Hallo zusammen,
ich habe „Mord unter Freunden“ von Maria Ernestam beendet. Da es schon eine Rezension (von Binchen) gibt, möchte ich nur hier meine Meinung dazu kundtun. Mir hat es mäßig gefallen. Klar, die Autorin kann erzählen. Und die Figuren des Romans sind auch wieder typisch Ernestam. Jedoch hatte ich nach „Die Röte der Jungfrau“ damals zum Ende das Buch an mein Herz gedrückt, weil ich die Hauptfigur noch nicht loslassen wollte. Ich stellte das Buch noch ein paar Tage nicht zurück ins Regal. Mir ist die Geschichte doch deutlich näher gegangen als jetzt die um Mari, Anna und Fredrik. Und auch die Handlung von „Mord unter Freunden“ kommt für mich nicht an „Die Röte der Jungfrau“ heran. Doch lassen wir den Vergleich zu diesem Highlight-Buch mal außenvor und konzentrieren uns auf „Mord unter Freunden“. Auch ohne Vergleich hat mir der Handlungsverlauft nicht behagt. Besonders aufgefallen ist mir, dass die Autorin unbedingt die Handlungen jeder einzelnen Figur (bis hin zu Fredriks Mutter, Annas Schwester etc.) psychologisch erklären wollte. Das mag ich normaler Weise auch sehr gern. Aber mir war es hier so erzwungen. So kurz abgehakt. So werden am Schluss noch einige Personen aufgesucht und der Leser merkt, dass der einzige Zweck daran ist, die Beweggründe der Menschen zu erklären. Aber in ultra-kurz und somit oberflächlich. Und nicht elegant.
Eleganz – das trifft es vielleicht am meisten, was mir hier fehlte. Sie kann es besser (hat sie in „Die Röte der Jungfrau“ bewiesen). Viele psychologische Beweggründe hätten sich mehr von selbst erklären sollen. Das wäre mir viel lieber gewesen! Gefallen hat mir hingegen das Grundthema. Schein und Sein (der Titel „Kleopatras Kamm“ wäre besser gewesen als die plumpe deutsche Titelgebung). Schön war auch, dass sich das Thema in in vielen Figuren und Szenen wiederfand. Aber leider hat die Autorin es letztlich auch überladen. Aber jetzt wird gespoilert, deshalb in Spoilerschrift:
Ganz schlecht fand ich die Szene wo Fredrik sich dann mit Stella von jetzt auf gleich die Liebe schwor und sie bat mit ihm nach Berlin zu gehen und ihn zu heiraten. Hallo? Die zwei hatten sich erst einmal zuvor gesehen! So schnell ist in Liebesdingen ja nicht mal mein Bruder (und da wundert man sich manchmal schon)! Das fand ich völlig unglaubwürdig. Und es hat der Geschichte was unnötig tragisches verliehen – arme Stella! Die Hoffnung auf ein erfülltes Leben in Zweisamkeit gemacht zu bekommen und dann bringt Fredrik sich – letztendlich – um.
Auch der Täter. Bzw. die Täter. Das war mir zu viel des Guten! Ich hatte leider am Ende jetzt doch das Gefühl, dass Maria Ernestam um jeden Preis den Leser auf die falsche Fährte locken wollte. Hat sie auch gut hinbekommen, denn der einzige, der letztendlich niemanden getötet hat (ich denke nicht mal seinen eigenen Vater, da habe ich seine Mutter wegen der einen Andeutung im Verdacht) war Fredrik. Den ich – in Gestalt von Miranda – als einzigen ernsthaft in Verdacht hatte. Dass aber nun alle drei einen Mord begehen (bzw. Fredrik letztendlich dann doch nicht zur Tat schreitet, sondern sich selbst umbringt), strapazierte die Glaubwürdigkeit für meinen Geschmack doch allzu sehr über. Toller Clou… aber schon die Begründung nur teils ok (Mari die erste Tat – allerdings als Rache an David? Das war mir zu abstrakt! Anna konnte ich verstehen – wegen ihres Vaters und weil diese Frau im Koma ja gar nicht mehr so recht lebte.). Und außerdem: Will eine Maria Ernestam wirklich ein Buch um eines Clou willens schreiben? Ich hatte sie so eingeschätzt, dass sie ihr Thema vermitteln möchte. Das hat sie hier zwar auch gemacht, aber in meinen Augen viel zu übertrieben. Und zu konstruriert. Anfangs ergab sich noch alles ganz gemächlich, so wie ich es mir gewünscht hätte. Fredriks Situation z. B. zu Hause. Die Gründe, warum er sich in Frauenkleidern wohl fühlte. Das fand ich einen sehr guten und gelungenen Ansatz. Aber Mari und David… nee, da hat die Autorin ein oder sogar zweimal zuviel mit mir gespielt. Erst ist er lebendig und lebt mit Mari zusammen in Stockholm, dann ist er auf einmal tot. Sie hat sogar seine Asche. Dann war das doch nur ein verbranntes Bild. Und dann sucht sie ihn auch noch auf und will ihn umbringen. Und die Schlussszene der beiden. Er liebt sie noch, will seine Verlobte verlassen, um mit Mari neu zu beginnen, um wieder er selbst zu werden und wieder ein echter Künstler zu werden. Dabei wollte sie ihn gerade umbringen. Und er, der sie damals hat umbringen wollen, lässt sie jetzt so einfach davon kommen? Ach nee, das war mir zu viel und das konnte und wollte ich dann auch nicht mehr so recht verstehen!
