Muss ich mich mit Figuren aus einem Buch...

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Muss ich mich mit Figuren aus einem Buch...

Beitragvon Didonia » Mo 4. Apr 2011, 11:58

identifizieren können, um es gut zu finden?

Diese Frage stellt sich mir schon eine Weile.

So oft lese ich in Rezensionen: "Ich fand das Buch nicht so toll, ich konnte mich mit der Hauptfigur nicht identifizieren."

Ja, muss ich das denn überhaupt? Muss ich mich mit einer Figur gleichsetzen oder vergleichen können, um sie sympathisch oder abstoßend zu finden?
Wäre es nicht langweilig über Menschen zu lesen, die genauso sind wie ich?

Was denkt Ihr? :D
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Re: Muss ich mich mit Figuren aus einem Buch...

Beitragvon Binchen » Mo 4. Apr 2011, 12:22

Liebe Didonia,

Ja - ob Du das musst, weiß ich nicht, aber ich ich brauche das geradezu. :D

Hier sind ja einige unterwegs, die das so gar nicht brauchen, um ein Buch gerne zu lesen, ich jedoch brauche in einem Buch mindestens eine Person mit der ich mich anfreunden könnte, um mich gut zu unterhalten, denn für mich heißt das zusätzlich auch mich wohlzufühlen. Ich lese zur Unterhaltung, die darf gerne nicht nur im Plauderton daherkommen, muss aber grundsätzlich für mich eher positiv gesonnen sein.

Daher kommen auch die unterschiedlichen Ansichten manchmal zu Stande, weil ich manchmal vergesse, dass das nicht für jeden der Fall ist. Viele hier brauchen einfach nur das Gefühl der 'Authentizität' um ein Buch ansprechend zu finden, oder es gerne zu lesen. Ich denke, ich bin hier oft eine Ausnahme mit meinem Sonnenscheindenken. Bzw. ich überrasche schon einmal dadurch, dass ich auch ein Buch gut finde, dass weniger Sonne beinhaltet.

Denn es gibt Sonne nicht ohne Schatten - d.h. der Kontrast darf schon sichtbar werden, sollte aber für ein Buch, dass ich gerne lese (oder gelesen habe) nicht zu schattig werden. Wenn man das z.B. bei einer Rezi von mir weiß, ist einem schneller klar, ob das Buch ggf. gehaltvoll genug für einen selbst sein kann.
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Re: Muss ich mich mit Figuren aus einem Buch...

Beitragvon Didonia » Mo 4. Apr 2011, 12:49

Liebe Binchen,

Du schreibst:

...ich jedoch brauche in einem Buch mindestens eine Person mit der ich mich anfreunden könnte, um mich gut zu unterhalten, denn für mich heißt das zusätzlich auch mich wohlzufühlen.


Das kann ich gut verstehen.

Ist denn vielleicht bei den Rezis, die ich lese, der Begriff "identifizieren" unglücklich gewählt?
Es ist doch ein Unterschied, ob ich eine sympathische Figur brauche oder eine, mit der ich mich anfreunden kann oder aber eine, mit der ich mich identifizieren kann. Denn das würde ja heißen, ich bräuchte eine Figur, von der ich mir vorstellen könnte, an ihrer Stelle zu sein, zu sein wie sie.

Ein Buch, in dem ich keine Figur mögen würde, würde mir auch keinen Spaß machen.
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Re: Muss ich mich mit Figuren aus einem Buch...

Beitragvon Trixie » Mo 4. Apr 2011, 13:02

Hallo Didonia,

ich würde in den allerwenigsten Fällen davon sprechen, daß ich mich mit einer Romanfigur identifiziert hätte. Aber verstehen muß ich sie schon können. Bücher, die ich am liebsten in die Ecke werfen würde, sind meist jene Bücher, in denen Figuren sich in einer Weise verhalten, denken, handeln, die ich absolut nicht nachvollziehen, nicht befürworten, ja, vielleicht noch nicht einmal erklären kann, selbst wenn ich stets im Hinterkopf behalte, daß nicht alle Menschen ebenso wie ich ticken.
Also ist vielleicht tatsächlich der Begriff "Identifikation" zu genau und enggefaßt für das, was manche Leser eigentlich ausdrücken wollen, nämlich daß die Figuren für sie während und nach der Lektüre einfach nicht nachvollziehbar geblieben sind.

Gruß,
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Re: Muss ich mich mit Figuren aus einem Buch...

