Leseerlebnisse 2011 - Ich lese gerade...

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Re: Leseerlebnisse 2011 - Ich lese gerade...

Beitragvon Binchen » Mi 13. Apr 2011, 22:40

Hallo Steffi und Maria,

immer, wenn ich über Eure 'Heimatmuseum' - Bemerkungen gestolpert bin, hab ich mich gefreut, einmal, weil Ihr es so bereichernd gefunden habt, und zum anderen, weil ihr es so gut rüberbringen konntet. DANKE *strahl*

Ich hab ja gerade Mainstream am Wickel - und bin überrascht, wie sehr mich 'STILL MISSING' gepackt hält. Wie erwähnt - Eine entführte Frau, die lange gefangen gehalten wird (dass sie zurück kommt ist durch den ersten Satz klar, in dem sie schreibt, dass sie psychologische Betreuung 'DANACH' sucht) war nicht so meine erste Wahl als Thema, aber die kühle, fast schnoddrige Formulierung, die hatte es mir gleich angetan. Und sie bleibt.

Fragte ich mich bisher oft, 'Warum hast Du Dich nicht gewehrt', wenn ich mit der Heldin eines Buches rede, wird hier klar, was mit ihr passiert. Beeindruckend, wie sie die Macht des Entführers beschreibt, wie er sie ausübt, ohne ständige physische Gewalt auszuüben - allein die Kontrolle, die er ausübt und die Auswirkungen dazu empfinde ich mit, atemlos. Es ist spannend - vor allem, weil ich darauf warte, wie sie da herauskommt. Überrraschend ist, wie die Frau damit hinterher umgeht. Ich hatte mir vorgestellt, dass es schlimm sein würde - aber wie konkret es sich auswirken kann, finde ich nachvollziehbar geschildert, die Sprache hilft mir, dabei weiter 'zuhören' zu wollen.
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Re: Leseerlebnisse 2011 - Ich lese gerade...

Beitragvon steffi » Do 14. Apr 2011, 09:31

Hallo JMaria,

da hast du ja noch einen ganz anderen Zugang zu "Heimatmuseum" und ich glaube gern, dass es ein sehr intensives Lesen für dich war.

In meiner Familie gibt es keine Flucht, aber natürlich auch entsprechende Erzählungen aus dem Krieg mit sinnlosen Toten. Mehr weiß ich dann über die Situation der Menschen nach der Flucht, so wohnten in einem kleinen, wirklich winzigen Dachzimmer (ca. 2m x 4 m) bei meiner Oma eine geflüchtete junge Familie, die dann dort noch Zwillinge bekamen ! Das Bad war im Keller, es gab nur eine winzige Waschgelegenheit im gemeinsamen WC.

Ich weiß aber auch noch als Kind, dass die Flüchtlinge und Aussiedler nicht bei jedem wohl gelitten waren. Umso wichtiger sind solche Bücher und Erzählungen, gerade weil auch Lenz weitergeht und nicht nur in Heimatgedanken schwelgt sondern Kritik übt.

@Binchen:

Fragte ich mich bisher oft, 'Warum hast Du Dich nicht gewehrt', wenn ich mit der Heldin eines Buches rede,

Das ist der Hauptgrund, warum ich solche Bücher meide - umso schöner, dass es mal gelungen ist, das wirklich und nachvollziehbar zu beleuchten !
Gruss von Steffi

:lesen:
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Re: Leseerlebnisse 2011 - Ich lese gerade...

Beitragvon Martina » Do 14. Apr 2011, 10:12

Liebes Binchen,

das klingt ja wirklich gut, was Du von Still Missing schreibst. :P

Und ich freue mich auch über Deinen Satz
Fragte ich mich bisher oft, 'Warum hast Du Dich nicht gewehrt', wenn ich mit der Heldin eines Buches rede, wird hier klar, was mit ihr passiert.

Da bin ich sehr gespannt drauf. Denn mich nervt es oft, wenn Leute alles mit sich machen lassen und sich nicht wehren oder das Ganze nicht hinterfragen. Wenn ich die Beweggründe wüsste, könnte ich das sicher besser nachvollziehen.
Liebe Grüße
Martina
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Re: Leseerlebnisse 2011 - Ich lese gerade...

Beitragvon JMaria » Do 14. Apr 2011, 10:45

Petra hat geschrieben:
@Maria: Sehr bewegend, was Du über "Heimatmuseum" schreibst, und darüber, wie Deine Mutter in sich ging, wenn sie von ihrer Flucht erzählte, und an einen Punkt kam, wo sie nicht mehr weiter erzählen konnte. Mein Vater hat auch sehr wenig über seine Flucht erzählt. Ich wünschte auch, ich könnte noch mal nachhaken. Aber das geht leider nicht. Ich denke, es blieb aber aus den gleichen Gründen wie bei Deiner Mutter eher oberflächlich. Ich wünschte auch, ich hätte meine Großmutter gefragt. Aber ich war noch viel zu jung als sie starb. Ich hatte von ihrer Vergangenheit überhaupt keine Ahnung, zumal leider das Verhältnis zu ihr auch nicht gut war. Ich verstehe heute aber viel besser, warum sie so verbittert war: Ihr Mann nach Russland verschleppt und dort gestorben, und sie mit ihren Kindern auf der Flucht. Man kann sich das sicher gar nicht vorstellen, was in diesen Menschen vorgegangen ist. Was diese Erlebnisse in ihnen angerichtet haben. Umso schöner, wenn die Literatur einem etwas erzählen kann!


