Hallo zusammen,
ich hatte eine stressige Woche auf der Arbeit. So habe ich jetzt einiges aus Euren Postings aufzuholen. Aber erst mal zu meinem aktuellen Buch. Ich bin bei Alison Lurie geblieben und lese sehr interessiert ihr "Ein ganz privater kleiner Krieg". Ein aufschlussreiches Buch über Geschlechterkriege, Generationskriege. Geschrieben Mitte der 70er Jahre gibt es zwar inzwischen Entwicklungen im Geschlechterkampf, aber jemand, der - wie ich - in den 70er Jahren aufgewachsen ist, kann sich an die Themen, Gefühle, Rollenverteilungen und Stimmungen aus der Zeit noch gut erinnern. Und auch aus heutiger Sicht stimmt noch sehr viel. Auch wenn wir Frauen uns längst unabhängiger gemacht haben, so gibt es immer noch genügend Konflikte, deren Ursprünge sich in Szenen dieses Buches finden. Oft ist es ja auch so: Wer das HEUTE begreifen will, muss das GESTERN kennen.
Alison Lurie lässt beide Geschlechter zu Wort kommen, indem die Geschichte teils aus der Sicht der Erica Tate erzählt wir, teils aus der Sicht des Brian Tate. Man kann beide verstehen. Wenn ich mich im Moment auch manchmal wundere, warum ich Brian begreife, wenn ich sein Verhalten nur noch niedrig finde, sobald ich es wieder aus Ericas Sicht betrachte. Das ist ein sicheres Indiz dafür, dass Alison Lurie sehr gut beobachtet und psychologische Abläufe gekonnt schildert, so dass die Verhaltensweise verständlich - ja, beinahe zwangsläufig - werden. Auch die psychologischen Machtkämpfe, die Geschlechter untereinander führen (oder sagen wir mal besser: Menschen überhaupt), spiegelt sie gekonnt wieder.
Wer sich auf das Buch einlassen will, wird stark in die Gedankengänge der Figuren hineingezogen. Es wird viel gedacht und analysiert. Aber es geschieht wenig. Mir liegt das, zumal ich mir genau das von dem Buch erwarte. Wer aber eine groß angelegte Handlung erwartet, liegt hier falsch. An üblichen Eheszenen werden die Positionen analysiert. Und dadurch Ungerechtigkeiten und Rollenverhalten aufgedeckt. Besonders die Rollenverhalten interessieren mich dabei. Denn an Erica sieht man auch, dass Erica anders handeln könnte/sollte. Und dass sie sich in die Rolle der Schwächeren hineindrängen lässt. Zumal sie, wie mir scheint, die attraktivere der beiden ist. Sie hätte andere Möglichkeiten. Gut getroffen sind auch Brians Gründe. Seine Entgleisungen gründen sich vielfach in Enttäuschungen sich selbst gegenüber. Er ist kein
großer Mann. In sämtlichen Bereichen. Es könnte und sollte ihm egal sein. Denn er ist groß genug. Aber das unerreichbare Ziel macht ihn unzufrieden. Und lässt ihn Fehlentscheidungen treffen, die sein Unglück nur verstärken. Das seiner Familie auch.
Alison Lurie zeichnet hier viele typisch männliche und weibliche Verhaltensweisen auf. Auch die beobachte ich sehr interessiert.
Erzählt ist das Ganze mit großer Erzähllust. Somit ist dieses Buch kein staubiger Bericht über den Geschlechterkrieg, sondern schon ein mit Leben und Emotionen gefüllter Roman, den ich sehr gern lese!
Und nun zu Euren spannenden Postings der letzten Tage:
@Doris: Wenn ich es aus Deinen Zeilen richtig herauslese, war die Überraschung über "Zeit der Versuchung" positiv! Ich bin sehr gespannt auf Deine Rezi dazu! Danke, dass Du Dir die Zeit dafür nehmen willst - ich bin sehr interessiert daran! Ja richtig, der Roman erscheint Ende August. Steht seit er angekündigt ist recht weit oben auf meiner Wunschliste!
"Der Goldfisch meiner Schwester" sagte mir gar nichts. Und Du hast recht: Die Beschreibung dazu bei Amazon würde mich an nichts anderes als chick-lit denken lassen. Dass es so viel Tiefgang zu bieten hat, macht es nun jedoch interessant für mich. Vielen Dank fürs aufmerksam machen! Das Thema an sich mag ich gern (wird in Filmen ja immer mal wieder gern aufgegriffen): Ein paar Tage das Leben eines anderen leben, um zu erkennen, wie gut man es doch eigentlich hat. Auch hierzu wäre ich an Deinen ausführlichen Gedanken in einer Rezi sehr interessiert!
Und "Zum Wiedersehen der Sterne" sagte mir ebenfalls nichts. Aber thematisch interessiert es mich sehr! Weil ich ja selbst mit einem Mann zusammenlebe, dessen Heimat nicht Deutschland ist. Und weil ich kürzlich ja "Erbin des verlorenen Landes" gelesen habe. Da wird Imigration sehr interessant aufgegriffen und betrachtet. Was heißt es, in einem fremden Land zu leben? Besonders wenn man es muss. Mein Freund MUSS nicht, sondern er WILL. Da ergeben sich andere Themen. Aber bei den beiden hier genannten Büchern, ist die Imigration nicht so freiwillig. Und da tun sich andere Probleme und vor allem Gefühle auf. Ein sicher interessantes Buch. Danke fürs aufmerksam machen. Und berichte bitte, ob es Dir abschließend auch noch so großartig gefallen hat, ja?
@Maria @Steffi: Berichtet dann mal bitte wie Euch "2666" weiter gefällt. Das Buch bietet sicher guten Stoff für eine Leserunde. Ich wünsche Euch dabei viel Vergnügen!
Steffi, 12 gelesene Bücher im Juli - das ist ja IRRE! Toll!
@Rachel: Klufti - da erinnerst Du mich daran, dass ich dies Jahr die Reihe weiterverfolgen wollte. Ich kenne ja erst den ersten (als Hörbuch) und bin auf "Erntedank" gespannt. Zumal ich die TV-Verfilmung dazu hier noch als Aufzeichnung liegen habe.