Hallo zusammen,
ja Steffi, ich tauche wirklich ganz in
Chautauqua ein. Aber ich glaube, es geht auch gar nicht anders. O’Nan macht das so eindringlich.
Im Moment beschäftigt er sich ausgiebig mit Ken und seinen Versagensgefühlen. Die finde ich sehr interessant. Besonders seine Gedanken hierbei an seinen Vater, der selbst gar nicht ehrgeizig war. Und auch an seine Kinder keine so hohen Ansprüche gestellt hat. Er war stolz auf sie. Und wenn sie mal versagt haben (z. B. in der Schule eine schlechte Note bekommen haben), dann hatte er dafür Verständnis. Zum einen beschäftigen somit nun Ken Fragen danach, ob er seinem Vater nicht eher Respekt zollt, indem er es ihm gleichtut und seine allzu hohen Ziele (der Traum vom Pulitzer Preis – wie weit weg, wenn man bedenkt, wie schwer Ken sich mit der Kunst des Fotografierens tut) aufgibt. Zum anderen beschäftigt ihn, dass Lise wohl nie wieder so richtig zufrieden mit ihm sein würde. Den Gedanken finde ich sehr nachvollziehbar. Aus welchen Gründen sollte sie auch. Und die Zufriedenheit der Eltern kann man sich nirgendwo anders erwarten.
Mir fällt dazu ein, was ich kurz nach dem Tod meiner Eltern zum ersten mal empfunden habe. Den schmerzlichen Gedanken, dass niemand mehr vorbehaltlos stolz auf mich sein würde. Bei den Eltern braucht man quasi gar nichts großes leisten, sondern nur eine Kleinigkeit erbringen, und schon ist ihr Stolz unermesslich. Das ist ein großer Verlust, aber man bemerkt ihn erst so recht, wenn dieses Gut verloren ist. Ken erinnert mich mit seinen Gedanken gerade daran. Tröstlich, diesen Gedanken hier wieder zu finden.
Von Emily und Arlene habe ich gerade (sie sind in ein Restaurant gegangen, in das sie früher gerne gingen) erfahren, dass sie gerne gemeinsam ins Kino gehen. Bevorzugt schauen sie sich Jane Austen-Verfilmungen an. Wie sympathisch.

Mit Sam hatte ich auch ein Erlebnis, das mir kurz den Atem nahm. Sam wurde bestraft, weil er gelogen hat (er wollte seine Ruhe – zum Gameboy spielen – und log, er habe sich bereits die Zähne geputzt). Seine Gedanken haben mich erschreckt. Er wägt innerlich ab, was er verloren hat (für den Tag seinen Gameboy) und was ihm nicht genommen wurde (der Besuch in der Spielhalle). Sam wusste bereits vorher, dass es leere Drohungen sind, dass er nicht ins Kasino dürfe. Und er hatte recht und wird hämisch darüber. Lacht sich ins kleine Fäustchen und fühlt sich insgesamt als Sieger. Und am Ende zieht er Resümee. Er hat etwas gelernt: Beim nächsten Mal alle paar Minuten den Spielstand abspeichern. Ja bitte, wie abgebrüht und berechnend ist das denn? Er lernt also nicht, beim nächsten mal Pflichten wahrzunehmen oder nicht zu lügen. Sondern seine übrigen Verluste noch mehr einzudämmen. Das ist hart. Welche Handhabe haben Eltern da noch gegen ihre Kinder? Und was genau haben Ken und Lise falsch gemacht?
Ein wenig muss ich Emily ja beipflichten. Sam hatte um halb elf Uhr morgens noch kein Frühstück. Da sollten Eltern sich aber schon drum kümmern. Ich werde weiter beobachten. Ich bin ganz gebannt.
@Steffi: Dass Jörg Maurer seine Regionalkrimis mal nicht so gnadenlos überzieht, finde ich interessant. Danke, dass Du mich das wissen lässt. Er rückt ein Stück höher. Denn eigentlich würde ich mir auch mal einen etwas ernsthafteren oder gemäßigteren Ermittler in den Regionen der Kluftis und Eberhofers wünschen. Nun freue ich mich direkt noch mehr auf die Hörbücher.
@Maria: Sehr interessiert lausche ich Deinem Bericht über Dein Thomas Bernhard-Leseerlebnis. Ich werde bei Gelegenheit mal in einige seiner Bücher reinlesen, um mir ein genaueres Bild machen zu können.
Vielen Dank auch für Deine Erinnerung an den Briefwechsel zwischen ihm und Siegfried Unseld, über den ich immer wieder stolpere. Der interessiert mich auch. Aber erst mal weiter für den Hinterkopf, da ich noch andere Briefwechsel ungelesen zu Hause habe. Das Hörbuch ist gewiss aber eine Alternative, zu der ich schneller mal greifen könnte.
Schön, dass Du noch Max Frisch eingeschoben hast. War dann ja noch
rechtzeitig.
@Didonia: Ja, sich in der Freizeit auch mal mit etwas anderem zu beschäftigen, ist wohltuend. Ich hatte solch eine Phase auch, die ich teilweise kreativ ausgenutzt habe. Viel Freude dabei!

Vielleicht ist demnächst dann ja auch eine Biografie über einen Maler reizvoll? Ich kann eine Film-Biografie sehr empfehlen: „Séraphine“ (
DVD) mit Yolande Moreau und Ulrich Tukur. Diese Malerin hat mich über alle Maßen beeindruckt. Ein toller Film! Ganz ruhig und leise, und sehr eindrucksvoll und Lust auf Malerei machend.
„Engelsflügel“ von Tiffany Baker klingt tatsächlich merkwürdig. Was Du mit dem seltsamen Erzählstil meinst, verstehe ich. Hier scheint es wohl Absicht zu sein. Manche Autoren geben ihren Figuren für meine Begriffe in jungen Jahren ein viel zu erwachsene Stimme. Das kommt mir dann auch schnell seltsam und unstimmig vor. Ich hoffe, dass es hier nicht zu sehr stört, so dass Du das Buch genießen kannst.
@Doris: Edit: Doris, ich habe gerade Deinen Juni-Stapel gesichtet. So interessante Bücher befinden sich darauf! Besonders ungeduldig warte ich darauf, was Du zu "Ein Winternachtsmord" von Michael Malone sagst. Du musst bitte unbedingt davon erzählen, ja?
Und "Karte und Gebiet" von Houellebecq. Da bin ich auch sehr gespannt auf Deine Eindrücke.
Welches Buch war im Mai Dein Monatshighlight? Weißt Du es schon?