Hallo zusammen,
ich habe nun das erste Drittel von
Jeffrey Eugenides „Die Liebeshandlung“ hinter mir. Der erste Teil spielte im letzten Jahr auf dem College und Dreh- und Angelpunkt war Madeleine, die eine Arbeit über den Marriage-Plot in den viktorianischen Romanen schreibt. Der Theologie-Student Mitchell verehrt sie, traut sich aber nicht so recht, da sie kein Interesse an ihm zeigt. Dafür zeigt Madeleine starkes Interesse an Leonhard, den sie in einem Semiotik-Seminar kennenlernt. Mit ihm erweist sich die Beziehung allerdings direkt zu Anfang schon als schwierig, zumal er manisch-depressiv ist.
Im zweiten Teil nun wechselt der Blickwinkel zu Mitchell. Frisch vom College mit dem Abschluss in der Tasche, reist er mit seinem besten Freund Larry bis nach Indien. Erster Stopp ist Paris, wo Larry eine Freundin hat, was sich gut eignet, da sie mit ihrem Geld umsichtig sein müssen, da die Reise im besten Fall insgesamt ein Jahr dauern soll. Schon diese ersten Szenen bei Claire, der Freundin, zu Hause bereiteten mir großes Vergnügen! Sie, ganz Feministin, wettert gegen den jüdischen Glauben (sie ist selbst Jüdin) und die Religionen im Allgemeinen, da sie frauenfeindlich sind. Mitchell steht bei ihr als studierter Theologe unter Beschuss. Da hat Eugenides sehr fein beobachtet. Mitchell verteidigt – gesteht er sich selber ein – ebenso reflexartig, wie die Feministinnen anklagen. Wie menschlich! Und so ergibt sich mal gerade direkt am ersten Tag ein Streit, der in einem unüberlegten Ausspruch Mitchells und einer völlig empörten Claire endet. Mir blieb fast die Luft weg, als ich den Ausspruch Mitchells las. So nachvollziehbar und so unpassend war er. Köstlich!

Weiter geht es, als Mitchell eines der mitgeschleppten Bücher aus dem Rucksack zieht. Hemingway. Völlig verständlich, warum er ihn mit auf die Reise genommen hat. „Paris, ein Fest fürs Leben“ – der Titel sagt es schon: Die geeignete Lektüre für einen Besuch in Paris. Doch ebenso weiß er, wie unpassend es ist, von diesem Schriftsteller vor Claires Nase ein Buch zu lesen. Suggeriert er ihr doch zwangsläufig damit, welch ein Frauenfeind er ist, dass er Bücher des als frauenfeindlich geltenden Hemingway liest. Das ist alles sehr fein beobachtet und gezeichnet, und entbehrt nicht einer gewissen, sehr leisen Komik, die ich sehr schätze. Eugenides schafft Möglichkeiten, die Themen seines Romans behutsam auf den Weg zu bringen. Durch die Hintertür. Mitchell macht sich, laut Inhaltsangabe, auf den Weg, um über den Sinn des Lebens, die Existenz, und darüber, was Liebe ist, nachzudenken. Ich glaube ich stoße auf dem Weg mit ihm gemeinsam noch auf viele interessante Gedanken und denkwürdige Situationen. Zu welchem Ergebnis er mit seinen Überlegungen kommt, darauf bin ich sehr gespannt. Und auch wie die Reise sich gestaltet. Es tun sich schon wieder neue Hindernisse auf, die er galant umgeht.

Jeffrey Eugenides kann wirklich toll erzählen. Viele die bereits „Middlesex“ von ihm gelesen haben, finden dass „Die Liebeshandlung“ nicht heranreicht. Weil er noch gewandter erzählen kann und weil es thematisch gegen „Middlesex“ banaler sein soll. Ich kann das nicht beurteilen, da dies meine erste Begegnung mit Jeffrey Eugenides ist. Vielleicht ist es gut, dass ich dieses Buch zuerst lese. Denn auch ich kann mir, trotz meiner Lesefreude und meiner Begeisterung, gut vorstellen, dass er noch mehr kann. Ich denke, er ist ein ganz großer Erzähler.
Mir gefällt sehr, dass Eugenides bei dem Versuch, in der modernen Zeit einen Marriage-Plot-Roman anzusiedeln, nicht den Fehler macht, einen Abklatsch auf die viktorianischen Romane dieser Gattung zu verfassen. Seine Figuren sind modern (na gut, die 80er immerhin

) und denken und handeln nach den Grundsätzen ihrer Zeit. Sind keine Lady und keine Gentlemen, die in die moderne Zeit gebeamt wurden, sondern authentische junge Menschen, die versuchen Fuß zu fassen. Im Leben und in der Liebe. Eugenides nimmt sein Experiment ernst. Gelingt es, aus diesen Zutaten, die uns das normale Leben heute gibt, den Marriage-Plot-Roman wiederzubeleben? Oder ist diese Gattung ausgestorben, mit dem Wegfall der Notwendigkeit der Ehe? Je mehr ich verstehe, dass es ihm ernst ist, mit diesem Experiment, umso mehr kann ich die Handlung genießen. Ein toller Versuch, auf dessen Ausgang ich sehr gespannt bin!
So langsam beginnt mich zu faszinieren, was Jeffrey Eugenides mit dem Roman bezweckt. Denn die Form, in der er das tut, wird mir mit jeder Seite bewusster. Er möchte wirklich ein Experiment wagen. Ist es möglich, heute, wo die Heirat nicht mehr wichtig und notwendig ist (Versorgungsgründe etc.), einen Roman mit einem
marriage-plot zu schreiben? Ist der Marriage-Plot-Roman, den man aus der viktorianischen Zeit kennt, tot? Oder kann er wiederbelebt werden? Diesen Versuch nimmt Eugenides ernster, als ich dachte. Und das fasziniert mich daran so. Denn er versucht nicht eine Handlung aus einem viktorianischen Roman auf modern zu trimmen, und aus der Zeit gefallene Charaktere zu bemühen, die man im wahren Leben so nicht antreffen würde. Seine Handlung spielt in der modernen Zeit (na gut, die 80er Jahre

), seine Charaktere sind authentisch. Sie lieben und leben nach den Regeln des späten 20. Jahrhunderts. Und ihre Probleme sind echt. Diese Probleme haben junge Erwachsene heute. Keine künstlich in die Neuzeit transportierten Probleme und Themen. Sondern das pure Heute. Kann es in dieser unserer Zeit noch einen Marriage-Plot-Roman leben? Ich bin gespannt, ob Jeffrey Eugenides am Ende dieses Experiment glückt.
Und wie ich sehe, bin ich nicht die einzige, die interessanten Lesestoff am Wickel hat.
