Hallo Didonia,
Hallo zusammen,
eine interessante Frage, Didonia.
Erst einmal vorweg: Nein, ich zähle nicht zu den Lesern, die sich mit einer Figur identifizieren können müssen, um ein Buch gut zu finden. Ich kann ein Buch sogar nicht nur gut, sondern auch schön (!) finden, wenn ich mich nicht mit einer Figur identifizieren kann.
Ich glaube viel wichtiger als Sympathie ist Empathie. Der Autor muss mir die Möglichkeit geben, mit der Figur mitzufühlen. So kann eine Figur schlechtes tun, aber wenn ich mit ihr mitfühlen kann (ihre Gründe verstehe), dann kann ich damit viel besser umgehen.
Und nur weil ich mitfühlen kann, muss ich mich noch lange nicht mit einer Figur identifizieren.
Im Gegenteil, ich mag sogar viel lieber die Bücher, in denen ich neue Sichtweisen kennenlernen kann. In die Haut eine Menschen schlüpfen darf, der ganz anders ist als ich. So kann man seinen Horizont erweitern, Menschen besser verstehen lernen, Themen aus einem anderen Blickwinkel betrachten, als aus dem eigenen. Das finde ich ungemein spannend und anregend. Mir gibt solch ein Buch mit solchen Figuren viel mehr, als ein Buch, in dem ich Figuren finde, die so handeln, wie ich es tun würde. Die sind für zwischendurch auch mal schön, entspannend und zum wohlfühlen. Aber anregen können mich nur Bücher, in denen ich mich mit Figuren und Themen auseinander setzen muss/kann.
Somit: Für mich muss es in einem Buch keine Figur geben, mit der ich mich identifizieren kann. Lieber sind mir sogar die, in denen das nicht der Fall ist. Aber in dem es einem Autor gelingt, dass ich seine Figuren verstehe. Zuletzt ist mir das bei Pete Dexter so gegangen. In seinem Roman "God's Pocket" ist niemand so richtig sympathisch. Und identifizieren kann ich mich erst recht mit keinem. Und doch haben mir seine Figuren so viel gegeben, mir so viel erzählt. Weil er seine Figuren nicht der Lächerlichkeit preis gibt, sondern ihre Beweggründe offenlegt, so dass ich sie zwar nicht gutheißen, aber verstehen kann.
Wann ich mich zuletzt mit einer Figur identifiziert habe, könnte ich hingegen gar nicht sagen. Selbst bei Büchern, die ich zur bloßen Unterhaltung lese, und nette Figuren darin antreffe (z. B. Benni Harper fällt mir da ein), identifiziere ich mich nicht mit den Figuren, wenn ich es mir jetzt so recht überlege. Vielleicht ist identifizieren wirklich kein glückliches Wort. Oder aber es gibt Leser, denen das gelingt. Das kann ich nicht beurteilen. Aber ich schließe mich der aufkeimenden Antwort hier an: Identifikation ist in dem Zusammenhang vielleicht nicht das passendste Wort.
Interessantes Thema - Danke, liebe Didonia!
