Hallo zusammen,
Rachel, auch weiterhin gefällt mir "Erbin des verlorenen Landes" ausnehmend gut! Ich habe eben schon im Thread
Literarische Weltkarte ein wenig über meinen
Aufenthalt in Indien berichtet. Und den Nebenschauplätzen
New York und
England, die für Menschen aus einem Dritte Welt-Land nicht weniger deprimierend sind, wie Indien. Da kann man der Autorin nur ein ganz großes Kompliment aussprechen! Sie lässt den Leser alles mit den Augen der Figuren ihres Romans sehen. Dieser Blick ist um einiges nüchterner, als der zweite Blick, der unbewusst auf alles fällt. Nämlich der Blick mit den Wertmaßstäben des Lesers auf alles. Der nicht Armut leiden muss - mehr noch: Im (das wird einem hier erst mal so richtig bewusst!) maßlosen Luxus lebt. Mit diesem Blick schaut man unbewusst ein zweites Mal auf das, was man da liest. Und man merkt, wieviel größer, schlimmer, doller man die Armut und das Elend wahrnimmt, durch diesen zweiten Blick, der sich über den ersten legt.
Ehrlich gesagt beschämt mich das Buch. Meine kleinen Problem, ob ich ein Kilo zu viel habe (wo Essen für diese Menschen einfach nur existenziell ist und man schon froh ist, wenn man überhaupt irgendetwas hat, und sei es dreckiger Reis, mit Steinchen durchsetzt, an denen man sich die Zähne ausbeißt), ob meine neueste Lieferung (Bücher, Klamotten etc.) schon angekommen ist (wo der Koch selbst Alufolie so oft säubert und wiederverwendet, bis nur noch Fetzen oder Klumpen übrig sind und er sie dann immer noch nicht wegwirft, weil man sie ja noch mal irgendwie gebrauchen könnte), wohin ich bloß reisen soll (wo die Menschen z. B. dort in Indien an ihre Heimat festgebunden sind, oder höchstens illegal auswandern können und dann in dem Land, in das sie ausgewandert sind, festgenagelt sind, während sich andere Koffer kaufen um die Welt zu bereisen).
So kann das Buch Zweierlei: Die Augen öffnen für die Armut anderer Menschen! Sie scheint auf einmal nicht mehr so weit weg. Sondern fassbar. Und auf der anderen Seite (entgegen dieser deprimierenden Erkenntnisse) kann es Dankbarkeit und Freude hervorrufen. Für das was wir haben, was uns gegönnt ist. Den puren Luxus, in dem wir leben, schätzen lernen und uns bewusst machen. Beides wertvolle Erkennnisse.
Mich hat eine Szene ganz besonders traurig gemacht. Als der Richter noch ganz jung war und zum studieren nach England gegangen ist. Wie minderwertig er sich gegen andere gefühlt hat. Das wird so nüchtern und so wortkarg beschrieben. Und ist doch so verständlich und intensiv. Mensch... wie sich zwanghaft wäscht, damit niemand mehr sagen kann, dass er stinkt (damit er diese Demütigung nicht mehr ertragen muss!). Und wie er später selbst beim (seltenen) Lächeln die Hand vor den Mund hält, da er solch eine Kluft zwischen sich und den anderen sieht (die anderen ganz oben, er ganz unten), dass es ihm zu intim erscheint, wenn jemand seine Zähne sieht. Etwas aus seinem Inneren. Als wäre sein Körper etwas, was anderen eine Belästigung ist. Mensch, das setzt wirklich zu.
