Leseerlebnisse 2011 - Ich lese gerade...

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Re: Leseerlebnisse 2011 - Ich lese gerade...

Beitragvon Petra » Mi 4. Mai 2011, 16:08

Hallo zusammen,

um wieder herunter zu kommen nach "Jeder stirbt für sich allein", habe ich mir spontan ein Buch gekauft, das ich auch sofort begonnen habe: "Wenn die Nacht anbricht" von Gin Phillips. Die Entscheidung für das Buch traf ich, weil es a) in den Südstaaten spielt und ich mich schon lange lesend dorthin begeben wollte, und ich b) beim reinlesen sehr angetan davon war, wie es die Sinne anspricht. Gerüche, sommerliche Wärme, Geräusche, Bilder, Geschmäcker... die Autor beschreibt sehr bildlich.

Inhalt:

In der Stille eines heißen Sommerabends nimmt ein großes Geheimnis seinen Anfang Alabama im Sommer 1931: Die neunjährige Tess Moore sitzt allein auf der hinteren Veranda des Hauses und genießt die laue Nachtluft, den Duft von frischem Maisbrot und die Gesprächsfetzen, die vom Haus herüberwehen, als sie beobachten muss, wie eine Frau wortlos ein Baby in den Brunnen der Familie wirft. Die Tat setzt eine Reihe von Ereignissen in Gang, die Tess und ihre ältere Schwester Virgie zwingen, den Blick auf das Leben jenseits der eigenen Haustür zu richten. Die Wirtschaftskrise hält die ganze Welt in Atem. Kohlebergbau, Hunger und Rassismus bestimmen den Alltag in Carbon Hill. Und während Tess und Virgie versuchen, den Mord aufzuklären, sind die Einwohner des Städtchens auf gegenseitige Hilfe angewiesen. Und allmählich rücken sie immer enger zusammen ...

Es liest sich flott und das sinnliche setzt sich fort. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive der fünf Familenmitglieder (Tess, ihre Schwester, ihr Bruder, ihr Vater, ihre Mutter). In jedem Kapitel wechselt die Perspektive.

Was mir (in kleinem Maße) auffällt: Die Erzählstimmen den Kinder klingen zu erwachsen. Allerdings wird die Geschichte wohl als Rückblende erzählt. Das geht aber nicht immer aus den Kapiteln hervor. Das hätte die Autorin vielleicht etwas feiner machen können. Auch finden sich andere kleine Ungenauigkeiten oder leise Widersprüche. Zumindest werde ich beim lesen das Gefühl nicht los, dass die Autorin manchmal ihre eigenen Aussagen vergisst. So hasst die Mutter das Kühe melken, scheint diese stille und vertraute Arbeit kurz drauf aber fast zu genießen. Vielleicht nehme ich es aber auch nur so wahr. Es sind jedenfalls ganz leichte Mängel bisher.

Wenn man über diese kleinen Schwächen hinweg sieht, ist es aber schön, lebendig und vor allem sinnlich erzählt. Man erlebt diese Sommertage dort in den 30ern in Alabama mit. Und genau darum ging es mir ja. Ich bin gespannt wie es weiterhin auf mich wirkt, und vor allem, wie die Geschichte nun anläuft. Noch ist nicht viel geschehen, seit das Baby in den Brunnen geworfen wurde.

@Sandra: "Jeder stirbt für sich allein" kann ich Dir wirklich sehr empfehlen. Aber ich finde auch, dass man einen Zeitpunkt für das Buch wählen sollte, in dem man sich innerlich gefestigt fühlt und sich dem Thema stellen kann und will. Dreiviertel des Romans sind gut verträglich. Aber im letzten Viertel wird es richtig hart! Muss auch so sein. Aber man sollte sich einen guten Zeitpunkt für das Buch und das Thema auswählen.

Dafür hast Du mich aber nun auf "Der melancholische Mörder" von Francois Emmanuel sehr neugierig gemacht! Das könnte glatt was für mich sein. Ich bitte Dich sehr um abschließenden Bericht!

