Hallo zusammen,
„Abschied von Chautauqua“ habe ich nun beendet. Und ich habe noch ein paar abschließende Eindrücke, die ich gern mitteilen möchte.
Zum einen ist mir aufgefallen, dass eine der Figuren des Romans (Lise) „Harry Potter“ liest. Zunächst aus Interesse, was ihre Tochter daran findet. Erst begeistert es sie nicht. Dann liest sie sich langsam ein, und hat auch einen vergnüglichen Abend mit Harry. Doch im Laufe des Buches greift sie immer wieder zu dem Buch, weil sie der Familie entfliehen will. Ein anderes Buch hat sie nicht mit. Und die Chance ein anderes zu kaufen, als sie mit Meg unterwegs war, verpasst. So muss sie Harry lesen, oder gar nichts. So greift sie immer wieder zu dem Buch, aber zunehmend widerwilliger. Sie kann dem Buch nichts abgewinnen. Schließlich ist sie kurz vor dem Ende sogar so weit, dass sie überlegt, es wegzuwerfen. Obwohl sie nie Bücher wegwirft. Und sie stellt für sich fest, dass sie immer mehr die Seiten nur noch überfliegt und ständig abzählt, wie viel Seiten noch vor ihr liegen. Ich zitierte aus Seite 651:
„Harry hatte die silbernen Schlüssel gefunden, alles war wunderbar, bla bla bla. Es gab nichts Wirkliches, woran sie sich halten konnte – es war zu simpel. Sie wollte Wirklichkeit, Vielschichtigkeit, nicht dieses endlose Märchen, in dem das Gute belohnt wurde. Sie wollte das Leben.“Diese auffällig häufige Erwähnung des Buches, Lises zunehmende Ermüdung, und dieses abschließende Resümee über Harry Potter zeigt mir, dass Stewart O’Nan seine Figur dieses Buch nicht zufällig lesen lässt. Nicht zufällig ständig erwähnt, wie es Lise mit dem Buch ergeht. Nicht zufällig diese abschließenden Gedanken einbaut. Sondern er bezieht durch Lise Stellung zu Harry Potter, und Büchern dieser Art. Und lässt durch Lise auch laut werden, welche Bücher es anstatt dessen sein könnten, und für Lise sein sollten. Bücher, die die Wirklichkeit abzeichnen. Und genau das macht Stewart O’Nan ja in seinen Büchern. Er zeichnet das blanke Leben ab. So wie es ist. Nicht ausgeschmückt, nicht geschönt. Lise spricht sich somit für Bücher dieser Art aus.
Ich fand diesen Aspekt in O’Nans Buch bemerkenswert und sehr interessant. Mir geht es ja auch so. Ich möchte auch gern in Büchern das wahre Leben. Und das bietet Stewart O’Nan. Aber auch verteufelt er alles andere nicht, sondern legt lediglich Lise diese Sicht auf Bücher in den Mund. Meg liest z. B. gern Sue Grafton-Krimis und Emily liest ebenfalls gern Krimis.
Wie ging es Euch anderen, die Ihr „Abschied von Chautauqua“ schon gelesen habt, mit diesen Harry Potter-Passagen. Ist Euch auch aufgefallen, dass sich die Erwähnungen mehren und absichtlicher eingebracht sind, als man zunächst vermutet?
Einen weiteren Eindruck möchte ich unbedingt loswerden. Meg und Ken (und auch Arlene) wollen ja am liebsten, dass Emily das Haus nicht verkauft. Dass sie den Verkauf rückgängig macht, was sie ja durchaus noch könnte. Doch Emily bleibt bei dem Entschluss. Tut sich mit ihrer Entscheidung aber trotzdem schwer. Die Gedanken drum herum fand ich so authentisch. Jeder, der solch einen Ort der Erinnerungen schon aufgegeben, schon in eigener Entscheidung aus der Hand gegeben hat, kennt diese Gefühle. Man fühlt sich, als hätte man das Haus, die Vergangenheit, verraten. Diese Gefühle sind im Widerstreit mit der Vernunft, die einem sagt, dass es besser so ist, wenn man das Haus verkauft. Und dass man die Erinnerungen auch so behält, und den Verlust (den Tod Henrys) auch nicht rückgängig machen könnte, wenn man das Haus behält. Stewart O’Nan muss selbst schon vor solch einem Entschluss gestanden haben. Diese merkwürdigen Gefühle, die nicht wirklich rational sind, kann man sonst wohl nicht so gekonnt und präzise widerspiegeln. Ich finde, dass ihm das ganz toll gelungen ist. Meine eigenen Erlebnisse zu diesem Thema wurden wieder lebendig. Sie kamen wieder hoch. O’Nan hat etwas ganz tief in mir drin damit angesprochen.
