Hallo zusammen,
Zu "Hudson River" von Joyce Carol Oates: Doris, vielen Dank für Deine Resonanz zu Joyce C. Oates. Eigentlich ermutigst Du mich jetzt sogar eher, als dass Du mich noch mehr entmutigst.

Ich hatte eher befürchtet, dass es zu locker (und ausschweifend) über die Probleme der Bewohner Salthills-on-Hudson erzählt. Dass vielleicht nicht genug der Probleme dieser middleage-Figuren herüberkommt - im Verhältnis zur Seitenzahl. Ich befürchtete, dass man es letztendlich vielleicht kürzer hätte fassen können, und es dadurch prägnanter wäre. Aber dass Du mir nun noch mal versicherst, dass sie in diesem Buch tief unter die Oberfläche dringt, ermutigt mich nun doch.
Ich habe Dich etwas irregeleitet mit dem Gedanken, dass das Cover so schön frühlingshaft ist. Ich meinte das wirklich nur auf die Farbgebung bezogen. Nicht auf den Inhalt. Der spielt - wenn ich das richtig verstehe - in einem beschaulichen, sicher auch oft sonnigen Vorort New Yorks. Aber die Menschen dort, sind alles andere als innerlich fröhlich und locker. Ich fand das Cover so schön passend zum Frühling. Aber das konntest Du aus meiner Bemerkung nicht sauber herausinterpretieren - ist mir jetzt klar.
Weitere Zweifel über die richtige Wahl des Buches kamen bei mir in der Szene auf, als Marina Troy zu dem toten Adam Berendt ins Krankenhaus gerufen wird. Diese Verlust-Gefühle, die sie da empfindet. Und diese letzten Minuten mit dem verstorbenen geliebten Menschen, gingen mir sehr nah - zu nah. Denn ich kann mich an meine eigenen Szenen dieser Art noch zu gut erinnern und sie schnüren mir, wenn ich sie heraufbeschwöre, immer noch die Kehle zu. Und mir wurde dann bewusst, dass der Dreh- und Angelpunkt Adam Berendt ist. Und ich hoffe, dass es nicht zu sehr um den Verlust geht. Aber ich denke und hoffe einfach mal, dass es die Figuren immer nur am Rand
erwischt, wenn sie die Nachricht bekommen, dass Adam Berendt verstorben ist.
Das ist also mein Hauptproblem zur Zeit mit dem Roman. Und hinzu kommt eine totale Unentschlossenheit, was ich lesen soll. Ich habe ja für meine Begriffe sehr lange gebraucht mich für ein neues Buch zu entscheiden. Und als ich dieses dann anfing, war ich bald schon nicht mehr sicher, ob oder ob nicht... vielleicht hat das auch viel mit meiner derzeitigen Unentschlossenheit zu tun, die wahrscheinlich daher herrührt, dass ich zuvor ja zwei Bücher gelesen habe, die mir nicht so recht gefallen haben.
Zu "Ein reines Gewissen" von Ian Rankin: Damit dann auch noch mal zu Rankin. Ja, ich denke schon, dass wir immer anspruchsvoller werden. Hat man eine richtig gute Serie (natürlich subjektiv) für sich gefunden und liest dann eine weitere, ähnliche, dann ist es ja nur allzu verständlich, dass sie einen nicht vom Hocker haut, wenn sie der anderen ein wenig ähnlich ist und die andere einem einfach besser gefällt.
Und auch generell: Man wird anspruchsvoller, glaube ich.
Vielleicht sind diese Störfaktoren wirklich unerklärlich. Bei dem einen Autor stören sie einen, bei einem anderen nicht - weil einem der Autor ingesamt vielleicht mehr liegt. Das erklärt dann auch, warum anderen das Buch gefällt. Damit wäre es nämlich subjektiv, bzw. Geschmacksache. Vielleicht liegt es aber auch manchmal daran, dass ein Autor es besser kann als sein Kollege. Wäre ja auch nur allzu normal, denn in jedem Beruf gibt es welche, die besser sind und welche die schlechter sind. Ich denke hier liegt es am handwerklichen. Oder am Talent. Dem einen fließt es direkt flüssig und korrekt aus der Feder, ein anderer verzettelt sich vielleicht etwas schneller.
Mir ging das mal mit Petra Hammesfahr so, als ich noch meine Thriller-Phase hatte. "Das letzte Opfer" las ich von ihr. Und es war ziemlich wirr geschrieben. Wohl etwas, was man bei Hammesfahr - wie ich gehört habe - häufiger anfinden kann: eine wirre Art zu erzählen. Ich konnte ihr das aber nachsehen (nicht übersehen!), da der Thriller ansonsten unerträglich spannend war. Somit gilt auch hier wieder: Dem einen verzeiht man es, dem anderen nicht (oder weniger).
Bei Ian Rankin hätte ich die Dinge, die mir störend aufgefallen sind, sicher eher verziehen, wenn die Story an sich für mich noch mehr Spannung beinhaltet hätte. Ich habe schon spannenderes, aufregenderes, interessanteres gelesen. Auch schlechteres - wohlgemerkt! Aber es reichte nicht, um die Mankos wett zu machen. Vielleicht kann ich es mir für mich hiermit erklären. Ja, ich denke schon.
Malcoms Vater: Ja Binchen, den hatte ich zum Schluss hin auch nur noch als Beiwerk empfunden. Zunächst hatte Rankin ihn ja als relativ gewichtig eingeführt. Und dann fand er nur noch am Rande Erwähnung, als der Fall in Bewegung kam. Ich denke, Rankin hat diese Nebenfigur über mehrere Bände ausgelegt. Aber trotzdem: Mir schien dadurch Band eins nicht runder. Ich habe das so empfunden wie Du auch: Diese Nebenfigur verlief in diesem ersten Band im Sande.
Binchen hat geschrieben:Vieles von Malcoms Beiwerk ist einfach nur solches und irgendwie nicht richtig eingepasst.
Habe ich auch so empfunden!
Binchen hat geschrieben:nein - ich fand es plausibel, dass er sich verplapperte, denn er ist m.E. kein Vollprofi - er hat sich wesentlich schlechter im Griff als Cassie in Totengleich - bei ihr hängt auch viel mehr davon ab. Und so fand ich es ehe plausibel, dass er sich verplapperte als wenn er perfekter gewesen wäre.
Wobei sich Cassie ja auch mal verplappert hat. Aber es war viel stimmiger und nicht so plump eingebaut. Und zumal Cassie ja auch viel mehr improvisieren musste. Ein bisschen geschickter stelle ich mir jemanden aus der Inneren schon vor. Und ich finde, er ist genauso viel oder wenig Vollprofi wie Cassie: Er ist in der Inneren und sie geht in einen Undercover-Einsatz und war früher in der entsprechenden Abteilung.
Aber gut, da sieht man, dass manches wirklich unterschiedlich aufgenommen wird.
Binchen, ich hoffe, Du hast Dich in Dein neues Buch inzwischen besser eingefunden? Oder bist Du zu "Frankie Machine" oder Stuart MacBride umgeschwenkt? Typisierte Figuren hört sich nicht so toll an...