von Didonia » Di 25. Jun 2024, 21:25
Es hat sich mal wieder bestätigt, dass ich nicht umsonst Marlen Haushofer als eine meiner Lieblingsschriftstellerinnen auserkoren habe: Ich kenne bisher keine andere Autorin, die so zeitlos schreibt, wie sie.
Die Tapetentür
Inhalt
"Manchmal weiß ich, daß ich ein Mensch bin, der angefangen hat, auf einem Seil zu tanzen, ohne es gelernt zu haben. Natürlich werde ich abstürzen."
Eine junge Frau lebt allein in der Großstadt. Sie hat Liebhaber, Freunde und Freundinnen, aber der immer gleiche Ablauf der Affären langweilt sie, die Distanz zur Umwelt wächst, begleitet von einem Gefühl der Leere und Verlorenheit. Als sie sich leidenschaftlich in einen Mann verliebt, schwanger wird und auch heiratet, scheint die Flucht in ein "normales" Leben gelungen...
Buchbeginn
Am Abend des 1. September suchte Annette ein kleines Restaurant in der Inneren Stadt auf. Sie hatte sich mit Alexander für halb sieben verabredet, es war aber vorauszusehen, daß er nicht vor sieben erscheinen werde, ja es mochte sogar noch später werden. Alexanders chronisches Zuspätkommen war übrigens kein Zeichen von mangelndem Interesse, sondern entsprang seinem schlecht ausgebildeten Zeitsinn, und Annette hatte sich längst daran gewöhnt; es war ihr im Grund sogar ganz angenehm, eine halbe Stunde mit ihren Gedanken allein zu sein.
Zitate
Wirklich ist nur der Augenblick, die Rose in der gelben Vase, Straßenlärm, ein Gesicht im Vorübergleiten und manchmal, als bleibe die Zeit einen Atemzug lang stehen, das Gefühl, aus der blinden Dunkelheit komme etwas auf mich zu - ein Gutes, ein Böses, ich weiß es nicht, ich spüre nur, daß es unterwegs ist, um mich zu holen, und dieses Wissen macht mich ganz ruhig und leer.
... - andererseits wenn jeder Mensch sich tatsächlich gerade um den winzigen Kreis sorgen würde, der ihn angeht, wäre das nicht ein paradiesischer Zustand, der die meisten Wohlfahrtseinrichtungen überflüssig werden ließe?
Welche Mißverständnisse! Gregor behauptet, er bewundere an mir meine Natürlichkeit. Wenn er wüßte, was mich diese Natürlichkeit kostet und welche Kunst dazugehört, sie zu entwickeln. Es ist mir ja klar, daß er mich als die, die ich wirklich bin, nicht lieben könnte. Schon die leiseste Andeutung, wenn nur für Sekunden mein wahres Ich aus dieser Natürlichkeit schimmert, weckt in seinen Augen ein Unbehagen, dessen er sich nur nicht bewußt wird. Noch nicht.
Wozu gehörte man eigentlich dem schwachen Geschlecht an, wenn man seine Schwäche nie zeigen durfte? Tat man es, so konnte man ebensogut hingehen und ins Wasser springen, so gewiß hatte man das Spiel verloren.
Es gibt Gedanken, die ich nicht niederschreibe aus der abergläubischen Furcht heraus, sie könnten Gestalt annehmen und Wirklichkeit werden.
"Eine Versuchung wird man nur los, indem man ihr nachgibt."
Markus Gasser
von meinem Lieblingsliteratur-Podcast "Literatur ist alles"