Wusste ich's doch, dass es für mich mit Dir wieder teuer wird! :mrgreen:

@Didonia: Ich bin auch gespannt, was Du noch sagen wirst, wenn Du Uwe Timms Buch beendet hast. Ob er Schuldzuweisungen treffen wird oder nicht. Ich würde es auch eher so einschätzen, dass das nicht sein Anliegen ist. Wäre aber sehr an Deinen Eindrücken interessiert, um mir Gewissheit zu verschaffen. Er wird das wohl viel auch für sich selbst aufgearbeitet haben. Bestimmt ein interessantes Buch.
Liebe Grüße,
Petra


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Re: Leseerlebnisse 2011 - Ich lese gerade...

Beitragvon Sandra » Mi 4. Mai 2011, 18:21

hallo Petra,

ja das dachte ich mir, dass der Fallada nicht ohne ist...
aber das kommt mal in die gedankliche Ecke.

Über den melancholischen Mörder werd ich berichten! Heute war leider mal wieder kein Lesetag...keine Zeit :-(

lg
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Re: Leseerlebnisse 2011 - Ich lese gerade...

Beitragvon Didonia » Mi 4. Mai 2011, 20:40

Guten Abend, Ihr Lieben,

liebe Petra,

ich werde berichten.

Falladas "Jeder stirbt für sich allein" habe ich mir heute übrigens gekauft. Das erste Mal, dass ich ein Buch aus dem Bestsellerregal genommen habe.
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Re: Leseerlebnisse 2011 - Ich lese gerade...

Beitragvon steffi » Do 5. Mai 2011, 10:02

Ich brauchte auch nach "Jeder stirbt für sich allein" eine Ablenkung und habe mich auf "Grabesgrün" gestürzt. Zwar kenne ich schon das Hörbuch, aber ich wollte doch auch ds Buch lesen. Und es ergibt sich ein kleiner, aber feiner Lesesog !

Dass "Jeder stirbt für sich allein" im Bestseller-Regal steht, ist für mich schon eine kleine Sensation, nachdem es so lange Zeit unbeachtet war. Denn es ist kein leichtes Thema und auch sehr eindringlich geschildert. Kein Buch, das man so mal zwischendurch lesen kann, weil es, wie schon Petra schrieb, viele Fragen aufwirft und viel Raum zu Nacherleben und Nachdenken bietet. Aber es freut mich auch, denn ich glaube, es gibt wenige Bücher, die das Thema das Widerstands von Menschen so detalliert darstellen können.
Gruss von Steffi

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Re: Leseerlebnisse 2011 - Ich lese gerade...

Beitragvon Didonia » Do 5. Mai 2011, 23:32

Guten Abend, ihr Lieben,

vor lauter Lesen komme ich gar nicht zum Rezi schreiben. Vier Bücher warten nun, dass ich noch etwas über sie schreibe. Mal schaun, dass ich es am Wochenende schaffe.

Das nächste, was ich jetzt lesen werde, ist

Daniel Druskat von Helmut Sakowski - ein DDR-Buch

Hier steht zwar: "Der Roman entstand nach dem legendären gleichnamigen Fernsehmehrteiler mit Manfred Krug und Hilmar Thate."

Aber ob das so genau stimmt? Beide, Buch und Mehrteiler, erschienen 1976. Und Helmut Sakowski hat auch an dem Drehbuch mitgearbeitet. Da muss ich mich mal noch richtig schlau machen.
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Re: Leseerlebnisse 2011 - Ich lese gerade...

Beitragvon JMaria » Fr 6. Mai 2011, 09:58

Sandra hat geschrieben: ja das dachte ich mir, dass der Fallada nicht ohne ist...
aber das kommt mal in die gedankliche Ecke.



[Jeder stirbt für sich allein]

ja, wirklich nicht ohne.
Ich zögere das Ende des Buches so hinaus, weil es mich bedrückt, so dass ich mich nicht mal mit einem anderen Buch ablenken kann. Das ist mir schon lange nicht mehr passiert.

Grüße von
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Re: Leseerlebnisse 2011 - Ich lese gerade...

