Christian Kracht: Ich werde hier sein...

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Christian Kracht: Ich werde hier sein...

Beitragvon Fevvers » Do 20. Jan 2011, 11:28

Hallo Maria

Ich komme nur noch nicht dahinter wie der Buchtitel zum Inhalt zu interpretieren ist. Vielleicht die Welt draußen (Sonnenschein, obwohl es ja meist schneit) und im Reduit, im Berg (Schatten)


Der Titel zitiert ein irisches Volkslied ((„I'll be here in sunshine or in shadow“) aus "Danny Boy", was immer uns das sagen soll.

Für mich war der große Gegensatz Afrika - SSR entscheidend. Dort Sonne (Wiege der Menschheit, genau! Das ist mir gar nicht in den Sinn gekommen), hier Schatten, eine vom Krieg zerstörte, archische, karge, eisige Winterlandschaft. Der Protagonist, der Politkommissär aus Schwarzafrika, sehnt sich beständig nach seiner Heimat zurück.
Er erlebt lichte und dunkle Momente, was sich auch in der Sprache niederschlägt. Wird diese Afrikasehnsucht beschrieben, ist sie bunt und grausam-schön und wie bei allen Afrika-Themen kommt einem unwillkürlich Joseph Conrad in den Sinn. Die SSR-Atmosphäre dagegen ist sprachlich ganz anders, nicht nur wegen der Helvetismen, sondern sie wirkt antiquierter, als ob sie zu Beginn des 20. Jhdts. stehen geblieben wäre.

Eine Schlüsselstelle war mMn gleich zu anfangs die Erwähnung, dass es eine neue Sprache geben wird und kein Schrifttum mehr


Ja, da hat Dich Dein literar. Gespür nicht getäuscht. Das spielt gegen Ende nochmals eine bedeutende Rolle, im Réduit, das für die Schweizer, insbesondere für die Generation, die den 2. Weltkrieg erlebt hat, bis heute eine ganz besondere Bedeutung hat und manchmal nostalgisch verklärt wird, z.B. in sog. Living history Formaten

Die Farben des Buches sind hauptsächlich rot und weiß, wie die schweizer Flagge :-)

Meine HC-Ausgabe von 2008 sieht ganz anders aus, nämlich wie eine Afrikakarte.

LG, Fevvers
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Re: Christian Kracht: Ich werde hier sein...

Beitragvon JMaria » Do 20. Jan 2011, 11:48

Hallo Fevvers,

danke für das Eröffnen eines Extra-Threads, das hat das Buch wirklich verdient. Auf einzelne Punkte möchte ich mich später noch äußern und zuerst auch noch die Links nachschlagen, die du angegeben hast. Vielen Dank. :-)

Du hast Joseph Conrad erwähnt. Wir hatten diesselben Eindrücke ! Mir kam auch sofort "Herz der Finsternis" in den Sinn, besonders die Episode zum Kilimandscharo. Ein Buch das ich sehr schätze und mich immer mit vielen Gefühlen beschert, ... eine Art Sog... und das ist mir auch bei "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten" passiert.

So, aus dem irischen Lied "Danny Boy", ein sehr sehnsuchtsvolles Lied. Würde gut zum Heimwehgefühl unseres Kommissärs passen. Darüber muß ich noch eingehender nachdenken. Danke für diese aufschlußreiche Hinweis.

mit den Farben weiß und rot meinte ich nicht die Umschlagsgestaltung, sondern in der Geschichte werden diese Farben auffallend oft thematisiert.

wie geht eigentlich der Rütli-Gruß?

wollte ich auch noch nachschauen. Im Buch wird es zwar beschrieben, aber mir war es nicht ganz klar geworden.

Die Afrika-Karte auf dem HC finde ich sehr schön und würde zum Gedanken "Wiege der Menschheit" gut stimmen. Ich habe ja die Dtv-Taschenbuch Ausgabe, die mich auch sehr anspricht, wegen der Eiseskälte, die es vermittelt.

