von steffi » Fr 24. Jun 2011, 15:18
Ich lese sehr interessiert, was du, Didonia, über den Schimmelreiter schreibst. Ich las ihn als Schullektüre und konnte damals überhaupt nichts damit anfangen.
Ich habe heute "Lolita" beendet. Die Geschichte ist unterteilt in zwei Teile; im ersten Teil gibt es noch einige Sympathiewechsel, man empfindet Humbert Humbert (der Ich-Erzähler) zuerst sympathisch, trotz seiner Vorliebe für Nymphetten, so nennt er Mädchen zwischen 12 und 14, die gerade eben anfangen, fraulich zu werden. Lolita erscheint als provozierend, frech und verführerisch. Eben so, wie das Lolitaklischee ist. Allerdings dann, im zweiten Teil, erkennt man schnell den wahren HH, ein pädophiler Kinderschänder und Lolita das Opfer.
Diese Wechsel sind sehr schön beschrieben, man muss sich erstmal vor Augen halten, dass eben HH ein Ich-Erzähler ist, zudem Psychiatrie studiert hat. Das und auch das Ende, eine Art Alptraumsequenz, hat mir sehr gut gefallen.
Allerdings ist die Missbrauchsgeschichte nur vordergründig, sehr deutlich wird Nabokov dabei sowieso nie. Es ist auch eine Geschichte über das Zusammentreffen des alten Europa (HH) mit dem jungen Amerika (Lolita) und auch Nabokovs eigene Geschichte (er wechselte ja von russisch zu englischer Sprache). Alles wird mit etlichen literarischen Anspielungen unterfüttert, auch gibt es viele Wortspiele, die ich nur dank den reichhaltigen Anmerkungen erkannt habe. Eine intellektuelle Spielerei eben, interessant ohne Anmerkungen wohl nur für Literaturwissenschaftler. Dies und der Stil, der mich nicht umgehauen hat, zwar sehr flüssig und leicht, aber für mich ohne den gewissen Kick, sind die zwei Negativpunkte, die ich zu dem Buch habe.
Eine Reduzierung der Geschichte aber auf das Lolita-Motiv wird dem Roman nicht gerecht, es steckt schon einiges mehr dahinter.
Gruss von Steffi
Wolfgang Reinhard - Die Unterwerfung der Welt ( Langzeitprojekt)