Beitragvon Doris » Fr 6. Mai 2011, 12:03

Hallo alle zusammen,

Petra, "Wenn die Nacht anbricht" liegt bei mir auch schon auf dem SuB. Bin gespannt wie es dir gefällt und mache es von deiner Einschätzung abhängig ob es im SuB nach oben rutscht ;)

Ich bin in den letzten Zügen von "Swamplandia" und rundum begeistert. So ein tolles Buch! Rezension folgt.

Liebe Grüße
Doris
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Re: Leseerlebnisse 2011 - Ich lese gerade...

Beitragvon Petra » Fr 6. Mai 2011, 15:04

Hallo zusammen,

nachdem ich gerade mein Buch abgebochen habe (ich habe im "Abgebrochene Bücher"-Thread gerade näheres berichtet), suche ich mir übers Wochenende was neues aus. Ich bin selbst schon gespannt, was es werden wird.

@Doris: Wie Du siehst, habe ich "Wenn die Nacht anbricht" abgebrochen. Aber bitte lass Dich von dem Buch nicht abbringen. Der Sommer ist so schön beschrieben. Das ist schon toll gemacht. Und beinahe hätte mir diese Stärke auch gereicht es weiter zu lesen. Aber es hat mich einfach nicht genug interessiert. Und die übrigen Schwächen (im Abbruch-Thread habe ich sie genauer beschrieben) haben dann ein Übriges getan. Aber schlecht ist das Buch nicht. Vielleicht stören Dich diese Dinge nicht so. An Deiner Meinung, wenn Du es mal liest, wäre ich jedenfalls sehr interessiert. Ich habe mich gegen das Buch entschieden, da ich die Zeit einfach für noch interessantere Bücher nutzen möchte. Hätte ich nicht so viel verlockendes auf dem SUB, dann hätte ich sicher weitergelesen, um die sommerliche Szenerie in Alabama zu genießen.

Auf "Swamplandia" bin ich ja durchs Verlagsprospekt auch so neugierig geworden. Das steigert sich gerade durch Deine Begeisterung. Vielleicht magst Du noch näheres dazu schreiben? Mich würden Deine Eindrücke sehr interessieren.

@Fevvers: Ich entnehme Deiner Signatur, dass Du mit dem Lesen von Dominique Manottis "Roter Glamour" nicht lange gewartet hast. Bitte berichte - ich platze vor Neugier! Und es steht auch seit Mai 2011 auf der KrimiZeit Bestenliste.

@Maria: Dann geht es Dir also auch so, dass die letzten Kapitel von Falladas "Jeder stirbt für sich allein" Dich so mitnehmen. Das Buch setzt einem ja eh schon so zu. Aber die letzten Kapitel steigern die Beklemmung fast bis ins Unerträgliche.

Dass Du Dich mit einem anderen Buch nicht mal nebenher ablenken kannst, kann ich echt verstehen. Aber das heißt schon was. Denn normaler Weise gelingt es Dir ja gut.

In mir kämpfte der Wunsch dieses Buch nicht verlassen zu müssen mit dem Wunsch es schnell hinter mir zu haben. Denn die Beklemmung hat mich so ergriffen, dass ich ja sogar mehrfach die Themen mit in meine Träume genommen hatte. Das ist mir so auch ewig nicht passiert!

@Didonia: Dass Du Dir "Jeder stirbt für sich allein" gekauft hast, freut mich sehr! Das Buch ist wirklich einzigartig und so lesenswert! Ich wünsche Dir damit ein intensives Leseerlebnis! Und wenn Du Dich uns mitteilen willst, so habe ich ein sehr offenes Ohr und setze mich gern mit Dir und Deinen Eindrücken auseinander. Du hast ein tolles Buch vor Dir, das sehr viel wichtiges zu erzählen hat!

Und wie schön, dass somit auch mal ein Buch aus dem Bestsellerregal in Deine Tasche durfte! :) (Kann ich gut nachvollziehen, dass das Seltenheitswert hat! Geht mir auch so.) Aber hier ist der Fall ja anders gelagert, wie Steffi schon so treffend sagt:

@Steffi: Richtig, eine kleine Sensation, dass dieser Roman gut 60 Jahre nach Erscheinen noch mal zum Bestseller mutiert. Aber eine sehr positive Sensation. Denn ich sehe es wie Du: Es gibt gewiss nur wenige Bücher, die das Thema des Widerstands (und auch des nicht vorhandenen Widerstands - dazu gibt es ja auch genug Figuren in dem Roman. Und man versteht, warum es so wenig Widerstand gab) und die Beklemmung und Bedrohung unter den Umständen damals so gekonnt eingefangen haben. Ich bin noch ganz eingenommen von dem Buch.

