Hallo zusammen,
da ich seit einer Woche ganz schwer im Stress bin, und auch abends haufenweise Erledigungen zu machen hatte, bin ich nicht dazu gekommen, mir ein neues Buch auszusuchen, nachdem ich Mary Roberts Rineharts „Die Wand“ beendet hatte. So wich ich erst mal auf mein ebook aus, das ich aber wirklich lieber Häppchenweise parallel lesen möchte, da mir sonst auf lange Sicht (immerhin hat „David Copperfield“ 1.000 Seiten) ein richtiges Buch in der Hand fehlt.

Gestern griff ich mir dann leider vorschnell eines, das ich auch begonnen habe. Aber ich habe festgestellt, dass es gerade nicht die richtige Zeit dafür ist. Michael Malones „Ein Winternachtsmord“ passt zwar zur Jahreszeit. Aber mir war der Humor darin für im Moment ein wenig zu viel. Zu viele spritzige Dialoge, die die Glaubwürdigkeit leicht ins wanken bringen – da muss ich Lust drauf haben. Derzeit habe ich sie nicht, es sei denn bei einem Krimi-Klassiker. Da darf es auch schon mal so richtig überzogen für mich zugehen, wenn es denn extrem nett gemacht ist.
So habe ich mich gestern umentschieden und lese seit heute morgen
“Winters Knochen“ von Daniel Woodrell. Jahreszeitlich passt es ebenfalls. Im Hinterland von Missouri beginnt der Winter. Der fällt dort immer sehr hart aus. Hart ist auch das Leben der jungen Ree Dolly, die aus ärmlichsten Verhältnissen stammt. Die Mutter ist pflegebedürftig, und der Vater ist untergetaucht. So muss sich Ree um ihre beiden jüngeren Brüder kümmern, und um die Mutter. Es ist kaum etwas zu Essen da, notdürftig hält sie alles am Laufen. Als eines Tages die Polizei der Familie Dolly einen Besuch abstattet, und Ree (stellvertretend für die Mutter) verkündet wird, dass der Vater einen Gerichtstermin hat, den er einhalten muss, da sonst das Haus der Familie verpfändet wird, welches er für seine Kaution hinterlegt hat, weiß Ree, dass sie ihren Vater bis zum Gerichtstermin finden und dazu bringen muss, vor Gericht zu erscheinen. Sie macht sich auf die Suche…
Sehr rau und somit auch sehr spürbar beschreibt Daniel Woodrell das Wetter. Man spürt den tief hängenden Himmel, und den Schnee, den beißend kalten Wind. Auch die trostlose Landschaft, und die ärmliche Behausung der Familie sieht man vor sich. Eine kühle und karge Sprache passt zu den geschilderten Verhältnissen. Von Sentimentalität findet sich keine Spur – und das ist gut so und sehr glaubhaft.
Ich freue mich aufs weiterlesen, und bin froh, dass ich nun endlich ein neues Buch für mich gefunden habe. Fühlte mich schon ganz komisch, so ohne Buch.
@Steffi: Mit Deiner Beschreibung von „Vom zweifelhaften Vergnügen, tot zu sein“ kann ich sehr viel anfangen. Dass Hallgrimur Helgason darin Halldor Laxness aufgreift, finde ich spannend. Und dass er aufzeigt, dass jeder ein Buch anders liest und empfindet, ist auch ein spannender Aspekt. Danke für Deinen interessanten Bericht!
@Sandra: Es ist wirklich schade, dass viele Autoren weiter schreiben, wenn längst die Luft raus ist. Bei Ingrid Noll scheint das leider der Fall zu sein. Da sollte man sich wohl besser an die älteren Romane halten. Ich habe von ihr noch „Kalt ist der Abendhauch“ vor mir. Da darf ich mich noch drauf freuen, wenn ich es irgendwann mal lese. Ein oder zwei höre ich wohl noch als Hörbuch, da ich die Hörbücher habe. Schade, die Ideen klingen immer gut, aber an der Umsetzung scheint es in den letzten Jahren zu hapern.
Hingegen Deine Beschreibung von Wolfgang Müllers „Kein Fall für Sie, Inspektor“ klingt absolut hinreißend! Schade, dass es das nur noch antiquarisch gibt. Aber vielleicht finde ich irgendwann ja mal ein gutes Exemplar. Schön, dass Du darauf einen Hinweis gegeben hast. Denn es hört sich wirklich gut an.
@Bonny: Ich musste lächeln über Deinen müden Tag gestern. Ich kenne das: Der Körper ist längst schon müde, aber der Geist noch so wach. Und am nächsten Tag übt der Körper schreckliche Rache. Je älter ich werde, umso weniger verzeiht mein Körper meinem Willen solche Eskapaden!

Aber recht hast Du: Es spricht für „Geisterfjord“, dass Du so lange gelesen hast.
@Maria @Steffi @Bonny: Ja, der zweite von Tana French ist ebenfalls klasse – und ganz anders. Und Euch allen sei gesagt, dass der dritte noch mal ganz anders ist. Und doch finden sich die typischen Tana French-Elemente in allen dreien wieder. Das finde ich sehr erfreulich! Vertrautes und Neues – so was verbinden die wenigsten Autoren (besonders dieses Genres).
Ich fand sie alle drei so unterschiedlich, und alle drei so gut (was für ein Lesesog – in allen dreien!), dass ich kein Ranking aufstellen kann. Ich fand sie, jeden auf seine Art, alle herausragend! Ich freue mich schon wahnsinnig auf den vierten im nächsten Jahr. Klingt abermals so gut!
Maria, Du bist ja jedenfalls durchgefegt!
@Maria: „Löwen“ von Blumenberg klingt interessant. Besonders, da Du auch „Blumenberg“ von Sibylle Lewitscharoff liest. Das ist sicher spannend. Aber auch die Idee des Buches „Löwen“ interessiert mich. Berichte doch mal weiter, ja?
Auch auf Deine Eindrücke vom neuen Eco bin ich gespannt. Eigentlich hatte ich ihn als Hörbuch notiert. Da die Meinungen zu dem Roman aber doch sehr verhalten sind, bin ich davon wieder abgekommen. So interessieren mich nun aber Deine Eindrücke sehr, damit ich meine Entscheidung festigen oder doch noch mal ändern kann.