Hallo Petra,

wir haben einen ähnlichen familiären Background. Mein Großvater, mütterlicherseits, der imselben Jahr starb als ich geboren wurde, war im II. WK an der russischen Front, kam aber Jahre nach dem Kriegsende heim und war sehr verändert, wie man mir erzählte. Meine Großmutter starb, als ich ca. 10 Jahre alt war und ich habe in Erinnerung, dass sie eine Frau war, die gerne Geschichten erzählte und auf russisch Fluchen konnte. Einzigartig fand ich das als Kind. Heute würde ich sie gerne fragen, wie sie es schaffte mit 5 Kindern, meine Mutter war die Älteste, zuflüchten, ohne eines zu verlieren, und das auf ca. 1500 km. Wenn man in "Heimatmuseum" die Fluchtszenen liest, dann ist es einem viel näher, wie es damals zuging und wieviele ihr Leben auf der Flucht verloren.


Hallo Steffi,

Ich weiß aber auch noch als Kind, dass die Flüchtlinge und Aussiedler nicht bei jedem wohl gelitten waren. Umso wichtiger sind solche Bücher und Erzählungen, gerade weil auch Lenz weitergeht und nicht nur in Heimatgedanken schwelgt sondern Kritik übt.


Siegfried Lenz ist für mich ein Wegbereiter für grenzüberschreitende Versöhnung. Ein sehr wichtiger Autor der Nachkriegszeit.


Liebe Grüße
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Re: Leseerlebnisse 2011 - Ich lese gerade...

Beitragvon Petra » Do 14. Apr 2011, 23:01

Hallo zusammen,

"Emma" habe ich mit großer Freude beendet. Gar nicht gern habe ich Highbury verlassen. Aber ich kann ja wieder dorthin zurückkehren, durch die Verfilmungen, die nun auf mich warten. :-)

Eine mal andere Hauptfigur als ich den bisher von mir gelesenen Austen-Romanen. Emma ist so herrlich unperfekt, auch wenn sie von sich ganz das Gegenteil annimmt. Konsequent ist ihr Charakter ausgestaltet, sehr zu meiner Freude. Nicht, dass sie nicht dazulernt - das gelingt ihr, wenn auch durch Schaden, den sie selbst anrichtet. Aber sie bleibt trotzdem eine junge Frau, die noch dazulernen muss (und sicher wird). eine erfrischend andere Figur von Jane Austen!

Nun werde ich mir Hans Falladas "Jeder stirbt für sich allein" aus dem Regal holen, da morgen unsere kleine Leserunde startet. Ich freue mich schon sehr darauf, und werde gleich mal die Leserunde im Lit-Chatten eröffnen.

@Maria: Ich glaube, "Heimatmuseum" werde ich auch mal lesen. Mehr über die Flucht der Menschen zu erfahren, darüber wie es damals war, lockt mich sehr. Du hast recht: Wir haben einen ähnlichen familiären Hintergrund, und hatten auch beide zu wenig Gelegenheit nachzufragen. Wie bedauerlich.

Sehr schön (und passend) was Du über Siegfried Lenz als wichtiger Nachkriegsautor sagst! Wie gut, dass er hier im Forum nicht in Vergessenheit gerät, da Du oft etwas von ihm liest und/oder berichtest. Mich jedenfalls erinnerst Du oft daran, dass ich viele seiner Bücher noch lesen möchte. Danke dafür!
Liebe Grüße,
Petra


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Re: Leseerlebnisse 2011 - Ich lese gerade...

Beitragvon Trixie » Fr 15. Apr 2011, 08:07

Hallo Petra,

interessant, was du über deine Leseerlebnisse mit "Emma" schreibst. Für mich ist dieser Roman immer noch dereinzige von Austens Werken, den ich nicht beenden konnte. "Stolz und Vorurteil", "Verstand und Gefühl", "Mansfield Park" - alle kein Problem, nur in "Emma" war für mich persönlich kein richtiger Einstieg zu finden. Vielleicht lag es daran, daß in den Anfangskapiteln gleich so viele Personen vorgestellt wurden (kam mir vor wie die ganze Grafschaft inklusive ihre Verwandtschaft um drei Ecken ;) ), jedenfalls war es damals furchtbar zäh.
Allerdings klingt es nach deinen Berichten durchaus, als würde sich ein erneuter Versuch lohnen. Inzwischen sind gut und gerne zehn Jahre vergangen, und mit diesem zeitlichen Abstand gelingt es mir vielleicht besser...?