@Sandra: Ja, dieser Fallada ist ganz und gar nicht ohne. Dass Du es Dir gedanklich vormerkst, freut mich aber. Denn - wenn man den richtigen Zeitpunkt dafür erwischt - ist es ein absolut lohnenswertes Buch, das einem so manches verdeutlicht.

Danke, dass Du über "Der melancholischen Mörder" berichten wirst. Ich bin sehr neugierig auf Deine Eindrücke und wünsche Dir baldige Lesezeit! :-)
Liebe Grüße,
Petra


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Re: Leseerlebnisse 2011 - Ich lese gerade...

Beitragvon Fevvers » Fr 6. Mai 2011, 20:21

Hallo Petra,

ich habe erst wenige Seiten von "Roter Glamour" gelesen, bin aber bereits sehr angetan. Das Hintergrundrauschen des Romans bildet das politische und gesellschaftliche Klima zur Mitterand-Ära Mitte der 1980er Jahre. Es geht um politische Affären, Korruption, Spionage, illegale Waffendeals usw.

Der Prolog war mitreißend und führt die Protagonistin fulminant ein: eine junge Polizeianwärterin maghrebinischer Herkunft, die sich allein durchs Leben beißt, denn sie hat ihre gewalttätige Familie fluchtartig verlassen. Sie hat in ihrem beruflichen Umfeld mit mancherlei rassistischen Ressentiments zu kämpfen und bekommt zunächst die "albernen" Fälle zugeteilt, kleine Schweinereien, wie z.B. Lausbuben, die Feuerwerkskörper in Hundehaufen verstecken. *g* Man kann sich natürlich vorstellen, dass dieses Delikt für die Opfer schwer wiegt, aber nicht so sehr für die ermittelnde, ehrgeizige junge Dame, die den "Fall" in wenigen Minuten löst.
Ich bin schon sehr neugierig zu erfahren, auf welchem Weg sie in die richtig großen Schweinereien verwickelt wird.

Interessant ist für mich die Autorin: Dominique Manotti, Jg. 1942, Historikerin, einst als junge Frau durch den Algerienkrieg politisiert, heute enttäuschte Alt-Linke und Ex-Gewerkschafterin, die in keiner Partei mehr eine echte Heimat findet und deshalb angefangen hat zu schreiben. Sie betracht die Schriftstellerei als Fortführung ihres politischen Engagements: Interview auf "Europolar"

Ihr Roman ist ein Beispiel dafür, dass Krimis eine politische und gesellschaftliche Relevanz haben können. Im Buch wird angekündigt, dass auf deutsch noch in diesem Jahr ein drittes Buch veröffentlicht wird, das die Unruhen und Jugendrevolten in den Pariser Vorstädten zum Thema haben wird. Argument/Ariadne hat ein feines Programm!
Liebe Grüße, Fevvers

Ich lese gerade: Florian Illies, 1913 (S.Fischer)

Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen und es klingt hohl, ist das allemal im Buch?
(G.C.L.)
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Re: Leseerlebnisse 2011 - Ich lese gerade...

Beitragvon Petra » Sa 7. Mai 2011, 13:10

Hallo zusammen,

da Fallada mich ja völlig aus dem Tritt gebracht hatte, musste ich gestern doch mal in meinem SUB wühlen, um nach dem Abbruch von Gin Phillips gestern das richtige Buch herauszufischen. So bin ich viele reizvolle Neuerscheinungen, die mich sehr reizen, umgangen, und habe mich für dieses entschieden: „Krematorium“ von Rafael Chirbes. Ich kenne von dem Autor noch nichts, kann mich aber sehr gut an Doris Begeisterung über dieses Buch vor einigen Monaten erinnern.