Dass Anna zu Greg zurückkehrt fand ich hingegen sehr schön. Dass die Autorin dann aber unbedingt noch eine Begründung abliefern musste, warum Annas Schwester damals einfach in die USA abgehauen ist, fand ich überflüssig. Zumal in der Kürze. Das wirkte so aufgesetzt für mich. Jetzt ziehe ich den Leser noch mal kurz hier hin, um dies zu erklären und dorthin (zu Fredriks Mutter) um jenes zu beleuchten. Auch so was: Der Besuch bei Fredriks Mutter schien mir so aufgesetzt. In der Szene als Anna darüber nachsinnt, welche Gründe ihre Schwester hatte, hat Maria Ernestam diesen gedanklichen Ausflug geschrieben, wie ich in Briefen schreibe wenn ich als außenstehende Person etwas über X und Y erzählen will: X sagte dies, darauf erwiderte Y das. X fand das nicht gut, und sagte das sei nicht relevant, daraufhin äußerte sich Y so und X konnte es halbwegs verstehen. So geht das seitenlang, damit der Leser auf die Schnelle auch das noch mitbekommt. *grummel*
Und zum krönenden Abschluss muss Maria Ernestam auch noch Elsa Karlsten und Martin Darnelius zusammenkommen. Außerdem hat Elsa damals die Tiere ausgestopft, nicht etwa ihr Mann. Um auch hier wieder zu zeigen: NICHTS ist wie es scheint. Aber auch wirklich GAR NICHTS! Stella will mit Jo "Kleopatras Kamm" weiter führen (bzw. den Namen übernehmen). Und dann betritt Lukas Karlsten noch kurz per Brief die Bühne und Mari erhofft sich eine Zukunft mit ihm. Nur um bei David dann doch vielleicht noch weich zu werden. Aber auch nur vielleicht. Was ja noch ganz gut und realistisch wäre. Aber dass David sie nun unbedingt zurück haben will und sie anfleht… nee, also ehrlich!
Ich bin jetzt froh, dass ich durch bin. Gerade im letzten Viertel hat das Buch für mich noch mal unheimlich verloren. Ich fand es bis dahin schon etwas wackelig. Aber das wurde leider nur immer schlimmer.
Schade, die Grundidee ist gut. Die Figuren auch interessant, besonders Fredrik. Und auch Anna. Mari war viel zu überladen für mich. Und das drumherum und die gewollte überraschende Auflösung auch.Das Buch bekommt von mir nur 5 von 10 Punkten. Allenfalls mittelmäßig und zum Ende hin leider für mich völlig versagend. Für dies Jahr bislang die niedrigste Wertung von mir. Schade, da hatte ich mir mehr erhofft! Es war zwar besser als „Caipirinha mit dem Tod“. Aber für mich auch um EINIGES schlechter als „Die Röte der Jungfrau“. Und nun zieht die Entschuldigung nicht mehr, die bei „Caipirinha mit dem Tod“ galt: Denn das Buch war ja in Schweden ihr Debüt. Aber „Mord unter Freunden“ kam nach „Die Röte der Jungfrau“. Hoffentlich lässt sie nicht dauerhaft nach, sondern kann mal wieder an „Die Röte der Jungfrau“ anknüpfen. Das hatte mir einzigartig gut gefallen und es war auch stimmig und rund und nicht so konstruiert erzählt und auch nicht voller klischeehafter psychologischer Begründungen, die ich leider hier (in „Mord unter Freunden“) doch einmal zu häufig fand.
Wer von Maria Ernestam noch nichts kennt, dem kann ich "Die Röte der Jungfrau" wirklich wärmstens ans Herz legen. Aber sonst würde ich sagen: Die anderen sind verzichtbar.
Mal sehen welches Buch dann heute Abend mit in die Tasche darf. Ich freue mich drauf, endlich frischen Lesestoff zu bekommen, denn mit Ernestam habe ich mich zum Schluss hin dann doch gequält, weil mir das dann allzu doof wurde. (Ist ja auch immer schön, ein neues Buch auszuwählen und die ersten Seiten zu lesen. Ich freue mich drauf – welches auch immer es werden wird!)
