Hallo zusammen,
Urlaubszeit vorbei, Lese-Gewohnheiten wieder da. Da wird es Zeit, dass ich mich in diesen Thread auch wieder einbringe.
Im Urlaub habe ich die Hälfte des (immerhin 750 Seiten umfassenden) Romans
„Zusammenstöße“ gelesen. Und gestern, an meinem ersten Arbeitstag, bin ich direkt noch ein ganzes Stück weiter gekommen, da auch mein Lese-Alltag mich wieder hat.
Mit der Entwicklung der Geschichte lässt
Yael Hedaya sich wirklich Zeit. Und das ist auch gut so. Die Figuren haben keine Eile, und somit auch der Leser nicht. Jonathan und Schira stecken fest. Beide in den mittleren Jahren, beide Singles. Jonathans Frau ist bei einem Unfall vor ein paar Jahren gestorben, und so zieht er seine Tochter Dana alleine groß. Sie ist gerade elf. Schira hat sich vor einiger Zeit von ihrem letzten Lebenspartner getrennt, und hatte nur eine lose Beziehung zu jemanden. Die beiden lernen sich kennen. Fühlen sich auch voneinander angezogen. Doch trauen sie ihren Gefühlen nicht so recht. Zum einen sind sie bereit für eine neue Beziehung. Zum anderen bremst irgend etwas sie innerlich aus. So machen sie einen Schritt aufeinander zu, dann wieder einen großen voneinander weg.
All das ist sehr authentisch. Wer selbst in mittleren Jahren eine Zeit allein verbracht hat, versteht ihre Ängste. Auch bringt jeder in solch einer Situation eine Vergangenheit mit ein. Erfahrungen, die hemmen, die vorsichtig machen. Oder aber auch das reifere Alter steht einem im Weg. Es ist nicht mehr wie in ganz jungen Jahren, wo man sich Hals über Kopf in eine Beziehung stürzt.
Doch genau das müssen diese beiden Menschen wagen, wenn sie nicht für immer allein bleiben wollen. Sie müssen lernen und in sich horchen. Und das ist ungemein spannend zu beobachten. Der Leser wird dazu eingeladen, und befindet sich mal in Jonathans Wohnung, mal in Schiras. Mal irgendwo unterwegs in Tel Aviv. Auch in Danas Zimmer lädt Yael Hedaya ein. So erzählt dieser Roman nicht nur von der Liebe in den mittleren Jahren, sondern auch vom Erwachsen werden. Sie fühlt sie wunderbar in die junge Dana ein. Natürlich spielt auch das Thema Verlust eine große Rolle, denn immerhin haben Jonathan und Dana die Partnerin bzw. Mutter verloren. Yael Hedaya wird nicht sentimental. Und doch springt die empfundene Bedrückung der beiden Hinterbliebenen auf den Leser über.
Das Abschiednehmen wird auch in einem anderen Bereich des Lebens in diesem Roman aufgegriffen: Das Abschiednehmen von den Eltern. Jonathan und Schira haben gemeinsam, dass ein Elternteil bereits gestorben ist. Aber auch das jeweils noch lebende Elternteil trägt bereits das Thema Abschied in sich. Auch hier ist Yael Hedaya stark in ihren Beobachtungen über das altern. Der Verfall, und der sich verschiebende Rollentausch zwischen Eltern und Kind. Da gibt es sehr interessante Beobachtungen in diesem Roman.
Eine besondere Stärke dieses Romans liegt aber auch in der Erzählweise. Ich komme zwar nicht umhin zu bemerken, dass die Autorin ruhig noch an ihrem Stil feilen könnte. Der letzte Schliff fehlt, bzw. würde alles noch mehr glätten und abrunden. Aber sehr angenehm ist, dass ihr Stil so authentisch wirkt. Lebensecht werden die Figuren und ihre Situationen geschildert. So ist das Leben. So liest sich der Roman ganz leichtfüßig und man fühlt sich den Figuren verbunden, obwohl Hedaya nicht den Fehler begeht, die Figuren zu sympathisch zu schildern. Sie sind Menschen, aus Fleisch und Blut. Mit Stärken und Schwächen. (Zum Erzählstil noch ergänzend: Nicht, das er platt wäre. Das meine ich damit nicht. Nur merke ich, dass die Autorin noch mehr aus sich herausholen kann.)
Im Moment bin ich an einer Stelle, an der Jonathan unbewusst einen Weg sucht, wie er aus seiner Enthaltsamkeit (ausgelöst durch den Tod seiner Frau) herausfindet. Jonathan enttäuscht mich in dieser Szene sehr. Doch gleichzeitig wird klar, dass es anders schlecht gegangen wäre. Das hat Yael Hedaya ganz fein beobachtet. Während des Beobachtens ist man nicht unbedingt dazu angetan, Jonathan beizupflichten. Doch leuchtet ein, wo sein Problem liegt. Und man versteht… Wirklich toll eingefangen.
So, und nun noch das ein oder andere zu Euren letzten Beiträgen in diesem Thread.
@Maria: Du verschaffst mit den Schilderungen der Szene zwischen Donald Clayton und Monica Bachler (wirklich köstlich!) einen näheren Einblick in Doderers Stärken. Ich habe auch richtig Lust auf das Wienerische bekommen, von dem Du erzählst. Ich denke, ich verbinde die gleichen Gedanken damit wie Du: In Bewegung, aber schlendernd. Ich kann damit was anfangen.
Mensch, so langsam reizt mich Doderer immer mehr. Und wer hat wohl Schuld?
Und beeindruckend, was Du am Wochenende so alles gelesen hast (und so eine schöne Mischung).
@Steffi @Maria: Schön, dass Du über „Die japanische Couch“ von Hideo Okuda berichtest, Steffi. Das interessiert mich, seit Maria darauf aufmerksam machte. Und Du erinnerst mich daran. Scheint lohnenswert und anders. Schön.

