Hallo zusammen,
da ich schon ein spezielles Buch im Hinterkopf hatte, fiel mir gestern die Auswahl neuen Lesestoffes nicht schwer. Inhaltlich und durch sein äußeres Erscheinen lockte
Judith Schalanskys „Der Hals der Giraffe“ allzu sehr. Das Buch nahm mich beim anlesen direkt für sich ein. So war es entschieden.
Doris fiel das Erscheinungsbild des Buches ja auch auf positive Art ins Auge. Und sie fühlte sich bei der Gestaltung an ein Schulbuch erinnert. Das leuchtete mir ein, und ich fand es auch direkt ausgesprochen passend. Schließlich geht es bei dem Roman um eine Biologielehrerin, und die Romanhandlung ist auch in der Schule angesiedelt. Ich liebe es, wenn der Verlag sich um die Optik des Buches gründlich Gedanken macht, und den Inhalt durch das Äußere unterstreicht. Toll gelungen! Auch innen die Illustrationen von Lebewesen (von Quallen über Seekühe bis hin zu Pantoffeltierchen) unterstreichen den Inhalt aufs Feinste! Mit Bedacht gewählt.
Das allein überzeugt mich schon sehr. Aber auch sprachlich hat das Buch was zu bieten. So lässt Judith Schalansky die Erzählerin des Roman – die fünfundfünfzigjährige Biologielehrerin Inge Lohmark – die Dinge sehr exakt auf den Punkt bringen, ohne groß drum herum zu reden. In ihrer zwar intelligenten, aber auch sehr direkten, rationalen und kühlen Art sinniert sie über die Schule, an der sie lehrt, und die vom Aussterben bedroht ist. Denn die Menschen suchen sich – wie in der Natur – einen neuen Lebensraum, wo dort (in Vorpommern) nichts mehr zu holen ist. Auch über die Fortpflanzung denkt sie nach. Während einige Familien (die Asozialen), die sich nicht so sehr auf ihren Nachwuchs konzentrieren können oder wollen für Quantität sorgen (damit ihre Arterhaltung sichergestellt ist, auch wenn nicht alle überleben – weil sie vernachlässigt sind, oder im Leben scheitern), sorgen andere (Intellektuelle) für wenig Nachwuchs, aber dafür qualitativ hochwertig. So auch Inge Lohmark. Doch glücklich scheint sie darüber auch nicht zu sein, wenn man ihre verbissenen Bemerkungen liest, in denen sie sich beklagt, dass ihre Tochter seit Jahren in den USA lebt. Auch so eine Weggewanderte.
Inge Lohmarks Auftreten erinnert selbst ein bisschen an die Naturgesetze: rau, kompromisslos, erbarmungslos. Ihr Blickwinkel ist zwar anders, aber messerscharf. Als seziere sie für den Biologieunterricht ein Tier, um Zusammenhänge und Tatbestände offenzulegen. Ein indirekter, aber anschaulicher Unterricht in Sachen Mensch, Anpassung und Aussterben. Gar keine uninteressanten Themen, wenn man sich Inge Lohmarks Umfeld ansieht: Ein Gymnasium in Vorpommern, dem die Schüler
wegsterben. Eine aussterbende Rasse, und sie, die Biologielehrerin, dort die letzte ihrer Art. Kein Wunder, dass ihr da Vergleiche kommen. Mir kommen sie auch, jetzt, wo ich genauer hinschaue.
Das ist sehr intelligent gemacht. Wenn es so bleibt, eines meiner Jahres-Highlights. Schade, dass sie es nicht auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat. Schön finde ich auch, wie sie die einzelnen Schüler einführt. Inge Lohmark lässt ihren Blick über die Köpfe der neuen Schüler gleiten. Auf der nächsten Seite finden sich eingezeichnete Pulte. Jedem Pult ist der Name eines Schülers zugeordnet, und im Folgenden findet sich eine kurze Beschreibung der Person. Wobei sie die Schüler nicht wirklich als Individuen sieht, sondern sie verschiedenen Arten zuordnet. Scharf beobachtet – es stimmt schon. In jeder Klasse finden sich bestimmte Typen. Rollen, die übernommen werden. Und Inge Lohmark fragt sich: Wer übernimmt wohl die Rolle XY in diesem Jahrgang? Dabei wirkt es gar nicht verallgemeinernd, sondern eher psychologisch und soziologisch sehr fein beobachtet.
Ihr seht: Mir kommen schon nach gerade mal 50 gelesenen Seiten unzählige Gedanken.
Übrigens habe ich mir das Leseerlebnis optisch noch verschönert mit einem ganz tollen Lesezeichen, das wie für dieses Buch gemacht zu sein scheint. Als 12er Set bei Jokers erhältlich. Hier ein
Bild, unten links kann man es (leider nicht so deutlich) sehen: Ein Giraffenhals, unten der Kopf, und eine Zunge, die ein Giraffenbaby schleckt.
@Maria @Steffi: Schön, dass ich Euch auf "Der Gesang der Fledermäuse" von Olga Tokarczuk neugierig machen konnte. Ich finde es auch schade, dass es das noch nicht als ebook gibt, wenn ich persönlich mich wegen des Covers auch trotzdem fürs Buch entschieden hätte.