Beitragvon Barbara » Mo 4. Apr 2011, 14:17

Liebe Didonia,



ich identifiziere mich in den seltensten Fällen mit den Figuren in Büchern. Das wäre mir manches Mal sogar sehr hinderlich. Außerdem tun wir das im richtigen Leben ja auch nicht. Es wäre ja schlimm, denn es würde bedeuten, dass ich nur die Menschen mögen würde, mit denen ich mich identifizieren kann. Wenn ich überlege, was mir da, auch an Entwicklungspotential, gerade im Umgang mit anders Denkenden, entgehen würde. Es gäbe keine oder nur ganz wenig Inspiration, da ich ja nur begrenzt wahrnehmen würde.

Gerade die Figuren, mit denen ich mich nicht identifizieren kann, regen zum Nachdenken und zum Entwickeln an.

Außerdem kommt es bei mir auch immer darauf an, was ich von einem Buch erwarte bzw. aus welchem Grund ich es lese. Dann relativiert sich das Identifizieren von ganz alleine.
Herz-Schmerz-Badewannenbücher z.B. eignen sich, zum Identifizieren ausgezeichnet. Dann erwarte ich aber nichts, außer Seelenreinigung und jemanden, der „ähnliches Leid“ erfährt.

Bei Büchern, wie denen von Tolstoi, Mann oder ähnlich Gelagerten z. B. geht es auch nicht um Identifikation mit der Hauptfigur, sondern um mehr ... um Gesellschaftskritik, politische oder soziale Gedanken. Ich denke dann muss man auch in der Lage sein zu abstrahieren und über der Identifikation zu stehen, da man sich sonst des objektiven Blickes auf die Geschichte beraubt und man beginnt einseitig zu denken. Und dann käme man zu Rezensionen, die rein subjektiv angehaucht, oberflächlich und wenig literaturkritisch sein können.

Ich denke, es ist wiederum ähnlich, wie im Leben: Auch hier muss man in der Lage sein, andere Meinungen, Gedanken, Handlungen oder Menschen zu sehen, versuchen sie zu verstehen und dann zu akzeptieren.

Und außerdem möchte ich auch gerne eine eigenständige Persönlichkeit bleiben und durch Identifikation kein Abziehbild werden.

An meinen Darlegungen erkennt man schon, wie schwierig es ist das Wort "Identifikation" zu bestimmen, abzugrenzen und zu definieren. Eventuell müsste dies zuerst geschehen, da wir sicherlich alle eine unterschiedliche Auffassung von Identifikation und deren Tragweite haben.

Aber grundsätzlich kann ich Dich beruhigen, man kann Bücher extrem gut finden, auch wenn man die Hauptfigur nicht mag und sich gerade nicht mit ihr identifizieren kann, will, darf oder muss.
:lesen_und_nachdenken:
Liebe Grüße
Barbara
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Re: Muss ich mich mit Figuren aus einem Buch...

Beitragvon Petra » Mo 4. Apr 2011, 15:28

Hallo Didonia,
Hallo zusammen,

eine interessante Frage, Didonia.

Erst einmal vorweg: Nein, ich zähle nicht zu den Lesern, die sich mit einer Figur identifizieren können müssen, um ein Buch gut zu finden. Ich kann ein Buch sogar nicht nur gut, sondern auch schön (!) finden, wenn ich mich nicht mit einer Figur identifizieren kann.

Ich glaube viel wichtiger als Sympathie ist Empathie. Der Autor muss mir die Möglichkeit geben, mit der Figur mitzufühlen. So kann eine Figur schlechtes tun, aber wenn ich mit ihr mitfühlen kann (ihre Gründe verstehe), dann kann ich damit viel besser umgehen.

Und nur weil ich mitfühlen kann, muss ich mich noch lange nicht mit einer Figur identifizieren.

Im Gegenteil, ich mag sogar viel lieber die Bücher, in denen ich neue Sichtweisen kennenlernen kann. In die Haut eine Menschen schlüpfen darf, der ganz anders ist als ich. So kann man seinen Horizont erweitern, Menschen besser verstehen lernen, Themen aus einem anderen Blickwinkel betrachten, als aus dem eigenen. Das finde ich ungemein spannend und anregend. Mir gibt solch ein Buch mit solchen Figuren viel mehr, als ein Buch, in dem ich Figuren finde, die so handeln, wie ich es tun würde. Die sind für zwischendurch auch mal schön, entspannend und zum wohlfühlen. Aber anregen können mich nur Bücher, in denen ich mich mit Figuren und Themen auseinander setzen muss/kann.