Auch gut zu wissen, dass die Fälle nicht ins Lächerliche gezogen werden. Das ist mir auch sehr wichtig, wenn ich so etwas lese.
Mit großem Interesse habe ich gelesen, was Du über die Japan-Krimis von Laura Joh Rowland schreibst. Mich interessiert die japanische Kultur seit zwei, drei Jahren auch sehr. Und besonders in Krimi-Form lasse ich die gern an mich heran, da sie so nebenbei vermittelt wird. Schön auch, dass viel privates über die Ermittler enthalten ist. Klingt sehr gut. Magst Du abschließend dann berichten? Ich würde mich freuen.
Zu Deinen Infos zu „Gullivers Reisen“ gleich bei Didonia noch mehr – sehr interessant!
@Didonia: Über das „Labyrinth der Wörter“ hast Du was passendes geäußert. Ja, es gibt Bücher, die irgendwie weichgespült sind. Und dieses gehört dazu. Ich war auch wirklich froh, es nur gehört, und nicht gelesen zu haben. Denn beim lesen hätte mich das schnell genervt. Beim hören kann ich das besser vertragen. Vielleicht weil Lesezeit noch viel kostbarer ist als Hörzeit (für mich zumindest). Auf den Film mit Gerard Depardieu bin ich aber auch trotzdem gespannt. Dann können wir uns gewiss darüber auch irgendwann mal austauschen.
„Das Klassenbuch“ klang für mich auch sehr interessant. Du hattest Britti ja genauer geschildert, worum es da geht, bzw. wie es aufgebaut ist. Aber inzwischen hast Du es abgebrochen. Ich kann mir denken, dass es sich nicht so leicht weg liest. Ist irgendwie doch was anderes als ein Roman. Und die vielen Romane, die noch gelesen werden wollen, sitzen mir bei so etwas dann auch im Nacken.
Ich hoffe gesundheitlich geht es Dir wieder besser? Ich lese gerade, dass Du krank warst/bist! Das ist ja gar nicht schön. Aber zusätzliche PC-Zeit hingegen ist schon schön! Sie hat sich ja auch in einigen Rezensionen niedergeschlagen. Sehr erfreulich! Auf Kristin Marja Baldursdóttir machst Du sehr neugierig. Schön, wo doch dies Jahr Island Gastland auf der Frankfurter Buchmesse ist. Und mit der Rezension zu Knut Hamsun machst Du noch mal sehr neugierig auf „Hunger“. Danke für Deine Mühe! Und auch dass Du Walter Kempowski noch mal in einer Rezension aufgreifst, hat mich sehr gefreut. Sehr schöne und gehaltvolle Rezensionen – Danke Didonia!
Auch der Hinweis mit dem Diaprojektor ist schön. Denn seit dem Tod unserer Eltern, haben mein Bruder und ich deren Dias. Die haben wir mit der ganzen Familie früher oft angesehen. Würde ich zu gern mal wieder machen. Vielleicht ist solch ein Gerät keine schlechte Lösung, um eben mal ein paar Bilder zu gucken.

Interessant ist auch Deine derzeitige Lektüre, und was Steffi zu Jonathan Swifts „Gullivers Reisen“ beigesteuert hat. Dass es damals für Erwachsene geschrieben wurde, wusste ich auch nicht. An dieser Stelle auch meinen Dank an Steffi!
@Trixie: Auf Deine abschließenden Eindrücke zu „Tod beim Tee“ bin ich gespannt! Auch wenn es etwas dauert, bis Du zum berichten kommst. Hetz Dich nicht, wir laufen ja nicht weg.

Dass Du dies Jahr so viel von Deinem SUB lebst, ist klasse! Ein schönes Gefühl, nicht wahr? Und Dein Ausflug in die Teenie-Zeit klingt auch gut. „Die drei ???“… die habe ich auch geliebt (allerdings als Hörspiel).