Und so fällt mir wieder das Zitat vom Anfang ein:
„Gestern Nacht träumte mir, ich sei wieder in Manderley.“ (Daphne du Maurier) Hiermit erzeugte er schon dieses Gefühl in mir, dass er auch im Laufe seines Romans immer wieder heraufbeschwor. Erinnerung, Sehnsucht, Verlust.
So war auch „Abschied von Chautauqua“ ein Lesevergnügen mit einer Melancholie, verursacht durch Abschied, Erinnerungen, Sehnsucht. Ja, deshalb ist auch – vielleicht noch etwas mehr – der Originaltitel (Wish you were here) so passend. Das Buch erzählt auch von der Vergänglichkeit, der unaufhaltsamen Veränderung von Allem. Und unseren Problemen, damit fertig zu werden. Ganz leise. Ganz toll!
Ich könnte mir vorstellen, über jede der Figuren eigene Romane zu lesen. Zu gern würde ich wissen, wie es bei Meg weiter geht. Aber auch bei Ken und Lise, und ihren Kindern. Besonders Sam. Mit ihm werden sie noch was mitmachen.
Deshalb wundert mich nun nicht, dass es bald einen Roman um Emily geben wird. Aber es freut mich – sehr sogar!
Und dass er das Thema mit dem verschwundenen Mädchen, das hier gestreift wird, in einem anderen Roman („Alle, alle lieben dich“) aufgreift, finde ich ebenfalls sehr interessant. Es hat mich gefreut, dass O’Nan diese Nebenhandlung in „Abschied von Chautauqua“ offen lässt. Es ist wie im wahren Leben: So etwas passiert, man erfährt davon, macht sich Gedanken darüber. Doch es bleibt unaufgelöst, verliert sich.
Zu Euren aktuellen oder gerade beendeten Büchern auch noch etwas:
@Maria: So hast Du ja den noch im Mai angefangenen Max Frisch nun beendet. Das Mann-Frau-Verhalten in der Vorstellung der 60er würde mich vielleicht etwas stören. Man merkt einem Buch dadurch schon mal an, dass es überholt ist.
Auch was Du über den vielleicht überschrittenen Zeitpunkt für das Buch sagst, kann ich nachvollziehen. Manche Bücher muss man in jüngeren Jahren lesen. Bzw. für einige Bücher gibt es den richtigen Lebensabschnitt, in dem man es am besten lesen kann.
„Mein Name sei Gantenbein“ lockt mich jetzt nicht so arg. Aber auf „Der Mensch erscheint im Holozän“ machst Du abermals neugierig. Danke für Deine Eindrücke.
@Steffi: Was Du über das nicht (oder nur sehr selten) mögliche Entkommen aus der unteren Klasse schreibst, ist richtig. Und mir wären diese Romane von Thomas Hardy vielleicht auch die lieberen. Eben, wie Du schon richtig sagst, weil es damals eben leider so war. Trotzdem ist "Under the Greenwood Tree" sicher auch ein interessanter Kontrast zu seinen sonstigen Romanen, im Hinblick auf sein Gesamtwerk. Ebenfalls sehr wissenswert, dass Thomas Hardy bei Tess eher die äußeren Umstände aufzeigt, und bei Jude eher die inneren, die es unmöglich machen, aus der Klasse auszubrechen. Interessante Einblicke, die Du gewährst. Danke!
@Lesemaus:Dass Dir „Das Parfüm“ weiterhin so gut gefällt, freut mich sehr. Du gibst noch einen abschließenden Bericht über Deine Eindrücke, ja?
@Britti: Ja, ich komme wirklich schnell vorwärts dies Jahr beim lesen, Dank meiner zusätzlichen abendlichen Lesezeit.

Mal sehen, was ich mir nun als nächstes aussuche. Ich weiß es noch so gar nicht.