Somit: Für mich muss es in einem Buch keine Figur geben, mit der ich mich identifizieren kann. Lieber sind mir sogar die, in denen das nicht der Fall ist. Aber in dem es einem Autor gelingt, dass ich seine Figuren verstehe. Zuletzt ist mir das bei Pete Dexter so gegangen. In seinem Roman "God's Pocket" ist niemand so richtig sympathisch. Und identifizieren kann ich mich erst recht mit keinem. Und doch haben mir seine Figuren so viel gegeben, mir so viel erzählt. Weil er seine Figuren nicht der Lächerlichkeit preis gibt, sondern ihre Beweggründe offenlegt, so dass ich sie zwar nicht gutheißen, aber verstehen kann.

Wann ich mich zuletzt mit einer Figur identifiziert habe, könnte ich hingegen gar nicht sagen. Selbst bei Büchern, die ich zur bloßen Unterhaltung lese, und nette Figuren darin antreffe (z. B. Benni Harper fällt mir da ein), identifiziere ich mich nicht mit den Figuren, wenn ich es mir jetzt so recht überlege. Vielleicht ist identifizieren wirklich kein glückliches Wort. Oder aber es gibt Leser, denen das gelingt. Das kann ich nicht beurteilen. Aber ich schließe mich der aufkeimenden Antwort hier an: Identifikation ist in dem Zusammenhang vielleicht nicht das passendste Wort.

Interessantes Thema - Danke, liebe Didonia! :D
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Re: Muss ich mich mit Figuren aus einem Buch...

Beitragvon Turni » Mo 4. Apr 2011, 18:51

Identifizieren? Mich gleichsetzen? Nö, mache ich nicht. Etwas anderes ist es, dass ich mich in die Romanfigur hineinversetzen kann. Also dass der Autor sie so beschreibt, dass ich eben mit ihr fühlen kann.
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Re: Muss ich mich mit Figuren aus einem Buch...

Beitragvon Binchen » Mo 4. Apr 2011, 19:08

...Weil wir ja gerade versuchen die Unteschiede zu klären, habe ich mal bei Wikipdia nachgeschaut, was denn identifizieren eigentlich bedeuten soll:

Dort steht: ...Gemeint ist damit in der Psychologie der Vorgang, sich in einen anderen Menschen einzufühlen ...

Ich denke mit der Definition sind hier dann doch einige dabei, die genau das auch brauchen!

Aber die Erklärungen die Ihr dazu liefert erklären es ja persönlich richtig schön. Das ist echt aufschlussreich.

Ich bleibe dabei ich muss mich nicht nur einfühlen, sondern auch mit mindestens einem der Hauptprotas wohlfühlen - aber wie schön, dass hier noch genügend andere sind, die mich so über die Bücher auf dem Laufenden halten, wo mir das nicht gelänge, von denen ich so aber wenigstens einen Kurzabriss erhalte. Darüber freue ich mich dann. :)
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Re: Muss ich mich mit Figuren aus einem Buch...

Beitragvon Petra » Mo 4. Apr 2011, 19:31

Hallo Binchen,

ja, die genaue Definition habe ich mir auch angesehen, aber im Duden. Da steht auch u. a. sich einfühlen, aber auch wiedererkennen. Deshalb finde ich den Begriff identifizieren nicht ganz glücklich. Denn das sich einfühlen können, brauche ich auch (meistens). Aber mich wiedererkennen muss ich nicht. Deshalb ist sich einfühlen vielleicht der genauere Ausdruck, da identifizieren mehrere Deutungsmöglichkeiten zulässt.

Dir reicht also kein einfühlen können, sondern Du musst Dich auch mit einer Figur wohlfühlen (also Dich wiedererkennen). Somit passt für Dich der Begriff identifizieren schon. Für die meisten anderen hier hingegen passt er nicht so ganz präzise. Wirklich aufschlussreich.

Schön, damit der Beantwortung Didonias (sehr interessanter!) Frage näher zu kommen.
Liebe Grüße,
Petra


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Re: Muss ich mich mit Figuren aus einem Buch...

Beitragvon Didonia » Di 5. Apr 2011, 14:09

Hallo, Ihr Lieben,

dafür, dass ich das in sehr vielen Rezensionen lese (dass eine Identifikationsfigur fehlt oder dass man deshalb ein Buch nicht gut findet), überraschen mich die vielen Antworten von Euch, die das nicht brauchen.

Was mir ja manchmal, aber äußerst selten, passiert, ist ja, dass ich so in eine Figur hineintauche und mir wünschte, ihr Leben leben zu können. Jetzt nicht im Ernst, aber so vom Gefühl her.
Besonders ging mir das so bei der Dido-Hoare-Reihe. Die junge Frau, die ein Antiquariat hat und nebenbei in Krimifälle hineingezogen wird. Die habe ich wahnsinnig um ihr Leben beneidet :D
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