Gruß,
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Re: Leseerlebnisse 2011 - Ich lese gerade...

Beitragvon Petra » Fr 15. Apr 2011, 12:48

Hallo Trixie,

mir geht es auch manchmal so, dass mich das Personal eines Romans direkt zu Anfang überfordert. Das erschwert den Einstieg in ein Buch immens. Bei "Emma" ging es mir zwar nicht so, aber solch ein Empfinden ist manchmal auch tagesformabhängig. Somit ist es vielleicht wirklich noch mal einen Versuch wert. Zumal es bei Dir offenbar wirklich an der Figurenvielfalt gelegen hat, und nicht an der Andersartigkeit dieses Austen-Romans. Mir ist sie nicht so aufgefallen. Ich kann auch sagen, dass da nur noch sporadisch neue Figuren hinzu kommen. Wenn Du also über den Anfang bist, kennst Du fast alle Beteiligten.

Mein Liebling bleibt aber "Stolz und Vorurteil". Und auf "Mansfield Park" bin ich noch sehr gespannt. Dir scheint es ja gefallen zu haben.
Liebe Grüße,
Petra


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Re: Leseerlebnisse 2011 - Ich lese gerade...

Beitragvon Didonia » Fr 15. Apr 2011, 14:06

Ich bin ja noch bei den "wilden Dichtern":

Es ist nicht gesichert, ob Jacks Eltern seine leiblichen Eltern waren. Er selbst forschte ein wenig nach, aber nicht allzu intensiv; es würde einen Skandal geben, würde sich herausstellen, er sei ein Bastard. Seine Karriere wäre hinüber.
Von seiner Mutter erhielt er nie ein Zipfelchen Liebe. Sein Herz hing an John London, Vater oder nicht.
Mit zehn Jahren musste Jack schon zum Lebensunterhalt beitragen und mit 14 die Schule verlassen und wie ein Mann arbeiten.
Aber beinahe alles, was man über seine Jugend weiß, weiß man von ihm. Und ob das alles so stimmt?

Über Jack Londons Leben zu lesen, macht mich ganz atemlos. Satz für Satz verschlinge ich. Den einen noch nicht zu Ende, erwarte ich voll Ungeduld den nächsten. Wahnsinn...
"Eine Versuchung wird man nur los, indem man ihr nachgibt."

Markus Gasser
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Re: Leseerlebnisse 2011 - Ich lese gerade...

Beitragvon Barbara » Sa 16. Apr 2011, 11:23

Liebe Petra,

Deine Eindrücke zu "Emma" kann ich gut verstehen. Ich habe das letzte Drittel noch vor mir, weil ich so kurz vor Ferienbeginn noch viele Termien hatte kam ich kaum zum Lesen. Gestern hatte ich "Emma" zwar den ganzen Tag dabei, aber kam auch nicht dazu, es aus der Tasche zu nehmen.

So, Dein Liebling bleibt "Stolz und Vorzrteil" ;) . Ich bin auf dem besten Wege, nach Northanger Abbey, nun "Emma" zum Favoriten meiner Austen Bücher zu bestimmen.
:lesen_und_nachdenken:
Liebe Grüße
Barbara
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Re: Leseerlebnisse 2011 - Ich lese gerade...

Beitragvon Petra » Sa 16. Apr 2011, 15:37

Hallo zusammen,

wir lesen ja gerade in unserer kleinen Leserunde Hans Falladas "Jeder stirbt für sich allein". Ich bin schon zu Anfang von der gerade erschienenen Neuausgabe sehr begeistert, die ja erstmalig Falladas ursprüngliches Manuskript zugänglich macht, anstatt der bislang (gerade in politischen Dingen) geänderten Fassung. Hochinteressant, besonders auch der Austausch im Lit-Chatten darüber!

Zum Roman selbst kann ich sagen, dass hier Berlin um 1940 zu Leben erwacht. Alltagssituationen verschiedener Menschen, die letztendlich zum Widerstand kleiner Leute gegen das Nazi-Regime führt. Sehr glaubhaft und nachvollziehbar. Sehr authentisch wirkend. Und liebevoll erzählt.

@Barbara: Schön, dass "Emma" gute Chancen darauf hat, neben "Northanger Abbey" einer Deiner Lieblinge von Austen zu werden. Richtig, mein Liebling bleibt "Stolz und Vorurteil", aber "Emma" hat mir auf andere Art auch ausnehmend gut gefallen! :-)

Hetz Dich nicht, die Gelegenheit zum Lesen kommt bestimmt jetzt mit den Ferien! Ich freue mich auf Deine Eindrücke im Jane Austen-Thread.

@Didonia: Man spürt richtig, wie Du von Jack London gefangen genommen wirst. Schön, dass er in "Wilde Dichter" so nahe gebracht wird und Du uns darüber hier so schön berichtest!
Liebe Grüße,
Petra


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