Guten Morgen zusammen,
bevor hier gleich die Stimmung losgeht (unsere Abteilung richtet dies Jahr die alljährliche betriebliche Altweiberfastnachtfeier aus – das wird hart! *g*), noch ein paar Zeilen in Ruhe in diesem Thread.
Wie nicht anders zu erwarten war, fasziniert mich
Marcel Reich-Ranickis Leben außerordentlich. Dann lege ich mal mit meinen ersten Eindrücken los. Schön, dass Ihr neugierig darauf seid, liebe Britti und liebe Barbara (und bestimmt auch einige andere – wie ich letztens dem Biografie-Thread entnommen hatte).
Zum einen sind natürlich die vielen Details über die Literatur sehr schön. Ich freue mich, dass MRR damit nicht geizt, denn sie gehören zu seinem Leben. Die Literatur macht solch einen großen Teil seines Lebens aus, dass es gar nicht anders geht. Seine Begegnungen mit Schriftstellern und seinen ersten Büchern in Kindertagen, seine Vorlieben und Abneigungen – es macht Spaß das zu verfolgen.
Zum anderen interessieren mich in hohem Maße seine Erlebnisse in der nationalsozialistischen Zeit. Einblicke aus erster Hand und jüdischer Sicht zu bekommen, ist allzu wertvoll. Natürlich sind es subjektive Eindrücke, die er vermittelt. Dennoch – und das hatte ich mir auch von ihm erhofft und erwartet – versäumt er es nicht, auch andere Beispiele anzuführen. Z. B. die Schule, in die er ging, steht nicht stellvertretend für alle Schulen in der Zeit in Deutschland. Wie anders es in anderen Schulen auch zuging, macht er deutlich. Sehr wichtig, wie ich finde, um die Objektivität ein bisschen wiederherzustellen.
Ausgesprochen interessant sind seine kleinen Skizzen über einzelne Menschen und ihr Verhalten zu der Zeit. Auch wenn man sicher nie ganz verstehen kann, wie es zu so etwas wie im Dritten Reich kommen kann, wird hier vieles doch deutlicher: Machten alle mit? Warum schauten so viele weg? Was wussten sie? Wichtige Fragen und einige Antworten.
Noch befinde ich mich nicht in den Kriegsjahren. Umso erschreckender, als er von Erich Kästners
Lyrischer Hausapotheke (schon ziemlich zu Anfang) erzählt. Da saß er mit Teofila im Warschauer Getto und las. Und hin und wieder zuckten sie ängstlich zusammen, wenn
deutsche Schüsse und
jüdische Schreie zu hören waren. Da wird einem eiskalt! Und man versteht durch die wenigen Worte, welch ein Trost (rettender Strohhalm, um nicht vor Angst und Grauen zu vergehen) Kästner in dem Moment gewesen sein muss.
Auch spannend finde ich das Phänomen, dass man an sich selbst ja auch feststellen kann. Es gibt Zeiten im Leben, wo man sich – egal wie groß die Bücherliebe ist – nicht auf ein Buch konzentrieren kann. MRR hat während dieser schlimmen Zeit fünf Jahre lang keinen Roman, keine Erzählung gelesen. Lediglich ein paar wenige Gedichte (andere als zu anderen Zeiten) konnte er lesen. Das sagt so viel. Das zeigt, wie ausschließlich die Angst und der Schrecken die Menschen in der Zeit regierte (natürlich vollkommen klar – dennoch, es so zu lesen, ist ergreifend).
Dass er sich Zeit seines Lebens ausgrenzt fühlte, stimmt. Das spricht schon aus den ersten Kapiteln. Aber ich kann das auch sehr gut verstehen. Er kam in früher Jugend schon in ein fremdes Land und war
anders als die anderen. Dann war er auch noch Jude, und bekam die Ausgrenzung von Kindesbeinen an zu spüren. Das sich dieser Gedanke fürs Leben festsetzt und das Gefühl der Ausgrenzung sich immer wieder sofort bei ihm meldete, kann ich gut verstehen.
Ach, ich könnte noch so viel erzählen. Denn er hat so viel zu sagen und welch ein Glücksfall, dass er es auch durch diese Biografie getan hat! Ich freue mich sehr aufs weiterlesen. Ein ganz tolles Buch, um das ich traurig wäre, wenn ich es verpasst hätte.
Froh bin ich, dass ich zuvor „Ausnahme“ von Christian Jungersen gelesen habe. Denn er beschäftigt sich in seinem Roman ja ausführlich mit Genoziden, auch besonders mit dem Dritten Reich, und Erklärungen, wie es möglich ist, dass ein ganz normales Volk zu grausamen Mördern wird – und welch tragende Rolle der Staat darin trug. Wie der Staat die allmähliche Vertreibung und Vernichtung der Juden antrieb, wird in MRRs Autobiografie sehr schön deutlich. Und die Gedanken, die „Ausnahme“ in mir ausgelöst, bzw. reaktiviert (ist nicht alles neu, was man dort erfährt) und neu geordnet hat, verdichten das.
@Britti: Falls Du auch mal irgendwann diese Autobiografie lesen möchtest, kann ich Dir auch empfehlen, es relativ dicht an „Ausnahme“ zu lesen. Darüber hinaus schätze ich, dass MRRs „Mein Leben“ Dich auch sehr interessieren und faszinieren würde.
Zu „Schwarzer Sommer“ später mehr im separaten Thread – aber sicher erst nach der Karnevalsfeier!
@Didonia: Das freut mich sehr, dass Du mit dem Link auch etwas anfangen konntest. Dachte ich mir. Denn es steht wirklich viel interessantes über das Buch darin.
Für mich ist auch sehr interessant zu hören, was damals alles zur Schullektüre in der DDR gehörte. Und dass Du diese Bücher (oder jedenfalls dies eine) heute noch mal liest, mit Abstand und in einem reiferen Alter, finde ich sehr schön! An Rezensionen zu den anderen wäre ich sehr interessiert. Schon alleine was Du über "Der wahre Mensch" schreibst, zeigt, welche Werte und Gedankengut man vermitteln wollte. Ich finde, sie würden das Forum bereichern!
@Maria: Eine schöne Mischung – Goethes
Werther und Per Pettersons „Pferde stehlen“. Ich hoffe Du berichtest über beides. Besonders auf „Pferde stehlen“ bin ich neugierig, da ich es noch als Hörbuch vor mir habe. Und mein Interesse dafür wieder erwacht, durch diverse Erwähnungen hier im Forum.
@Barbara: Danke für Deinen abschließenden Bericht zu „Ich weiß du bist da“. Vor allem gut zu wissen, dass der Klappentext mal wieder viel zu reißerisch war. Das könnte interessierte Leser abschrecken. Und andere enttäuschen, die mit anderen Erwartungen herangehen.