Ich hätte gestern das Buch noch zuende lesen können. Doch wie das meist bei mir passiert, wenn mich ein Buch fasziniert, wird mein Lesen langsamer. Meist höre ich nochmals kurz vor dem Ende auf. Keine Ahnung warum .... Noch 10 Seiten und ich bin durch.

Liebe Grüße
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Re: Christian Kracht: Ich werde hier sein...

Beitragvon Fevvers » Do 20. Jan 2011, 12:10

JMaria hat geschrieben:wie geht eigentlich der Rütli-Gruß?


Kei Ahnig. *g* Das ist dichterische Freiheit. Totalitäre Regimes haben ja gern einen eigenen Gruß.

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Re: Christian Kracht: Ich werde hier sein...

Beitragvon JMaria » Do 20. Jan 2011, 12:21

Fevvers hat geschrieben:
JMaria hat geschrieben:wie geht eigentlich der Rütli-Gruß?


Kei Ahnig. *g* Das ist dichterische Freiheit. Totalitäre Regimes haben ja gern einen eigenen Gruß.


tatsächlich! Ich bin darauf reingefallen :o

hab ich dann wohl mit dem Rütlischwur verwechselt, frei nach Schiller:

Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern,
in keiner Not uns trennen und Gefahr.
Wir wollen frei sein, wie die Väter waren,
eher den Tod, als in der Knechtschaft leben.
Wir wollen trauen auf den höchsten Gott
und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.
(2. Aufzug, am Schluss der 2. Szene)


Elemente daraus sind in Krachts Buch enthalten; einzig Volk von Brüdern ...obwohl Brazhinsky dem afrikanischen Kommissär einredet, die Afrikaner wären Kanonenfutter...
Wir wollen frei sein, wie die Väter .... im Buch gibt es keine Generation die den Frieden kennt. Dieser Gedanke ist wohl einer der traurigsten im Buch.

Wir wollen trauen auf den höchsten Gott.... im Buch ist die Religion abgeschafft. Ist dir beim Maria anbetenden Zwerg aufgefallen, dass er spitz zulaufende Zähne hatte? Grausamkeit und Güte in einem? Wie es die Religion oft in der Geschichte übermittelte?

Gruß,
Maria
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Re: Christian Kracht: Ich werde hier sein...

Beitragvon Fevvers » Fr 21. Jan 2011, 00:57

JMaria hat geschrieben:im Buch gibt es keine Generation die den Frieden kennt. Dieser Gedanke ist wohl einer der traurigsten im Buch.

Das ist mir ziemlich eingefahren, das war für mich Endzeitstimmung pur und hat die Geschichte noch kälter gemacht

Ist dir beim Maria anbetenden Zwerg aufgefallen, dass er spitz zulaufende Zähne hatte? Grausamkeit und Güte in einem? Wie es die Religion oft in der Geschichte übermittelte?

An die Szene kann ich mich nicht mehr erinnern, aber Deine Interpretation kann ich gut nachvollziehen.

Bist Du inzwischen durch? Wenn Du Dich zum Schluss des Romans geäußert hast, werde ich den nochmals lesen.

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Re: Christian Kracht: Ich werde hier sein...

Beitragvon Rachel » Fr 21. Jan 2011, 09:34

Hallo Ihr Beiden,

eure Eindrücke zu "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten" habe ich mit großem Interesse verfolgt, vielen Dank dafür. War ich mir bisher immer noch unschlüssig, ob ich das Buch wirklich lesen möchte, bin ich mir jetzt recht sicher. Thematisch reizt es mich ohnehin.

Und ab damit auf den Wunschzettel. :)
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Re: Christian Kracht: Ich werde hier sein...

Beitragvon JMaria » Fr 21. Jan 2011, 10:34

Rachel hat geschrieben:Hallo Ihr Beiden,

eure Eindrücke zu "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten" habe ich mit großem Interesse verfolgt, vielen Dank dafür. War ich mir bisher immer noch unschlüssig, ob ich das Buch wirklich lesen möchte, bin ich mir jetzt recht sicher. Thematisch reizt es mich ohnehin.