Angezogen hat mich daran gerade jetzt die kühle und bildhafte Sprache voller Klarheit. Mir war nach etwas Nüchternem. Aber eine andere Art von Nüchternheit, als die karge der Gescheiterten. Eher gedämpft, wie man sie bei den Reichen vorfindet. Denen, die alles erreicht haben, und trotzdem die Erfüllung darin nicht finden. Da schien mir dieser Roman von Chribes genau richtig. Ich hoffe nun ein gutes Buch gefunden zu haben, um wieder in den Tritt zu kommen, aus dem Fallada mich gebracht hat. Ein fröhlicheres Buch wäre mir ein zu starker Kontrast zu Fallada. Ich brauche, wie mir scheint, einen sanfteren Übergang.

Schon die ersten Zeilen haben mich fasziniert. Klare, kühle Bilder, trotz der dort herrschenden Sommerhitze. Es ist einem, als würde man diese erste Szene in dem Café durch eine getönte Scheibe, aus einem klimatisierten Raum heraus wahrnehmen. Erstaunlich, denn genau dieses Bild greift Chribes in der nächsten Szene auf. Rubén, der als erster zu Wort kommt (es wird in wechselnder Perspektive erzählt) erinnert sinniert über sein Leben im Baugewerbe, das ihn reich gemacht hat. Er schaut mit einem ernüchternden Blick auf seine Tochter und gedenkt seines gerade verstorbenen Bruders. Des Alterns, der sexuellen Distanziertheit in seiner ersten Ehe. Der Leser bekommt einen ersten bitteren Geschmack dessen, was ihm in diesem Buch noch aufgetischt wird.

Chribes findet eine kühle und wunderschöne Sprache. Im ersten Moment ängstigt einen konsequente Fehlen jeden Absatzes. Man stellt sich auf ein ermüdendes Leseerleben vor. Doch wie es einen bei manchen Autoren von einem Kapitel ins nächste zieht und man bei sich denkt noch ein Kapitel, und noch eins. Und noch ein einzige“, so denkt man sich hier: Noch einen Satz. Und noch einen einzigen wunderschönen Satz. Und noch einen, und noch einen. Unversehens ist man durch das erste Kapitel (auch die sind nicht nummeriert, sondern lediglich durch den Beginn einer neuen Seite gekennzeichnet) durch, und durchs nächste. Chirbes greift einen mit seiner Sprache an und mit den Erkenntnissen und Reflektion über unsere Gesellschaft.

Ein ehrliches Buch, brutal ehrlich. In seiner Boshaftigkeit erinnert es mich auch an den Roman des italienischen Autors Alessandro Piperno. An sein „Mit bösen Absichten“ erinnere ich mich allzu gern. Aufstieg und Niedergang einer reichen jüdischen Tuchhändlerfamilie im heutigen Rom. Zynisch, böse, entlarvend. Ich nutze die Gelegenheit, nochmals auf diesen boshaften und messerscharfen Roman zu erinnern. Interessierten empfehle ich einen Blick in die Buchbeschreibung hier

@Fevvers: Deinen ausführlicher Bericht über „Roter Glamour“ war für mich sehr aufschlussreich. Er hat mein Interesse an dem Buch, besonders aber auch an der Autorin noch gesteigert. Ihre politische Enttäuschung und ihr Weg über die Schriftstellerei weiterhin politisch engagiert zu sein, finde ich ausgesprochen interessant. Also keine völlige Resignation, sondern die Suche nach einem anderen Weg.

Fevvers hat geschrieben:Ihr Roman ist ein Beispiel dafür, dass Krimis eine politische und gesellschaftliche Relevanz haben können.


Sehr erfreulich. Das bestätigt meine Hoffnungen in die Bücher der Autorin. Wie erfreulich auch, dass wir ein drittes Buch von ihr in deutscher Übersetzung erwarten dürfen.

Meine Zustimmung: Argument/Ariadne hat ein feines Programm!

Ich bitte selbstverständlich um weiteren Bericht, wenn die Handlung weiter voran geschritten ist.
Liebe Grüße,
Petra


Ich lese gerade: :lesen:
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Ich höre gerade: :kopfhoerer:
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