Hallo zusammen,
gestern beendet:
“Emily, allein“ von Stewart O’Nan. Es war ein schönes Wiedersehen mit den Figuren aus „Abschied von Chautauqua“. Auch hier geht es wieder sehr ruhig zu. Wir begleiten Emily in ihrem durchs Alter karg gewordenen Alltag. Folgen ihren Gedanken und kleinen Unternehmungen. Ein sehr überschaubarer Radius, in dem sie sich bewegt. Wie nahe mir die Figuren kommen, merkte ich beim Abschied von ihnen am Ende des Buches. Wie Emily sich bei allem fragt, ob es wohl das letzte Mal ist, das sie dieses tut oder jenen sieht, fragte ich mich auch: sehen wir uns wohl noch mal wieder? Vielleicht nistet sich Stewart O’Nan ja demnächst noch in eines der anderen Leben ein, und beleuchtet es. Und darüber gibt es vielleicht auch ein Wiedersehen mit Emily und Arlene. Aber ich glaube nicht so recht. Irgendwann ist alles zu Ende, irgendwann die letzte Begegnung. Das ist es, was das Buch ausstrahlt. Und dieser Abschnitt gehört zum Leben dazu. Mich freut, dass Stewart O’Nan diesen bedrückenden Lebensabschnitt mit Emily durchlebt hat, und ihn uns so mitfühlen und erleben lässt. Bei alle dem bleibt er natürlich ausgesprochen realistisch. Er schönt seine Figuren nicht. Sie haben ihre Macken und Fehler. Sind auch mal kleinlich, oder empfindlich. So wie wir Menschen nun mal sind.
Noch eines konnte er mir ein Stückweit greifbarer machen. Ich hatte ein überaus liebevolles Verhältnis zu meinen Eltern, und es fällt mir schwer mich in andere „Kinder“ hineinzuversetzen, die sich von ihren Eltern allzu oft genervt oder bedrängt fühlen. Am Beispiel von Emily und ihren Kindern und Enkelkindern zeigt mir Stewart O’Nan eine kühlere Variante der Eltern-Kind-Beziehung auf. Für mich gut, um andere Menschen besser verstehen zu können, die nicht so ein inniges Verhältnis zu ihren Eltern haben, und sich nicht so viel um sie kümmern möchten.
Einen kleinen Fehler habe ich übrigens im Buch entdeckt. Wenn ich mich nicht ganz täusche, wird in einer Szene als Emily einen Stromausfall befürchtet von ihrem Telefon erzählt, das noch eine Wählscheibe hat. An einer anderen Stelle telefoniert sie, und drückt eine Taste um bei einer automatischen Ansage die richtige Leitung auszuwählen. Da stimmt was nicht. Entweder ist Stewart O’Nan dieser kleine Fehler unterlaufen, oder bei der Übersetzung ist etwas nicht ganz korrekt übertragen worden? Nicht schlimm, mir ist es nur aufgefallen. Sollte demnächst jemand von Euch das Buch auch lesen, wäre ich dankbar, wenn jemand auf diese beiden Stellen im Buch achtet, und mir mitteilt ob meine Erinnerung mich nicht trügt.
Heute begonnen:
“Schattenstill“ von Tana French. Schon lange plane ich, dieses Buch im beginnenden Herbst zu lesen. Der Plan ist aufgegangen, ich habe es begonnen, und es hat mich direkt am Wickel. Tana French vermag einfach zu fesseln. Sie zieht einen sofort ins Geschehen und webt einen dichten Schauplatz. Was ihr auch immer wieder hervorragend gelingt: Hauptfiguren, bei denen man skeptisch ist, ob sie einem als Hauptfigur gefallen würden (sie nimmt ja immer eine neue Hauptfigur, die man aus einem vorherigen Band bereits flüchtig kennt), fällt aller Vorbehalt von einem ab, sobald man ein paar Seiten gelesen hat. So auch hier. Rocky wirkte in der kurzen Begegnung die man mit ihm in „Sterbenskalt“ hatte, großspurig und kühl. Ob man mit ihm einen ganzen Roman verbringen will, fragt man sich zunächst. Inzwischen vertraue ich Tana French in diesem Punkt aber voll und ganz. Und wie mir schon auf den ersten Seiten scheint, zu recht! Rocky tritt auch hier sehr selbstbewusst auf. Es wirkt auch hier großspurig. Man merkt anhand seiner Gedanken aber schnell, dass er sich durchaus realistisch einzuschätzen weiß. Der zeigt sich bereits auf den ersten Seiten als souveräner Ermittler, der die Dinge nicht ohne Grund tut, oder aus Geltungssucht. Sondern weil sie Sinn machen. Rocky nimmt sich als Partner für den Fall einen Jungspund. Er erklärt auch absolut plausibel, warum er das tut. Und dem Jungspund (Richie) wiederum erklärt er vieles über die Ermittlungsarbeit. Das gefällt mir, denn er macht das nicht von oben herab oder belehrend, sondern durchaus auf eine freundliche Art, und zeigt Richie dass er durchaus glaubt, dass aus ihm ein guter Ermittler werden wird, er aber noch ein paar Dinge lernen muss. Die ganze Art wie Tana French die Geschichte angeht, gefällt mir schon ausgezeichnet. Ich freue mich ungemein mich für das Buch entschieden zu haben, und auch der Zeitpunkt ist zufällig genau richtig: Es spielt im Oktober. Das passt doch!
Zu Eurer Lektüre: Tolle Sachen habt Ihr gelesen!
Didonia, auf „Kleiner Mann, was nun?“ machst Du ganz große Lust! Vielen Dank für Deine Berichte und schön zu wissen, dass es nun eines Deiner Lieblingsbücher ist. Wenn das nicht vielversprechend ist!
Und Trixie hat auch was für die Jahreszeit passendes gefunden, das freut mich!
Den Briefwechsel zwischen Hemingway und F. Scott Fitzgerald, den Maria derzeit liest, finde ich auch verlockend. Besonders, da Du es als Kleinod und als Topp 2013 bezeichnest, Maria.
Euch allen viel Spaß mit Eurer Lektüre! Und Manuela, Du hast auch gerade was neues angefangen. Das ist schön!