Danke fürs teilhaben lassen!
Und sehr schön zu hören, wie sehr Dich die Geschichte um Butterblume begeistert!

(Ich kann mich noch an so manche Stelle erinnern, die mich laut hat lachen lassen... z. B. ein Fechtkampf.

Wenn Du irgendwann die Geschichte nochmal erleben willst, kann ich Dir das Hörbuch wärmstens empfehlen! Es gehört zu den am genialsten vorgetragenen Hörbüchern die ich je gehört habe! Wie ich sehe, hat Britti Dir das nachträgliche Hören auch schon empfohlen.)
@Herr Herbert: Du hast mich dazu angeregt einen gesonderten Thread zu eröffnen über Filme, die besser gefallen als das Buch. Denn sowas ist ja selten. Aber es passiert gelegentlich. Dir ging es so mit dem Film zu "Die Brautprinzessin". Das hat mich zu dem Thread angeregt.
Schön, wieder von Dir zu hören und auch, dass Du so zufrieden mit Deinem bisherigen Lesejahr bist. Der neue Coetzee interessiert mich auch, nachdem ich letztes Jahr von "Schande" (meine
Rezension dazu) so begeistert war. Ich wollte das Buch unbedingt lesen bevor ich mir den Film mit John Malkovich anschaue. Berichte bitte mal, wenn Du den neuen Coetzee liest, ja? Der Autor interessiert mich sehr. Was kennst Du bislang schon von ihm? Und wie haben Dir die Bücher gefallen? Welches mochtest Du besonders?
Falls Du Dich mal an einer Rezension versuchen magst, würde ich mich freuen!
@Turni: Vielen Dank für Deinen ausführlichen Bericht zu Nicci Frenchs "Acht Stunden Angst". Eines der Bücher, die ich von dem Autoren-Duo noch nicht gelesen habe. Thematisch lockte es mich weniger als andere von ihnen. Und die Kundenrezensionen bei Amazon waren auch nicht so begeistert. Das hat mich abgehalten. Zumal ich weiß - was auch SilkeS. hier schrieb - dass leider nicht alles von Nicci French gleich gut ist. "Das rote Zimmer" fand ich z. B. grottenschlecht. Und andere nicht wirklich herausragend. Verzichtbar. Ganz besonders gut fand ich hingegen "Höhenangst" und "Der Sommermörder". Danach kommt "In seiner Hand". Dann "Bis zum bitteren Ende" und "Der falsche Freund". Aber wenn Du es nochmal mit Nicci French versuchen willst, dann am besten mit
Höhenangst oder dem
Sommermörder. Das wäre meine Empfehlung an Dich. Die lohnen wirklich - wie ich finde!
@Silke: Was Du über Gert Nygardshaug schreibst, klingt spannend. Ich habe eben schon mal ein wenig nachgelesen. Für mich macht den Hobbydetektiv reizvoll, dass er Wein liebt und Restaurantbesitzer ist. Auch dass er mit Johan Theorin verglichen wird, gefällt mir. Denn für den Autor habe ich mich ja kürzlich begonnen zu interessieren. Danke für den schönen Tipp, der mir ohne Dich entgangen wäre!