Und ab damit auf den Wunschzettel. :)


Hallo Rachel,

also ich glaube auch, dass dir das Buch gefallen wird. Ich denke, beim nächsten Buchbummel wird es dir direkt in die Hände fallen ;-)

Grüße von
Maria
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Re: Christian Kracht: Ich werde hier sein...

Beitragvon JMaria » Fr 21. Jan 2011, 10:52

Fevvers hat geschrieben: Bist Du inzwischen durch? Wenn Du Dich zum Schluss des Romans geäußert hast, werde ich den nochmals lesen.

LG, Fevvers



Hallo Fevvers,

ich bin durch und das Buch lässt mich etwas fragend zurück, obwohl es gute Interpretionspunkte gibt.

Zunächst einmal hat mich der Autor etwas in die Irre geführt. Nach seiner Flucht aus dem Reduit kam er an einem Schiff aus Ziegel vorbei, darauf eine schöne Frau. Ich dachte schon, jetzt kommt eine Vermischung von Arche Noah und Eva als Rettung. Das hätte mir nicht so gut gefallen. Aber der Kommissär zieht seine Schuhe an und geht weiter. Die neue Sprache funktionierte auch nicht !

Aber im nachhinein gefiel mir das Auftauchen dieses Schiffes mitten in den Alpen :lol:

ja, dann ging es nach Genua, wo er auf einen Frieden stößt, den er schon lange nicht mehr erleben durfte. Das Tessin ist den Kriegsmächten wohl zu langweilig und unbedeutend ;-)

Ob dahinter eine Ironie vom Autor steckt?

Von Genua mit dem Schiff nach Afrika. Rückzug ins Mutterland. Abwendung von der westlichen/europäischen/nordamerikanischen (Amexikaner)/ Asiatischen (Hindustani) Kriegsgerassel; sogar die Abwendung aller Kultur und Schulen, die diese Länder Afrika brachten ? ?

Wie hast du das Ende interpretiert?

wenn ich mal "The Road" von McCormac und "Ich werde hier sein..." vergleiche (darf man das?) , dann hat hier Christian Kracht eine gewaltige Symbolik reingebracht und seinen Lesern ein besseres, subtileres Ende der Geschichte geliefert.

Fragen bleiben zurück:
warum hat der Kommissär keinen Namen?
warum hat er das Herz auf der rechten Seite?
ein Auserwählter? Seine Augen veränderten sich ins Blau ...

Liebe Grüße
Maria
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Re: Christian Kracht: Ich werde hier sein...

Beitragvon Rachel » Fr 21. Jan 2011, 11:17

Hallo Maria,

JMaria hat geschrieben:also ich glaube auch, dass dir das Buch gefallen wird. Ich denke, beim nächsten Buchbummel wird es dir direkt in die Hände fallen ;-)

Vorausgesetzt ich kann solange warten. :mrgreen:
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Re: Christian Kracht: Ich werde hier sein...

Beitragvon JMaria » Fr 21. Jan 2011, 12:16

Hallo zusammen,

das Interview von Dennis Scheck und Christian Kracht, ... gegen Ende des Interviews weiß man ja wirklich nicht, ob Herr Kracht das Ernst meint mit den Falkland-Inseln :roll:

http://www.youtube.com/watch?v=p9qy1HlmPJw

@Fevvers,
ich habe mir gestern auch noch das 18-min. Video angeschaut:
http://www.videoportal.sf.tv/video?id=d ... 4ccaa57f38

Sehr beeindruckend zusehen, wie es im Reduit ausschaut. Wie bedrückend.

Wenn man bedenkt, dass das Rückzugsgebiet doch fast die Hälfte der Schweiz ausmacht, wenn es im 2. WK tatsächlich zu einem Einmarsch der Deutschen gekommen wäre:

http://de.wikipedia.org/w/index.php?tit ... 0822151514

Gruß,
Maria
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