Und nun zu Euren Leseerlebnissen und Postings.
@Doris: Auf Richard Yates freue ich mich wirklich sehr! Allerdings bin ich mir noch nicht sicher, welches als erstes das Rennen machen wird: „Easter Parade“ (Deine Ermunterung wirkt jedenfalls) oder „Ruhestörung“ (habe ich ja doch ganz schnell gekauft, weil es mich thematisch und vom reinlesen her interessiert).
@Herr Herbert: „Shutter Island“ lockte mich auch schon mehrfach (besonders als Hörbuch, was dem Buch aber ja sehr nahe kommt). Die nicht so guten Kritiken (und die Begründungen zu den Kritikpunkten) ließen mich jedoch annehmen, dass mir die Verfilmung mit Leonardo de Caprio besser gefallen könnte als die Vorlage. Du sprichst gerade dieselbe Vermutung aus, dass der Film dem Buch gegenüberbetrachtet besser abschneiden könnte. Wer weiß, vielleicht findet dieser Titel ja wirklich in dem neu eingerichteten (durch Dich inspirierten) Thread Platz? Wie hat Dir das Buch denn jetzt weiter (bzw. abschließend) gefallen? Würde mich sehr interessieren.
Auf Deine Eindrücke vom neuen Coetzee bin ich sehr gespannt! Von diesem Autor habe ich als nächstes „Zeitlupe“ zu lesen geplant. Es subt schon bei mir zu Hause. Das hatte ich mit rd. 5,- € sehr günstig als gebundenes Exemplar (Ladenpreis aufgehoben) bei Amazon bekommen. Wie ich sehe gibt es das inzwischen bei
Amazon für den Spottpreis 3,47 €. Wer es noch nicht hat, sollte zuschlagen – der Autor lohnt!
Deine Rezension habe ich durchgelesen. Sie gefällt mir sehr gut! Du gibst Informationen an die Hand (man weiß, was man sich unter den Geschichten vorzustellen hat), verrätst aber nicht zu viel. Die Formulierung finde ich auch sehr gut. Auch gibst Du an die Hand, wie man die übersinnlichen Aspekte hier einzuschätzen hat. Für mich war das wichtig, denn mit Übersinnlichem/Fantasy kann ich literarisch leider nichts anfangen. In der Form hier, wäre es eine Überlegung wert. (Mangels Lesezeit zwar nicht ernsthaft, aber ein Grundinteresse hast Du geweckt durch Deine Rezension – Danke für den schönen Text zu dem interessanten Buch!)
Hier fand ich auch den Vergleich von Maria mit Haruki Murakami interessant. Nach allem was ich über diesen Autor hier gehört habe, könnte das stimmen. Danke Maria, für den Vergleich.
@Josie: Aber natürlich haben wir Dich nicht vergessen! Wie Maria schon schrieb: Schön ist, dass Du Dich trotz Leseflaute meldest und hier und dort beteiligst! Das liegt mir auch am Herzen – ich freue mich drüber!
Ich wünsche Dir ganz doll, dass Deine Leselust ganz bald wieder kommt! Wo es mit Charlotte MacLeod schon nicht gelungen ist, so doch vielleicht jetzt mit Herrn Schätzing. Wäre ja sehr schön!

Ich kann Dich aber gut verstehen! Wenn man lange nicht mehr arbeiten war (und zudem nun immer noch nicht so fit ist!), ist das eine enorme Umgewöhnung! Ich kenne das Gefühl, abends zu müde zu sein, um zu lesen. Das ist dann total bedauerlich, aber eben auch nicht zu ändern. Ich wünsche mir für Dich von Herzen, dass es Dir bald wieder besser gelingt und Du den Entspannungs-Effekt des Lesens für Dich wiederentdeckst.
„Tod und Teufel“ kenne ich – allerdings als Hörbuch (ungekürzte Lesung). Hat mir sehr gut gefallen, obwohl die historischen Romane ja nicht so meins sind. Historische Krimis (wozu dieser ja zählt) gehen schon eher. Aber da er im Mittelalter angesiedelt ist, ist es echt nicht mein bevorzugtes Genre. Und doch hat mich dieser historische Krimi richtig begeistert. Ich hoffe, er kann Dich so richtig in seinen Bann ziehen.
@Yvonne: Schön, dass Du aus Dresden (die Stadt wollte ich immer schon besuchen – wenn es mal soweit ist, weiß ich ja wen ich fragen kann, was besonders sehenswert ist) zurück bist! Und dann auch noch mit solch interessanten Lese-Berichten! Interessiert habe ich Deine Meinung zu „Am Anfang war die Nacht Musik“ gelesen.
Und dass Du direkt wieder in „Drood“ drin warst, macht mir noch mehr Laune auf das Buch (oder Hörbuch – ich bin noch nicht entschlossen).