Und auch Biju tut mir so leid. Ich kann mir vorstellen, dass ich an seiner Stelle große Skrupel hätte, meinem Vater zu schreiben, wie unglücklich ich dort in New York bin. Welch Außenseiter und welch Abschau ich dort für die Menschen bin. Quasi nicht existent. Eine Schattengestalt. Und dass ich nicht mehr zu Essen und zum Leben habe, als in Indien. Denn ich wüsste, dass mein Vater sich für mich eine große Zukunft dort in den USA erhofft. Dass er ganz fest glaubt, dass es JEDEM in den USA besser geht als in Indien. Wie soll man seinem Vater diesen festen unerschütterlichen Glauben, seinen Stolz (auf den Sohn, der es nach Amerika geschafft hat), und sein Gefühl, dass es seinem Sohn gut geht, kaputt machen. Mir tut das Herz weh, wenn ich daran denke, was der Koch fühlen würde/müsste, wenn sein Sohn ihn das wissen lässt. Zwar erhält der Leser keine Info darüber, wie Biju das sieht. Aber ich kann mir das gut vorstellen. Doch die Tatsache, dass er seinem Vater auf dessen Bitte sich um andere aus Indien anreisende Bekannte zu kümmern, nicht sagt, dass er das gar nicht könnte (weil er selbst NICHTS hat und auch keinen Einfluss auf irgend etwas nehmen kann), zeigt mir, dass in Biju ähnliches vorgehen muss: Er kann seinem Vater das nicht sagen. Wieviel einsamer mag jemanden in Bijus Lage das machen?!
Auch die Szene, als der Richter mit seiner Frau verheiratet wird und seine vierzehnjährige Ehefrau ihn anfleht, sie zu verschonen. Das drückt so viel aus! Was heißt solch eine Ehe für eine Frau (ein Mädchen)? Welche Ängste hat sie, dem Mann (auch - oder besonders - sexuell) ausgeliefert zu sein. Alles mit sich machen zu lassen, ganz gegen ihren Willen. Und was heißt das auch für einen Mann. Einen Mann wie den Richter. Der ja kein böser oder schlechter Mensch ist. Nicht mal ein einfach nur rücksichtsloser Mann. Wie kann er je zu Zärtlichkeiten kommen? Wie kann er je körperliche Liebe erleben mit seiner Ehefrau? Er wäre ja gezwungen sie wirklich zu vergewaltigen. Da ist aber nicht jeder Mann in der Lage zu. Nicht mal auf eine möglichst schonende und milde Art und Weise, sich seiner Frau aufzudrängen. Nein, wie traurig das alles.
Kiran Desai erzählt mir so viel! Über die Menschen im indischen Dorf Kalimpong. Über Indien. Über die Menschen der Dritten Welt. Und über die Menschen der Ersten Welt. Über mich. Ich bin wirklich beeindruckt!
Rachel, spiegelt das auch die Empfindungen wider, die Du durchlebt hast, beim lesen?
Unvergessliche Szenen jedenfalls. Dabei so ruhig und unspektakulär (und eigen) erzählt. Und bildhaft. Nie werde ich Bilder vergessen, wie diese parallel zu der mir bekannten Welt existierenden
Keller-Welten in den Restaurants (nicht nur in New York), in denen die Illegalen leben und miteinander teilweise nicht mal verständigen können. Diese illegalen Einwanderer, die mit
nach Hause gehen meinen, in Gebäude (nicht mal wirklich ein Mietshaus) zurückzukommen, in denen sie mit unzähligen anderen fremden Menschen hausen müssen.
Wie wunderschön ist meine Wohnung! Es kommt mir vor wie ein Schloss! Und wie unfassbar glücklich macht mich meine vollkommene Freiheit, wenn ich über diese in ihren engen Grenzen lebenden Menschen lese, die (im Grunde) keine Chance haben, da heraus zu kommen.
Dass Du auf "Der Guru im Guavenbaum" trotz eigentlich auch für Dich nicht lockenden Inhalts neugierig bist, kann ich verstehen, Rachel. Eine ganz besondere Autorin. Ich selbst werde es zwar wohl trotzdem nicht lesen. Aber ich kann Dein 100%-iges Interesse für die Autorin gut verstehen!
@Maria: Vielen Dank für Deine Einschätzung wo man bei der Chee-Reihe einsetzen sollte. Richtig, mir wäre die Reihenfolge wichtig.
Wie ist es denn mit der Leaphorn-Reihe? Sollte man die auch lesen, bevor man die Chee/Leaphorn-Reihe liest? Wahrschein, oder? Und sollte man die Leaphorn-Reihe vor der Chee-Reihe lesen? Oder andersherum?
Wie ich im Thread
Literarische Weltkarte gelesen habe, hast Du Dir nach "Tod der Maulwürfe" gleich noch einen Band von Tony Hillerman vorgenommen. Da scheint es Dir ja richtig gefallen zu haben. Schön!
